Teilnehmerinnen des 4x400-Meter-Rennens der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich © Dean Mouhtaropoulos/Getty Images

Die deutsche 1.500-Meter-Läuferin Denise Krebs hat in dieser Woche die Silbermedaille gewonnen. Für ein Rennen, das sie schon vor vier Jahren lief. Für ein Rennen, in dem sie eigentlich Fünfte wurde. Doch drei andere Sportlerinnen, die während der Universiade 2011 in China vor ihr ins Ziel kamen, wurden mittlerweile disqualifiziert wegen Dopings, zwei Russinnen, also erst Bronze für Krebs, und jetzt auch eine Türkin. Nun also Silber. Ist doch schön, oder? "Es kotzt einen an", sagt Denise Krebs.

In der Leichtathletik passiert so etwas immer öfter. Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert wurde ingesamt 13 Mal nachträglich hochgestuft, weil andere gedopt hatten. Sie hat auf dem Papier mehr Medaillen gewonnen als im Ring. Der Hammerwerfer Markus Esser hat zum Abschluss seiner Karriere in diesem Sommer die Bronzemedaille der EM 2006 gewonnen. Für die WM 2005 gewann er nachträglich Silber, obwohl er damals Vierter geworden war, gleich zwei Konkurrenten wurden nachträglich disqualifiziert.

Es klingt ein wenig wie beim Radsport. Dort sind die Listen der Fahrer, die die Tour de France um die Jahrtausendwende gewannen, mittlerweile sehr ausgedünnt. Die Leichtathletik ist auf dem besten Weg zum neuen Radsport zu werden: Verlacht, verhöhnt und irgendwann schaut niemand mehr hin, weil niemand mehr glaubt.

Doping, Korruption und Gier

Es ist ein Jammer. Leichtathletik, die Mutter aller Sportarten, die Königin der Olympischen Spiele, sie könnte der schönste Sport sein. Sie hat Tempo und Dynamik, die Bewegungen sind so einfach, dass jedes Schulkind sie nachmachen kann. Wenn sich Kinder sportlich messen, rennen sie um die Wette oder werfen irgendetwas so weit sie können. Die Leichtathletik könnte sogar dem Fußball ein wenig Popularität abnehmen, dessen Alleinherrschaft dem Sport überhaupt nicht gut tut.

Stattdessen: "Es kotzt einen an." Wenn am Samstag die Weltmeisterschaft in Peking beginnt, fällt das mit der wohl größten Krise zusammen, in der die Leichtathletik je steckte. Dabei geht es nicht einmal um den Austragungsort mit dem ewigen Thema Menschenrechte. Es geht auch nicht um die Frage, wie sich die etwas verknöcherte Leichtathletik attraktiver und frischer präsentieren kann. Nein, so einfach und romantisch Laufen, Springen und Werfen sind, so düster ist der Dreiklang aus Doping, Korruption und Gier.

"Ihr habt meinen Kindheitstraum zerstört"

Jede dritte Medaille bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sei an Athleten mit auffälligen Blutwerten vergeben worden, berichtete die ARD kürzlich in ihrer Dokumentation Geheimsache Doping (zum Video), der eine interne Datenbank des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) zugrunde lag. Die Blutwerte jedes siebten Athleten seien auffällig, in einigen Nationen wie Kenia ist sogar jeder zweite verdächtig. Bereits im Dezember hatte der Sender Dopingpraktiken im russischen Verband offengelegt.

Und es wird nicht nur gedopt, sondern auch weggeschaut, von ganz oben. Erst am Wochenende wurde bekannt, dass die IAAF seit zwei Jahren die Veröffentlichung einer Dopingstudie blockiert. Wissenschaftler der Universität Tübingen hatten während der Leichtathletik-WM 2011 in Südkorea Hunderte Athleten interviewt. Etwa ein Drittel gab zu, in den zwölf Monaten vor der WM gedopt zu haben. Positiv oder auffällig getestet werden aber regelmäßig nur ein bis zwei Prozent der Sportler.

Das Dopingproblem der Leichtathletik ist ein Problem in sich. Während die Sportler bei großen Wettkämpfen nach bestimmten Standards getestet werden, werden die viel wichtigeren Kontrollen während der Trainingsphasen, in denen hauptsächlich gedopt wird, sehr unterschiedlich gehandhabt. Das deutsche Kontrollsystem ist vergleichsweise gründlich. Das in Jamaika, zurückhaltend formuliert, eher lückenhaft. Es profitieren also Sportler aus Ländern, die es mit den Dopingkontrollen nicht ganz so genau nehmen.

Kein Wunder also, dass sich deutsche Sportler betrogen fühlen. Der Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der in Peking wegen einer Verletzung nicht starten wird, drehte mit anderen deutschen Leichtathleten ein Video. "Liebe IAAF, wir können dir nicht mehr vertrauen", sagt Harting. "Euch ist Geld wichtiger als Athleten", sagt die Hammerwerferin Kathrin Klaas. "Ich möchte gegen saubere Athleten laufen – nicht gegen Monster", steht auf einem Schild, das der 800-Meter-Läufer Robin Schembera in die Kamera hält. Und die Diskuswerferin Julia Fischer sagt: "Ihr habt meinen Kindheitstraum zerstört."

Die Wut der Athleten ist verständlich. Wer zur Weltmeisterschaft fährt, steht plötzlich wieder Konkurrenten gegenüber, die schon einmal gezeigt haben, dass sie es mit der Fairness nicht ganz so genau nehmen:

  • Der US-amerikanische Sprinter Justin Gatlin zum Beispiel, der Olympiasieger und Weltmeister, der mehrmals positiv getestet wurde, dem daher eigentlich eine lebenslange Sperre drohte. Er stellte sich jedoch der US-Anti-Doping-Agentur als Kronzeuge zur Verfügung, woraufhin seine Sperre erst auf acht Jahre und später auf vier reduziert wurde. Mittlerweile läuft Gatlin, 33 Jahre alt, schneller, als er es zu seiner Dopingzeit tat.
  • Oder Tyson Gay, ebenfalls ein Sprinter aus den USA, ebenfalls Weltmeister, ebenfalls gesperrt, ebenfalls wieder dabei.
  • Oder Jamaikas Ex-100-Meter-Weltrekordler Asafa Powell, der statt seine zwei Jahre Sperre abzusitzen, nach einem halben Jahr wieder laufen durfte.
  • Oder Iwan Tichow, ein belarussicher Hammerwerfer, dreimal Weltmeister, zweimal positiv getestet.
  • Oder Veronica Campbell-Brown, die dreimalige Olympiasiegerin aus Jamaika, die von ihrem Heimatverband nur öffentlich verwarnt wurde.
  • Oder die Kroatin Sandra Perković, Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Diskuswurf.
  • Oder die Russin Jekaterina Konewa, Dreispringerin, zwei Jahre gesperrt.
  • Oder der amerikanische Olympiasieger LaShawn Merritt, 400-Meter-Läufer, der angab, ein Mittel zur Penisvergrößerung genommen zu haben, ohne das Kleingedruckte gelesen zu haben.

Und das sind nur die, die erwischt wurden.