Wir schweigen. Wir bereiten keine Trauerrede vor. Wir hängen keine Girlanden auf, wir besorgen keine Luftballons, wir installieren keine Pyrotechnik. Wir stellen nichts kalt, kein Frustbier und keinen Champagner. Wir formulieren kein Fazit. Wenn wir eins gelernt haben in all den Jahrzehnten in der Turnhalle: Vor wichtigen Spielen wird nicht über die Zukunft geredet. Heute kann Deutschland ausscheiden, heute könnten wir Zeugen werden des vielleicht letzten Länderspiels des großen Dirk Nowitzki. Alle hoffen, dass es noch weitergeht. Alle ahnen etwas, natürlich, klar, alle rechnen mit irgendetwas, mit Rührung, mit Ovationen, mit Tränen. Mit Stolz. Aber wir halten die Fresse. Ein Sieg ist weit weg, das Weiterkommen der deutschen Mannschaft zur Endrunde in Frankreich ebenso. Deutschland gegen Spanien, wer verliert, scheidet aus. An einen Betonpfosten hat jemand einen Zettel geklebt: "Bis Finale: Lille Centreville Doppelzimmer Hotel Brueghel abzugeben. Billig!!!" Alle lesen die Prognosen der Experten, alle sortieren die Zahlen und Wahrscheinlichkeiten. Niemand sagt etwas.

Jedes Spiel dieser EM habe ich mit anderen Basketball-Enthusiasten gesehen, mit Fans, Fußballnationalspielern, Sponsoren, Legenden und Spielermüttern. Mit anderen Augen, mit ihrem Blick. Heute treffe ich den alten Kommentatorenhasen Andreas Witte an seinem Arbeitsplatz am Spielfeldrand, ganz nah dran und live auf Millionen Fernsehgeräten.

Witte überträgt seit 1984 Basketballspiele, damals für den Sender Freies Berlin. Nationalmannschaft seit dem Supercup 1987 in Dortmund, dann die Quali für die Olympischen Spiele 1992. Seit dem Europameistertitel 1993 macht er den Job für die ARD. Seit zwei Jahren spielt er selbst nicht mehr, Meniskus. Witte hat alles gesehen, er hat alles kommentiert, jetzt kommt er kurz vor der Sendung in die Halle und sagt ebenfalls nicht viel. Ein ruhiger Mann, eine historische Stimme. Wir reden über das Spiel gegen die Italiener und die taktischen Feinheiten, über Nervosität und Zigaretten und dass er schon seit Jahren nicht mehr raucht, dann klingelt sein Telefon. "Moment", sagt Witte. Co-Trainer Henrik Rödl ist am Apparat, die beiden kennen sich seit Ewigkeiten. Das Gespräch ist kurz, die Themen sind klar: die Starting Five, die taktische Ausrichtung, die Nachbereitung des Spiels am Vortag. Warum, fragt Witte, stand Anton Gavel im vierten Viertel so oft hinten in der Zone? Die Antwort weiß allein die laut rauschende Lüftungsanlage.

Der beste Platz im Haus gehört Andreas Witte, dritte Reihe Mitte, leicht erhöht. Die Halle köchelt. Vor ihm zwei Bildschirme, Fernsehsignal und Statistiken. Man sieht hier besser als die Trainer! Vor Witte liegen die Lebensläufe der Spieler, viel Textmarker, viele Gedanken in pink und neongelb. Rechts neben ihm sein Kommentatoren-Assistent, links Theo Breiding, Fachmann und Freund, rau und herzlich. Die beiden haben jahrelang Basketball im Radio übertragen, dann im Fernsehen und in Zeitungen. Witte und Breiding sind Waldorf und Statler, sie sitzen immer noch in ihrer Loge. Ob er froh sei, dieses große Spiel kommentieren zu können, frage ich, ob er auf die Möglichkeit des Ausscheidens vorbereitet sei? Witte lächelt. "Pešić hat immer gesagt", sagt er, wartet und wechselt dann in eine perfekte Imitation des legendären Coaches, rollendes R und raue Grammatik, "Deutscher Basketball ist achtzig Prozent Niederlage." 

Witte ist vorbereitet, ich nicht.

Möglicherweise zum letzten Mal die Hymne, das denken alle, deswegen singen alle etwas zu laut mit. Ein Pfeifen im Keller. Die Spanier werden mit Respekt empfangen, vielleicht ist es auch Angst, denn eigentlich ist es bizarr, dass diese spanische Mannschaft hier und heute ums Überleben ringt. Witte hat sein Headset aufgesetzt und redet zur Basketballnation, aber es ist viel zu laut in der Halle, um irgendetwas zu verstehen. Ab und zu dringt ein Fetzen Fernsehstimme zu mir durch, "das ist die große Gefahr" schnappe ich auf.