Die Sportwelt und das FBI eint seit Monaten eine Frage: Wer soll den Fußball retten und Chef der korrupten Fifa werden? Seit Sepp Blatter im Juni ein paar Tage nach seiner Wiederwahl seinen Rücktritt fürs nächste Jahr angekündigt hat, sucht der Weltfußballverband einen Nachfolger. Michel Platini will es werden, doch macht er niemandem Hoffnung, weil er aus dem System Fußball kommt, aus der Blatter-Schule.

Diese Woche wurde bekannt, dass ein neuer Name im Rennen ist: Kirsan Iljumschinow. Tatsächlich erfüllt er eine Bedingung derjenigen, die noch an eine Fifa-Reform glauben: Er kommt von außen, nämlich vom Schachbrett. Eigentlich ist der 52-jährige russische Geschäftsmann bis 2018 als Präsident des Weltschachbunds Fide gewählt. Als ihn sein Landsmann Andrei Filatow auf dem jährlichen Kongress der Fide in Abu Dhabi vor einer Woche als hervorragenden Sportmanager pries und ihm die Fifa-Kandidatur nahelegte, hätte Iljumschinow sich für das Kompliment bedanken und zur Tagesordnung übergehen können. Stattdessen ließ er kurz darauf eine Presseerklärung verbreiten, in der er seine Fifa-Kandidatur mitteilte.

Die Reaktion der Fußballwelt steht noch aus, doch die anwesenden Schach-Funktionäre sollen laut applaudiert haben. So steht es jedenfalls in der Presseerklärung. Im Rest der Schachwelt fielen die Reaktionen gegenteilig aus. Manche halten das für eine gute Idee. Aber aus einem anderen Grund: Sie wären froh, Iljumschinow loszuwerden. 

Einen Leser der Website Chessbase brachte das eigenwillige Kongressplakat auf die Idee, Iljumschinow mit der abgebildeten Rakete irgendwohin zu schießen, wo er im Schach keinen Schaden mehr anrichten kann. Michael Greenguard, die rechte Hand von Iljumschinows Gegenspieler und Exweltmeister Garri Kasparow, twitterte: "Ich habe Kirsans Kampagnenslogans parat: Wenn Sie Blatter mochten, werden Sie Iljumschinow lieben: Halb so viel Promotion, doppelt so viel Korruption." Der langjährige englische Weltklassespieler Nigel Short ätzte: "Ich kann es kaum erwarten, dass Blatter Fide-Präsident wird. Dann sind alle unsere Probleme gelöst."

Dass Iljumschinow überrascht gewesen sei von Filatows Vorschlag einer Fifa-Kandidatur, wie es in Filatows Manuskript heißt, dürfte glatt gelogen sein. In Fide-Kreisen kursiert die Idee seit Monaten, sie wird herzlich belacht. Wie so oft. Die Funktionäre sind es gewohnt, dass ihr Präsident mit sonderbaren Mitteln in die Schlagzeilen strebt.

Arabische Diktatoren sind seine Spezialität

Als junger Gouverneur der bitterarmen südrussischen Region Kalmückien sauste Iljumschinow im weißen Rolls Royce durch die Steppe. Die Journalistin Larisa Judina, die ihn durch Recherchen kritisiert hatte, wurde tot im Straßengraben gefunden. Iljumschinow hatte natürlich nichts damit zu tun. Als Fide-Präsident brüstete er sich mit Abermillionen, die er unters Schachvolk streute, das sich chronisch vernachlässigt fühlt. Die Fifa bekäme eine Art Blatter-Kopie.

In einer seiner ersten Amtshandlungen besuchte er 1996 Saddam Hussein und wollte die Schach-WM trotz UN-Sanktionen in Bagdad austragen lassen. Damals wurde der irre Kalmücke noch gestoppt, 2004 aber kam Muammar al-Gaddafi zum Zug und der höchste Fide-Wettbewerb nach Tripolis. Überhaupt sind arabische Diktatoren eine Spezialität von Iljumschinow: Als 2012 der Bürgerkrieg in Syrien losbrach, reiste er nach Damaskus und ließ sich mit Baschar al-Assad am Schachbrett ablichten.