Mats Hummels staunte, als ihm Thomas Tuchel im Trainingslager in der Schweiz die Übung erklärte. Sein neuer Coach gab ihm einen Gegenstand in die Hand, damit der Abwehrspieler nicht am Trikot des Gegners zupfte. Das soll er im Spiel auch nicht.

Eine andere ungewöhnliche Übung, die Tuchel bereits in Mainz durchführte: Um Diagonalbälle zu trainieren und seinen Spielern die üblichen Longline-Pässe abzugewöhnen, schnitt er die Ecken des Spielfelds ab, sodass von der Mittellinie die Außenlinien direkt zu den Torpfosten verliefen. Ein Pass der Linie entlang war nicht mehr möglich.

Was viele der Fans nicht wissen, wenn die Borussia am Donnerstagabend beim Europa-League-Quali-Spiel im österreichischen Wolfsberg ihr erstes richtiges Spiel unter ihm erlebt: Tuchel macht sich Erkenntnisse der Gehirnforschung zunutze, die ihm einst der Bewegungswissenschaftler Wolfgang Schöllhorn, Professor an der Uni Mainz, vermittelt hat.

Tuchel ist nicht der einzige Trainer, der das tut. Aber er ist Schöllhorns bekanntester Schüler und wohl auch derjenige, der seine Methoden in extremster Form anwendet. Was er auf dem Platz macht, nennt die Wissenschaft "differenzielles Lernen". Tuchel gibt nicht den Turnvater mit Trillerpfeife, sondern will, dass die Spieler neue Denkmuster finden.

Das Lehrbuch sieht anderes vor

Das differenzielle Lernen ist der Gegensatz zum einschleifenden Training, das in erster Linie auf Fehlervermeidung und ständigen Wiederholungen besteht. In Dortmund hingegen heißt das neue Zauberwort Variabilität. Die Idee fußt darauf, dass man den perfekten Bewegungsablauf im Spiel ohnehin nicht hinbekommt. Daher werden Fehler sogar bewusst ins Training integriert.

Schon in Mainz warf Tuchel seinen Spielern einen Satz der Basketball-Legende Michael Jordan an die Kabinenwand: "Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der alles entscheidende Wurf anvertraut. Und ich habe ihn verfehlt. Ich habe immer und immer wieder versagt in meinem Leben. Daher wurde ich so erfolgreich."

Und so lässt Tuchel Ballannahme und -führung nach der Fehlermethode trainieren. Gemäß Lehrbuch wird der Fuß nach Außen gedreht. Man versucht, den Abstand zwischen Fuß und Rasen so zu halten, dass der Ball angesaugt wird. Doch das bekommt man im Spiel unter höchstem Gegnerdruck meist nicht hin. Das sagen zumindest Schöllhorn und die Anhänger seiner Lehre.

Seine Untersuchungen scheinen Schöllhorn recht zu geben. Er ließ Probanden den Ball mit unterschiedlichen Körperteilen stoppen: mit dem Knie, mit der Wade oder mit der Innenseite. "Nach zwei bis drei Einheiten haben unsere Schüler den Ball signifikant besser gestoppt als eine Vergleichsgruppe, die es nach dem Lehrbuch versucht hat", sagt Schöllhorn.