Vom MV-Effekt erzählte Gerhard Mayer-Vorfelder selbst gerne: Wer ihn, den Rechtsaußen der CDU, persönlich kennenlernte, war überrascht. Der wurde entwaffnet von der Höflichkeit und dem Witz eines geistreichen Gesprächspartners. Das war ein anderer als der, den man aus dem Fernsehen oder der Zeitung kannte. Wer ihm gegenüber saß, musste zugeben, dass er einem plötzlich sympathisch war. Auch wenn einen seine Sätze und Haltungen anwiderten. Gerhard Mayer-Vorfelder hielt auch seinen schärfsten Kritikern die Tür mit einem Lächeln auf.

Und MV, wie er genannt wurde, hatte einige Kritiker. Der ehemalige Finanz- und Kulturminister Baden-Württembergs gehörte einer Politikergeneration an, die Austeilen und Einstecken als Teil des Spiels begriffen. Im Nachkriegsdeutschland fochten sie andere Kämpfe als heute. "Ich bin fast täglich im Schützengraben gestanden", sagte er einmal. 1933 geboren, im Jahr der Machtergreifung der Nazis, haute er Sprüche raus, mit denen Ausstellungsmacher von Tatort Stadion, einer Initiative gegen Rassismus im Fußball, Stellwände bestückten.

1987 verglich er Hausbesetzer und linke Demonstranten mit der SA. Seinen Mentor Hans Filbinger verteidigte er, obwohl der ehemalige Militärrichter der Kriegsmarine 1978 von seinen politischen Ämtern zurücktreten musste. Er habe von ihm gelernt, sagte Mayer-Vorfelder, "stets mit offenem Visier zu kämpfen". Grundschulkindern wollte der Bildungspolitiker Mayer-Vorfelder alle Strophen der deutschen Hymne beibringen.

Deswegen gab es viele, die meinen, Mayer-Vorfelder hätte nie DFB-Präsident werden dürfen. Für sie war er Mitglied des schwarzen Filzes und eine Chiffre für den erzkonservativen, strippenziehenden Fußballboss. Zu aktiven Zeiten, als Präsident des VfB Stuttgart (1975-2000), Vorsitzender des Liga-Ausschusses des DFB (1986-2000) sowie als DFB-Präsident (2001-2006), war sein Ruf desaströs. Auch weil er in Fifa- und Uefa-Gremien mitgedealt hatte und eine enge Bindung zu Armin Klümper pflegte, dem Doping-Guru aus Freiburg. Im Stuttgarter Stadion verging kaum ein Spiel ohne "Vorfelder raus"-Chöre. Als ihn Theo Zwanziger an der DFB-Spitze ablöste, reagierten viele erleichtert.

Doch heute lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass Deutschland ohne Mayer-Vorfelder im Vorjahr kein Weltmeister geworden wäre. Nicht nur hat er 2004 Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer gemacht, der dem DFB wichtige Impulse gab. Vor allem war es Mayer-Vorfelder, der die Nachwuchsarbeit des deutschen Fußballs nach der schwachen EM 2000 reformierte. Nur so konnten Mario Götze, André Schürrle oder Thomas Müller zu den Spitzenfußballern werden, die sie jetzt sind.

Mayer-Vorfelder erkannte damals, dass sich der deutsche Fußball jahrelang auf Erfolgen ausgeruht und die Jugendarbeit vernachlässigt hatte. So richtete er im ganzen Land ein enges Netz an Stützpunkten zur Talentförderung ein. Profivereinen wurde erst empfohlen, später zur Auflage gemacht, Nachwuchsleistungszentren zu unterhalten, die regelmäßig zertifiziert werden. Die A-Jugend-Bundesliga wurde gegründet, der später die B-Jugend-Bundesliga folgen sollte.

Die sportlichen Ideen kamen von anderen, doch es brauchte jemanden mit Ausdauer und sportpolitischem Gewicht, der dieses Programm durchsetzte. Es kostete ja Geld. Es kostete auch die Einsicht, den Anschluss zur Weltspitze verloren zu haben.

"Damals gab es Widerstand in der Liga, dort fürchtete man, vom DFB gegängelt zu werden", sagte Mayer-Vorfelder, als er schon Ehrenpräsident war. "Jetzt schmücken sich viele damit." Sein Nachfolger Wolfgang Niersbach würdigt ihn heute als "eine prägende Figur des deutschen Fußballs". Die aktuellen Erfolge gingen auf Weichenstellungen zurück, die Mayer-Vorfelder mitgestaltet habe.

Dass der deutsche WM-Titel auch von Mesut, Jérôme und Sami erspielt wurde, wäre dem jungen MV womöglich einen reaktionären Spruch über "blonde Germanen" wert gewesen. Doch mit der sozialen Realität Migration hatte der alte MV seinen Frieden geschlossen. Für den SA-Vergleich der Hausbesetzer entschuldigte er sich. Winfried Kretschmann, den ersten grünen Ministerpräsidenten des Ländles, schätzte er. Und der Mayer-Vorfelder des Jahres 2011 klang so: "Wie schön, dass die Deutschen ohne Chauvinismus ein entspanntes Verhältnis zu nationalen Symbolen entwickelt haben."

Man kann Mayer-Vorfelders Leben wie einen Entwicklungsroman lesen, in dem der Hauptdarsteller reift und zu Einsichten gelangt. Spät, aber immerhin. Nun endet es. Gerhard Mayer-Vorfelder ist am Montag 82-jährig nach langer Krankheit in seiner Heimat Stuttgart gestorben.

Videointerview von 2011:

Fußball - Gerhard Mayer-Vorfelder im Gespräch