"Für das Neue sollen wir eigentlich leben", dichtete Theodor Fontane vor ein paar Jahren. Für die Jüngeren: Theodor Fontane ist kein französischer U21-Stürmer, sondern war einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Realismus. Also praktisch der Bruno Labbadia der Schriftstellerei und deshalb hat Fontane mit seinen Weisheiten über alles, was neu ist, natürlich recht.

"Neu" ist das am häufigsten genutzte Adjektiv im deutschen Sprachgebrauch, neu ist immer gut. Deshalb schauen wir, was wirklich neu ist. Der Meistertitel geht mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder an den FC Bayern, der Relegationsplatz ist für den HSV gebucht, sonst aber ist allerhand neu in dieser Bundesligasaison 2015/16.

Neue Spieler:

105 Neuzugänge haben sich die Bundesligisten bislang geleistet. Darunter ein paar alte Bekannte wie Kevin Kuranyi und Piotr Trochowski, von denen man dachte, sie würden längst am Karibikstrand dösend ihre Karriere resümieren. Stattdessen tun sie sich noch einmal die Bundesliga an, Kuranyi in Hoffenheim, Trochowski in Augsburg. Noch mehr freuen wir uns auf die richtig Neuen, die Unbekannten: Was steckt in Schalkes brasilianischem Rechtsverteidiger Junior Caicara? Wird Jan Kliment überzeugen, den der VfB Stuttgart dem osteuropäischen Fußballriesen FC Vysočina Jihlava abluchsen konnte? Und warum hat Hannovers neuer Däne Uffe Bech so einen lustigen Namen?

Insgesamt 295 Millionen Euro gaben die Clubs für neue Spieler aus. Am tiefsten in die Tasche griff der FC Bayern, der unter anderem 37 Millionen für den chilenischen Straßenköter Arturo Vidal und 30 Millionen für den Brasilianer Douglas Costa hinlegte, der vor allem eins kann: sehr schnell rennen. Großer Gewinner der Transferperiode ist die TSG Hoffenheim, die sich vom FC Liverpool mit 41 Millionen Euro für Firmino zuschütten ließen, die höchste Ablösesumme, die je für einen Bundesligaspieler gezahlt wurde. Da sage noch einer, der Hopp-Club würde sich Erfolg kaufen. Er verkauft ihn.

Ein neuer Lieblingsspielername:

Ulisses Garcia, mit vollem Namen Ulisses Alexandre Garcia Lopes, lässt das Herz von uns Altphilologen höher schlagen. Der Vorname des 19-jährigen Neuzugangs des SV Werder ist der lateinischen Variante des Odysseus angelehnt, jenes Helden der griechischen Mythologie, der erst nach einem ausgedehnten Segeltörn durchs Mittelmeer wieder nach Haus fand. Und da Sportjournalisten über jedes schiefe Bild froh sind: Ulisses' Eltern sind auf den Kapverden geboren, gingen dann nach Portugal, wo ihr Sohn zur Welt kam. Dann ging es in die Schweiz, Ulisses hat daher auch eine Schweizer Staatsbürgerschaft und nun also Bremen, sein Ithaka, wo er auf der linken Abwehrseite helfen soll. Ulisses selbst weiß nicht, was sein Vorname bedeutet, das hat das Philologieblatt kicker (Die Irrfahrt des Ulisses Garcia) herausgefunden. Auch, dass Garcia von der Mannschaft den denkbar unpoetischsten Spitznamen verpasst bekommen hat: Uli. Banausen!

Neue Vereine:

Es ist unfair, einen Verein doof zu finden, obwohl er noch nicht mal richtig da ist. Aber der FC Ingolstadt, der 54. Club der Bundesligageschichte, macht es einem leicht. Der Automobilhersteller Audi hat seinen Sitz im Norden Ingolstadts (das Werksgelände ist so groß wie Monaco), sponsert den FC, ist Stadioneigentümer und über ein Tochterunternehmen 20-prozentiger Anteilseigner. Ohne die Euros von Audi ginge nichts im Verein, trotzdem wehren sich die Verantwortlichen gegen das "Werksclubgelaber". Dass der VW-Konzern, zu dem Audi gehört, auch schon am FC Bayern und VfL Wolfsburg Anteile hält, macht die Sache nicht besser. Dafür, dass Horst Seehofer in Ingolstadt lebt, kann der FC aber wirklich nichts.

Beim SV Darmstadt 98 dagegen schlägt das Herz des Fußballromantikers höher: Ein vor sich hin bröckelndes Stadion mit reichlich unüberdachten Stehplätzen, eine Mannschaft, zusammengestellt aus Versagern, und ein schnörkelloser Achtzigerjahrefußball. Wenn sich der SC Paderborn im vergangenen Jahr als krassester Außenseiter aller Zeiten bezeichnete, dann hat Darmstadt das noch einmal über- oder besser: unterboten. Die Mannschaft stieg erst vor einem Jahr in die Zweite Liga auf, wollte nur irgendwie drinbleiben und nun kommt bald Pep Guardiola, für den man "noch mal durchwischen wird". Der Trainer Dirk Schuster glaubt trotzdem daran, dass sein Team konkurrenzfähig ist. Er setzt auf die Euphorie in der Stadt. "Jedes zweite Auto hat einen Lilien-Aufkleber hinten drauf, aus fast jedem Balkon hängen Fahnen heraus. Überall werden wir angesprochen und motiviert – selbst im Wald bei unseren Läufen. Davon wollen wir uns tragen lassen", sagt er. Gute Nachrichten übrigens für alle Hamburg-Fans: In den beiden Jahren, in denen Darmstadt schon einmal in der 1. Liga spielte, wurde der HSV Deutscher Meister.