Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein alltägliches Fußballspiel. Zwei Spielertrauben stecken vor dem Anpfiff die Köpfe zusammen, sie stehen im Kreis, motivieren sich laut, Arme umklammern Schultern. Erst als sich die Spieler über den Platz verteilen, erkennt man Ungewöhnliches. Die Mannschaft in den lilafarbenen Trikots besteht fast ausschließlich aus dunkelhäutigen Spielern. Auf ihren Rücken steht Welcome United.

Welcome United ist die Flüchtlingself des SV Babelsberg 03 aus Potsdam. Sie ist die erste reine Flüchtlingsmannschaft, die am regulären Spielbetrieb teilnimmt. Ihre Schicksale sieht man den jungen Männern auf dem Feld nicht an. Vor Monaten flohen einige vor Bomben und islamistischem Terror, andere vor Milizen und Diktatoren. Knapp entgingen sie religiöser und politischer Verfolgung. Freunde und Verwandte starben auf der Flucht, als sie von Schleuserbanden über das Mittelmeer oder die Balkanroute geschleppt wurden. Ihr altes Leben mussten sie zurücklassen, ein neues im fremden Deutschland finden. Der Fußball soll ihnen dabei helfen. Ihn versteht man in Babelsberg als Einstieg in ein Leben nach Krieg und Terror.

Mit Spielbeginn sticht ein Spieler hervor. Er trägt die 18, ist groß und hat lange Beine, trotzdem spielt er gewandt. Man sieht ihn überall auf dem Feld. Im Angriff oder im Mittelfeld, wo ihn seine Mitspieler bevorzugt suchen. Manchmal lässt er sich bis vor die Verteidigung fallen. Er heißt Abdihafid Ahmed. Seine Mitspieler nennen ihn Abdi. In Somalia war er Nachwuchsnationalspieler, gehörte zu den besten Talenten des Landes.


Dann stürzte das Unglück über ihn. Islamisten wollten ihn für ihren Terror rekrutieren. Sein Vater stellte sich dagegen und wurde erschossen. Abdi musste fliehen, es ging um sein Leben. 5.000 Kilometer durch Afrika, über das Mittelmeer nach Italien. Das Boot sank, mehr als hundert Menschen ertranken, als einer von sehr wenigen konnte sich Abdi retten.

Viele seiner Kollegen können ähnliche Geschichten erzählen. Sie kommen aus Nigeria, Somalia, Kenia, Kamerun oder Mazedonien. Beim Spiel gegen die Potsdamer Sport-Union stehen Spieler aus acht Nationen in der Startaufstellung, darunter Christen und Muslime. Manche sind geduldet oder haben bereits die Aufenthaltsgenehmigung, konnten eigene Wohnungen beziehen. Andere wohnen in verschiedenen Unterkünften der Stadt. Sie spielen und leben im Ungewissen.

Fair Play ist Gebot

Aus ihnen ist eine Mannschaft geworden, wenn auch ohne DFB-Branding. Wenn einer im Spiel die deutschen oder englischen Anweisungen des Trainers Sven George nicht versteht, helfen sie sich gegenseitig. "Bei uns reden wir nicht über Religionen. Wir sind eine Familie", sagte ein Spieler in einer TV-Doku. Das bestätigt Thoralf Höntze, einer der Betreuer, er sagt: "Die Mannschaft harmoniert in der Kabine."

Höntze sagt auch: "Auf dem Platz muss sie sich noch besser einspielen." Man erkennt, was er meint. Welcome United ist eine heterogene Mannschaft. Manche wie Abdi tanzen ihre staksigen Gegner aus der Kreisklasse schwindelig. Andere tun sich schwer, den Ball zu stoppen, und wirren auf dem Platz umher.

Es kommt auch zu Fouls. Mehrmals räumen United-Spieler übermotiviert ihre Widersacher ab. Dennoch ist die Stimmung friedlich. Nach jedem missglückten Tackling gibt es Handshakes. Als ein Stürmer seine Gelbe Karte nicht versteht, nimmt ihn der Schiedsrichter zur Seite. Auf Englisch erklärt er die Entscheidung. Der Spieler nickt, rennt zum gefoulten Gegenspieler und reicht ihm die Hand. Sein Trainer lächelt. Fair Play ist George wichtig. Deshalb schimpft er manchmal mit seinen Spielern. Es sind Mahnungen, die aus dem Herzen kommen. Er betrachtet Fair Play als Teil seiner Aufgabe, für die er aus politischer Motivation zu den Babelsbergern gewechselt ist. Er sehe sich mehr als Lehrer denn als Trainer, sagt er. "Ich möchte den Jungs Werte vermitteln."

Abdihafid Ahmed führt das Team an, seine Mitspieler nennen ihn Abdi. ©SVBabelsberg03