1992 redete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit dem ghanaischen Fußballer Antony Yeboah, der damals für Eintracht Frankfurt spielte, über Alltagsrassismus. Die Redakteure fragten nach seiner Wohnung (ein Reihenhaus), seinem Auto (einem BMW) und bemerkten, dass er oft über Leistung spreche. "Ist ihnen bewusst, dass sie wie ein deutscher Musterbürger wirken", fragten sie. Yeboah entgegnete: "Soll ich ein Lagefeuer im Wohnzimmer machen?"  

Wenige Wochen zuvor war ein Asylbewerberheim in Rostock abgebrannt, Passanten klatschen Beifall. Neonazis zogen, dumme Parolen grölend, durch die Straßen. Auch im Fußballstadion roch man den Nazimief. Dunkelhäutige Spieler mussten Affenlaute ertragen, Bananen flogen, Reichskriegsflaggen wehten. In den Stadien feierten sich die Schlägertruppen der Hooligans, die meisten stramm rechts. "Asylanten" war eine Form der Gegnerbeschimpfung. Nur wenige störten sich daran.

In diesen Tagen bringen einige Dumpfe den Gestank der frühen Neunziger zurück, sie zündeln und geben sich als besorgte Bürger. Doch etwas ist anders: Viele Leute helfen. Und in den Fußballstadien hängen Plakate wie "Refugees welcome" oder "Europas Grenzen töten". Fußballfans sind politische Botschafter geworden. Sie setzen sich für Flüchtlinge ein. Wie kam es dazu?  

Einige Stadiongänger, die damals nicht länger schweigen wollten, schlossen sich 1993 zusammen, gründeten "Baff", das Bündnis aktiver Fußballfans. Sie setzten sich gegen Rassismus und Faschismus in Stadien ein. Baff organisierte gegen den Widerstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Ausstellung Tatort Stadion, die rechtsextreme Übergriffe dokumentierte und die reaktionären politischen Ansichten von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder beleuchtete. Bis heute tourt die Folgeausstellung durch Deutschland. Der bekannteste Baff-Mitarbeiter, Gerd Dembowski, berät mittlerweile die Fifa in Antidiskriminierungsfragen.

Vortrag über Pegida in Bayern

"Heute ist die Saat von Baff aufgegangen", sagt Richard Gebhardt, ein Politologe aus Aachen. "Das waren die Wegbereiter für einen Wandel in den Stadien." Gebhardt geht seit mehr als zwanzig Jahren regelmäßig ins Stadion. Erst durch Baff sei ein Bewusstsein für Rassismus und Ausgrenzung im Stadion geschaffen worden. Und das in einem politischen Klima, in dem Medien und Politiker mit der Das-Boot-ist-voll-Rhetorik spielten.

Sicher, auch die deutsche Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren gewandelt. Und auch wenn Gebhardt Stadien nicht als Spiegel oder gar Querschnitt der Gesellschaft sieht, ein Seismograf für eine gewisse Stimmung seien sie in jedem Fall. Dieser Seismograf macht Mut, er zeigt ein toleranteres, moderneres, offeneres Deutschland.

Als Simon Müller anfing, im Stadion den FC Bayern zu unterstützen, liefen auf Auswärtsfahrten im Bus auch mal Lieder der Rechtsrocker von Landser. Das war 1997. "Die bestimmenden Kräfte damals waren rechtsoffen", sagt Müller. Darauf hatten viele Bayernfans keine Lust mehr, sie gründeten 2002 die Ultra-Gruppe Schickeria München, heute eine der bekanntesten Szenen Deutschlands. Bei jedem Spiel hängt in der Münchner Südkurve eine Ultras-gegen-Rassismus-Fahne. Die Ultras der Schickeria haben ihre Meinung nie versteckt: "Das gehört seit jeher zu unserem politischen Selbstverständnis", sagt Müller.

Um die Jahrtausendwende bildeten sich an vielen Orten in Deutschland die ersten Ultra-Gruppierungen nach italienischem Vorbild. Ging es anfangs vor allem um optischen und akustischen Support, zeigten einige bald auch politische Haltung.  

"Wir sind die Themen aggressiv angegangen", sagt Müller. Eines der wichtigsten Instrumente der Bayern-Ultras ist bis heute das Kurt-Landauer-Turnier, das seit 2006 jährlich zu Ehren des von den Nazis vertriebenen jüdischen Ehrenpräsidenten ausgetragen wird. Über 1.000 Fans trafen sich im Juli auf einem Sportplatz in der Nähe von München. Ein Auszug aus dem Programm: ein Vortrag über Pegida-Bewegungen in Bayern, einer zur aktuellen Flüchtlingssituation in Europa und eine Besprechung des Landauer-Films. Eingeladene Redner wie der Historiker Dietrich Schulze-Marmeling waren von der Neugier der Fußballfans beeindruckt.