Als der junge Kevin Pannewitz sein Debüt im Profifußball gab, tat er das mit einem Knall. Sein gewaltiger Schuss landete an der Latte, vielleicht klingelt es manchem Zuschauer noch heute in den Ohren. Pannewitz spielte für Hansa Rostock, damals Zweite Liga. Seine präzisen Pässe und sein Instinkt für den freien Raum begeisterten die Fachwelt auch in den Monaten danach. Man musste kein Experte sein, um diesem Mittelfeldspieler eine Karriere in der Bundesliga vorauszusagen, vielleicht sogar eine in der Nationalelf. Jeder sah: Da kann einer mehr als die anderen.

Sechs Jahre ist das her. Doch wenn an diesem Wochenende die Bundesliga beginnt, wird Pannewitz nicht für Dortmund oder Schalke auflaufen, auch nicht für Frankfurt oder wenigstens die Hertha. Stattdessen kickt der 23-Jährige seit dieser Saison für Altglienicke, Sechste Berliner Liga. Dorfsportplatz statt Stadion. Lokalzeitung statt Sky.

Viele Fußballer versuchen alles, um Profi zu werden. Millionen Karrieren scheitern an mangelndem Talent. Manchen Fußballern gelingt es, dies mit Ehrgeiz und Kampf wettzumachen. Talent hatte Pannewitz mehr als genug, hat es noch heute. Warum aus dem Hochbegabten nie ein Bundesligaspieler werden sollte, hat einen anderen Grund.

Diesen Grund sieht man sofort, wenn man Pannewitz trifft. Man sieht ihn unter dem T-Shirt, genauer: an dessen Wölbung über der Gürtellinie. Diesen Grund kann man auch mit einer Zahl benennen: 104. So viele Kilo wiegt Pannewitz bei 1,85 Metern Größe. Und das nicht erst heute. Gewichtsprobleme begleiteten ihn stets. Der Boulevard taufte ihn "Wannewitz", mehrmals wurde er in Rostock nach dem wöchentlichen Wiegen aussortiert.

"Ich esse nicht zu viel, sondern zu spät", sagt Pannewitz, dessen Wangen in der Augustsonne strahlen. Es sei eine Angewohnheit, die er nicht überwinden könne. Er isst nicht zu viel, sondern nur zum falschen Zeitpunkt, will er damit sagen. Man will ihm diese Erklärung gerne durchgehen lassen. Doch er glaubt sie vielleicht nicht mal selbst. Denn er sagt auch: "Ich hätte jemanden gebraucht, der 24 Stunden auf mich aufpasst."

Pannewitz führt "die paar Kilo zu viel" und seine fehlende Disziplin auch auf die ersten Begegnungen im Fußballgeschäft zurück. Als er zu den Profis berufen wurde, nahmen sich einige Führungsspieler seiner an. Sie förderten ihn in der Kabine und im Training. Sie förderten ihn – leider – auch abends. Nahmen den Jungprofi mit auf Sauftouren. Wollten ihn in ein Striplokal ziehen. "Für mich war das Normalität", sagt Pannewitz heute. "Ich habe es nie anders kennengelernt."

Harte Sachen trank er auswärts

Pannewitz und Hansa quälten sich, am Ende verloren beide. Hansa stieg ab, auf und wieder ab. Pannewitz spielte meist hervorragend, wenn er nicht aus disziplinarischen Gründen auf der Tribüne saß. Einmal musste er zuschauen, weil er im Nachtclub erwischt wurde. Weil er die Teamkollegen abholen wollte, wie er sagt.

Wie ein Profi lebte Pannewitz nie. Sprach auch nie so. Seine Sätze sind nicht geschliffen, die Gedanken ungefiltert. Fragt man ihn nach dem Gerücht, dass sein ehemaliger Trainer seine Wohnung nach Spirituosen inspiziert haben soll, sagt Pannewitz, das sei erlogen. Außerdem habe er die harten Sachen nur auswärts getrunken.

Seine Zeit in Rostock endete dramatisch. Pannewitz bestritt in der Saison 2011/2012 nur gut die Hälfte der Spiele. Obwohl Hansa mit ihm fast doppelt so viele Punkte holte wie ohne ihn, wurde er zum Gesicht des Abstiegs. Vor allem, weil er sich bei der vorentscheidenden 0:5-Niederlage gegen den FSV Frankfurt von den Stürmern abhängen ließ.

Seine Stärken, Stellungsspiel und Timing im Zweikampf, ließen ihn an diesem Tag im Stich. Und die Folgen von Fehlern waren bei Pannewitz meist gravierender als bei anderen, weil ihm die Athletik fehlte, um sie auszugleichen.