Als Graham Spiers noch ein Kind war, stand er Woche für Woche im Stadion des schottischen Traditionsclubs Glasgow Rangers, er wuchs mit dem Verein auf. Seit er als Journalist über die Rangers schrieb, ebbte seine Zuneigung ab. Spiers berichtete immer häufiger über kritische Themen wie die lange Zeit verbreiteten anti-katholischen Fangesänge oder die Steuerspartricks des Clubs, die 2012 zur Insolvenz der Betreibergesellschaft führten. Die Rangers mussten in die vierte Liga.  

Seine Texte seien immer korrekt gewesen, sagt Spiers, aber unbequem. Nun hat der Club reagiert: Er schloss ihn aus. Spiers darf im Stadion nicht mehr als Journalist arbeiten. "Ihnen gefällt einfach nicht, was ich schreibe", sagt er.

Journalisten müssen immer öfter vor dem Stadion bleiben. Nicht nur, aber vor allem in Großbritannien. Neben den Glasgow Rangers haben auch die Clubs aus Southampton, Sunderland, Blackpool, Port Vale, Rotherham, Newcastle, Nottingham Forest und Swindon Town unliebsame Journalisten verbannt. Die britische Journalistenvereinigung National Union of Journalists (NUJ) warnt vor einem Trend.  "Wir bewerten das als Zensur und werden das nicht akzeptieren", sagt die NUJ-Sprecherin Frances Rafferty. 

"Medien brauchen uns mehr als wir sie"

Lee Power ist der Besitzer des englischen Drittligisten Swindon Town. Auch er mag Journalisten nicht mehr, ist genervt von der ständigen Miesmacherei. Pressekonferenzen schaffte er ab, Interviews mit Spielern und Trainern sind tabu. Zumindest jene, die von einem Sportjournalisten geführt werden. Der Pressemann des Clubs übernimmt diesen Job. Quengelnde Fragen zur Taktik oder zur Führung des Vereins wird er wohl keine haben.

Fans des Clubs finden Nachrichten künftig nur noch in einer App, die vom Verein gefüttert wird. Power erhofft sich davon zusätzliche Einnahmen. Einnahmen, die etwa dem Lokalblatt Swindon Advertiser verloren gehen könnten, das wurde auch ausgeschlossen. Mitleid hat Power keines. "Die lokalen Medien brauchen uns mehr als wir sie", sagt er. Eine Todeserklärung an den Journalismus.

Sportjournalisten brauchen Zugang. Sie beobachten das Spiel, sezieren, analysieren, stellen Fragen. Wer aber stellt in Swindon die Fragen des Publikums? Die nach dem richtigen Trainer in schlechten Zeiten, die nach der optimalen Aufstellung? Wer horcht nach der Stimmung in der Mannschaft und ist idealerweise nicht Teil davon? Wer deckt einen Finanzskandal oder Ähnliches auf? Möchte ein Verein nicht, dass ihm unbequeme Fragen gestellt werden, bedeutet das meistens vor allem eines: Dass er keine gute Antworten hat.

Swindon Town hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die dem Fußballpublikum eines glauben lassen möchte: Den Journalismus, den es bislang gab, braucht es nicht mehr. In Großbritannien werden gerade grundsätzliche Fragen ausgehandelt: Sollen Fußballfans nur das erfahren, was ihr Verein will? Oder auch das, was er nicht will?  

Geld gegen Interviews

Auf der Insel wird heftig debattiert. In einer Radiosendung entlarvte Tim Luckhurst, ein BBC-Journalist, der nun am Journalismus-Zentrum der University of Kent arbeitet, die Strategie von Glasgow und Swindon: "Es schaut ein bisschen aus wie Journalismus und es hört sich auch ein wenig danach an, aber es ist kein Journalismus. Es ist PR mit dem klaren Ziel: Eigenwerbung." Auch andere Medien wie der Guardian und der TV-Kanal Channel 4 sehen die Entwicklung mit Sorge.

Journalisten auszusperren hat in Großbritannien Tradition. Kein anderer Verein hat das seit 2007 so oft getan wie der Premier-League-Club Newcastle United. Deren Vorsitzender Mike Ashley hat eine Art Belohnungssystem für freundliche Berichterstattung eingeführt. Als im Juni Steve McLaren als neuer Coach präsentiert wurde, durfte nur der Daily Mirror ein Exklusivinterview führen

Gleichzeitig erhöhte die Sportartikel-Kette Sports Direct die Zahl der Anzeigen im Daily Mirror. The Times beziffert die  Unterstützung für das Medium auf bis zu 550.000 Euro pro Jahr, der Mirror zahlt im Gegenzug 350.000 Euro für Werbebanden in der Jugendakademie von Newcastle United. Der Besitzer von Sports Direct ist Newcastle-United-Boss Mike Ashley. Geld gegen Interviews, das ist der Deal. Die Trennung von Anzeigen und redaktionellem Inhalt wird aufgeweicht. "Das darf einfach nicht sein", sagt Frances Rafferty vom Journalistenverband NUJ. "Eine unabhängige Berichterstattung ist nicht mehr gesichert."

Die NUJ hat den Präsidenten des englischen Fußballverbandes, Greg Dyke, angeschrieben und ihn gebeten, einzugreifen. Dyke, selbst ein ehemaliger Journalist, antwortete, dass er die Sorge sehr ernst nehme, aber nicht zuständig sei. Die Ligen machten schließlich die Regeln. Also schrieb die NUJ auch die Ligen an. Bislang antworte nur die schottische: Graham Spiers und ein Kollege der BBC, der ebenfalls verbannt wurde, seien Einzelfälle. Man erkenne keine generelle Ablehnung Medien gegenüber, hieß es von Neil Doncaster, dem Chef der Liga. Keine gute Haltung, sagt die NUJ.