Es ist der 4. Juli 1954, als der elfjährige Gerd Wenzel unter seinem Küchentisch sitzt und mit zwei Freunden hemmungslos weint. Vor Freude, denn soeben hat Heribert Zimmermann die heute legendären Worte gebrüllt: "Aus, aus, das Spiel ist aus!" Deutschland ist zum ersten Mal Fußball-Weltmeister. Unter einer großen Bettdecke versteckt haben die drei das Spiel verfolgt, hier in der Dimitroffstraße, Ostberlin, das Radio gedämpft, es ist eine Zeit, in der man nie wissen kann, was die Nachbarn so alles hören.

Die Elite der DDR war natürlich für den Finalgegner Ungarn, also hatte es auch das Volk zu sein. Schon in der Schule wurden die Jungs darauf eingeschworen, Westrundfunk war offiziell verboten. Der kleine Gerd ahnt damals nicht, dass er selbst einmal solche Fußballspiele moderieren, dass 37 Jahre später eine Karriere beginnen wird, wie sie ungewöhnlicher kaum sein könnte. In einem Land, von dem er damals ebenfalls noch nichts weiß.

Heute ist Gerd Wenzel einer der bekanntesten Fußballmoderatoren Brasiliens, berichtet seit fast 25 Jahren jedes Wochenende im TV über die Bundesliga. Er fachsimpelt, kommentiert, fiebert mit, betreibt eine Website und ist in einem fußballverrückten Land zur Legende geworden.

"Wir werfen dich raus, du Scheiß-Stasi-Agent!"

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, "verdankt" er einer drastischen Entscheidung. Nur ein Jahr nach dem Finale von 1954 flieht er mit seiner Mutter vor dem Regime nach São Paulo. "In der DDR war es damals einfach nicht mehr auszuhalten", sagt er heute. "Jeder glaubte, dass es irgendwann zwischen den Amis und den Russen knallen würde." Freunde, die in den 30er Jahren vor den Nazis geflohen waren, unterstützen die Wenzels.

Gerd kommt im Sommer 1955 in seiner neuen Heimat an. Mit seinen neuen Schulfreunden lernt er schnell Portugiesisch, geht ins Pacaembu-Stadion, bejubelt den FC Santos und den schon damals legendären Pelé. Im Radio läuft Tom Jobim rauf und runter, der Bossa Nova wird geboren, die heutige Hauptstadt Brasilia gebaut.

Gerd Wenzel © ESPN Brasil

"Die Demokratie blühte", beschreibt es Wenzel heute. Aber nur kurz, schon 1968 erlebt Wenzel ein ganz anderes Brasilien. Er hat sich zuvor für ein Theologie-Studium entschieden, liest mit Inbrunst die Biographien von Gandhi, Bonhoeffer und Martin Luther King, versucht, die Lehren von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung auch als junger Pastor in Minas Gerais zu lehren. Das passt der damaligen Militärdiktatur überhaupt nicht, und so wird der junge Gerd auf Druck der Mächtigen erst seines Amtes enthoben, bevor er verhaftet und eingeschüchtert wird.

Noch heute erinnert er sich an dieses traumatische Ereignis, wenn er sagt: "Für brasilianische Verhältnisse war das damals wohl eine normale Zelle: Kein Bett, Loch im Boden für die körperlichen Bedürfnisse, kein Fenster, kein Licht." Zehn Tage hält man ihn fest, dann droht man ihm am Ende eines stundenlangen Verhörs: "Du kommst jetzt frei, aber wir werden dich aus unserem wunderbaren Land rauswerfen, du Scheiß-Stasi-Agent!"