Der Brite Chris Froome auf dem Weg zum Sieg am Mont Ventoux im Jahr 2013 © Bry Lennon/Getty Images

Während der Pubertät war die Tour de France meine Schlaftablette. Im Hochsommer gab es nach der Schule nichts Beruhigenderes als dieses ewig lange Radrennen. Jeden Nachmittag lauschte ich auf dem Sofa dem Kommentar der ARD. Eurosport übertrug zwar auch, aber zu aufgeregt, zu stressig. Die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren erzählten von Rotwein und Chalets, Burgen und Klöstern. Oft jammerten sie über Jan Ullrich, sein verschenktes Talent, und warum er die Tour dieses Jahr wieder nicht gewinnen würde.  

Ihre Stimmen erhoben die Reporter nur am Ende jeder Etappe. Dann wurde ich wach und bekam noch den einzigen Höhepunkt mit, den diese Veranstaltung bot: den Massensprint. Das Grüne Trikot des besten Sprinters gewann aber sowieso immer Erik Zabel, das war von Vornherein klar.

Ich sah also viel und verstand wenig. Bis zu diesem Nachmittag, an dem die Kommentatoren ganz laut wurden und ich aufwachte, aber gar kein Zieleinlauf zu sehen war. Stattdessen fuhr ein haarloser Mann in einem rosafarbenen Trikot einen kahlen Berg hinauf. Er trug weder Mütze, noch Brille, sein Oberkörper lag horizontal über dem Rad. Vom linken Ohr hing ein goldener Ring, der bei jedem Tritt heftig wackelte.

Ein Schutthaufen von Berg

Marco Pantani war allein mit der Menge, die hinter Absperrgittern in der Hitze johlte. Die Hubschrauberkamera zeigte eine steinerne Wüste, einen Schutthaufen von einem Berg, kahl und pflanzenlos, auf dessen Grat sich die Straße wand, die der einsame Italiener erklomm. Der Mont Ventoux, einer der vier legendären Anstiege der Tour de France.  

In diesem Jahr, dem Jahr 2000, siegte Marco Pantini am Ventoux. Auf den letzten Kilometern wurde er zwar von Lance Armstrong eingeholt, der im Gelben Trikot mit hoher Trittfrequenz den Anstieg hinaufbolzte. Zu einem Zielsprint kam es nach 149 Kilometern aber nicht mehr. Weil Pantani nicht mehr konnte und Armstrong nicht mehr wollte.  

Heute, 15 Jahre später, ist Marco Pantani tot und Lance Armstrong erledigt. Pantani starb in einem Hotelzimmer nach einer Überdosis Kokain; Armstrong wurde des systematischen Dopings überführt und aller seiner Tour-Titel entledigt. Beide sind entzaubert und gestürzt. Aber waren ihre Leiden deshalb wertlos? War die Etappe damals eine Farce? Kann man sich diesen Sport überhaupt noch ansehen? Konnte man je?

Wenigstens Paracetamol!

Zwölf Jahre nachdem mich der Ventoux zum Fan gemacht hatte, bin ich ihn selbst hochgefahren. An einem Juli-Nachmittag, in einem lächerlichen Tempo, stets auf der Suche "nach der Wunderübersetzung, die die Schmerzen auslöschen soll", wie Tim Krabbé in seinem Klassiker Das Rennen schreibt. Rennradfahren heißt, Leid auszuhalten, das man selbst hervorgerufen hat, schreibt er. Ein Rennfahrer bestehe aus drei Teilen, die gegeneinander kämpfen: Geist, Körper und Rad. Der Geist muss über Körper und Rad verfügen, bis das Hirn "Anstalten macht, sich wurstartig aus den Ohren zu stülpen". Bei jedem Anstieg, den er fährt, denkt Krabbé: "Es ist außerordentlich bedauernswert, dass ich das habe tun wollen."

Das dachte ich auch, als ich diesen Berg hinauffuhr. Jede Droge, die man mir angeboten hätte, hätte ich mir gespritzt, eingeführt, reingeworfen. Wenigstens Paracetamol! Aber ich hatte nur Wasser und davon auch noch zu wenig. Die Bergwanderer in der Provence feuern jeden Radfahrer, der an ihnen vorbeikriecht, mit allez! allez! an. Auf dem Asphalt standen noch die Namen der Profis. Es war schrecklich heiß, es war heißer als es steil war. Aber man muss, anders geht es nicht, und nach dem Kampf ist man frei. Das ist auch die Lehre, die der Radsport bereithält, allen Zweifeln zum Trotz. Ich habe zweieinhalb Stunden gebraucht. Pantani schaffte das damals in 59 Minuten.