ZEIT ONLINE: Herr Mrosko, wie fühlt es sich an, plötzlich sein eigenes Leben in Buchform vor einem liegen zu haben?

Lars Mrosko: Sehr emotional. Weil ich auf Deutsch gesagt die Hosen runtergelassen habe. Jeder kennt jetzt meine Vergangenheit. Einiges kommt noch mal hoch, aber ich stehe zu allen vergangenen Dingen, da muss man sich als Typ gerade machen.

ZEIT ONLINE: Das Buch begleitet Sie als Scout, als Talentespäher also, bei Ihrem Weg durch den Fußball. Auch wie Ihnen Ihr Gerechtigkeitssinn und Ihre Dickköpfigkeit im Weg stehen. Erschrecken Sie sich manchmal über sich selbst? Nach dem Motto: Du sturer Bock, warum hast du das gemacht?

Mrosko: Auch ich ärgere mich im Nachhinein über Situationen, in denen ich die Fassung verloren habe. Da hatte ich mich nicht im Griff und habe nicht meiner Intelligenz entsprechend gehandelt. Aber, bei allem Ärger den ich hatte: Ich kann in den Spiegel schauen und sagen, dass ich immer geradeaus war.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Situation, in der Sie mit dem Wissen von heute anders agieren würden?

Mrosko: In der Situation mit Dieter Hoeneß beim VfL Wolfsburg ...

ZEIT ONLINE: ...als Sie plötzlich vor einem leergeräumten Schreibtisch standen, eigentlich ein Missverständnis. Sie standen dann später im Büro von Dieter Hoeneß, ihrem damaligen Chef, und haben sich angeschrien. Danach haben Sie Ihren Vertrag aufgelöst.

Mrosko: Die Situation schaukelte sich hoch. Dieter Hoeneß ist ein verdienter Mann im deutschen Fußball, er hat bei der Hertha, wie er es immer so schön sagt, mit einer Schreibmaschine angefangen und aus dem Verein eine Marke gemacht. Das ist einfach so und verdient Hochachtung. Ich hätte damals sagen müssen: Ruhig, da stehst du drüber, du bist sieben Jahre hier, du hast gute Arbeit gemacht, du wurdest mit dem Club Deutscher Meister. So habe ich in zwei Minuten alles verspielt, was ich mir aufgebaut hatte.

ZEIT ONLINE: Für alle, die es noch nicht gelesen haben: Wie wird ein Neuköllner Schlitzohr wie Sie eigentlich Scout beim FC Bayern?

Mrosko: Ich habe bei Tennis Borussia Berlin als Co-Trainer der B-Jugend für 150 Mark angefangen. Dort habe ich Mirko Slomka kennengelernt, der mich gefördert hat. Damals wurde sehr viel Geld in TeBe gepumpt, wir waren im Nachwuchs sogar noch einen Tick besser als die Hertha. Ich habe die Mannschaften von der C-Jugend bis zur A-Jugend zusammengestellt und von Mirko Slomka viele Freiheiten bekommen. Das hat sich dann bis zu Wolfgang Dremmler, dem Chefscout der Bayern, rumgesprochen. Und dann bin ich irgendwann dort gelandet. Völlig unspektakulär.

ZEIT ONLINE: Das Buch erzählt Ihr Leben und gibt vor allem einen Einblick in das Geschäft Bundesliga. Wie geht es dort zu?

Mrosko: Fußball ist etwas ganz Besonderes, er funkelt und glitzert. Aber es gibt in der ersten Bundesliga nur 18 Vereine und da wollen zu viele Leute einen Arbeitsplatz und mitmischen. Fußball ist ein Mikrokosmos, in dem sehr viel über Kontakte und Beziehungen läuft. Man braucht viel Glück, um da reinzukommen. Ich habe das gehabt, war aber auch sehr fleißig und habe mir erarbeitet, dazuzugehören. Heute ist es etwas einfacher, weil der Fußball verwissenschaftlicht wird. Für Sportwissenschaftler öffnen sich da mittlerweile mehr Türchen. Als Außenstehender in das Business zu kommen ist aber trotzdem noch relativ schwer.

ZEIT ONLINE: Nach welchen Regeln funktioniert diese Fußballwelt?

Mrosko: Nach den Regeln der normalen Wirtschaft, die Vereine sind heutzutage große Wirtschaftsunternehmen. Natürlich geht es um Kompetenzen, demnach auch um Kompetenzgerangel. So sind wir Menschen.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich mit Felix Magath sehr gut verstanden. Der hatte in seiner späten Zeit einen sehr schweren Stand, auch bei uns Journalisten. Er wirkte in seiner ganzen Art der Menschenführung aus der Zeit gefallen, seine Trainingsmethoden veraltet. Haben wir ihm unrecht getan?

Mrosko: Im Fußball ist es ganz einfach: Der Erfolg gibt einem recht. Felix Magath ist eine starke und interessante Persönlichkeit. Er möchte nur eines: ein vertrautes Umfeld. Der schwierige Stand von Trainern und Managern in den Medien ist manchmal nicht fundiert begründet. Die Medien haben große Macht und Einfluss, aber auch das gehört heutzutage zum Fußball dazu. Felix Magath hatte mir gegenüber immer das Herz am rechten Fleck. Und er war mir gegenüber immer ehrlich. Im Fußball wird ehrlich sein oft mit schwierig verwechselt. Leute, die ehrlich sind, gelten immer als schwierig. Aber ist es ein Fehler, geradeaus zu sein? Die Leute haben immer gesagt, ich müsse diplomatisch sein, aber irgendwann muss man auch die Dinge auf den Punkt bringen. Direkt sein kann eine Stärke und gleichzeitig eine Schwäche sein. Dann lieber ehrlich und somit schwierig.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Sie an dieser Direktheit gescheitert sind?

Mrosko: Ja, das ist der Hauptgrund. Ich trage mein Herz manchmal auf der Zunge.

ZEIT ONLINE: Ihre Freunde bezeichnen Sie als vom Fußball Getriebenen. Sehen Sie sich auch so?

Mrosko: Schon. Für mich ist Fußball Magie. Allein wie Welt- und Europameisterschaften Leute verbinden, wie da nationalitätenübergreifend gefeiert wird. Es gibt keine Sportart, die so viele Emotionen hervorruft.

ZEIT ONLINE: Die Faszination Fußball ist auch der Grund, warum Sie das alles auf sich genommen haben? Sie sind als Scout jede Woche Tausende Kilometer durch ganz Europa gefahren. Weil Sie unbedingt dazugehören wollten?

Mrosko: Ich wollte nicht unbedingt dazugehören. Mir bereitet das Spiel an sich sehr viel Freude und ich möchte durch meine Arbeit, durch tolle Spieler, die dann verpflichtet werden, die Leute glücklich machen. Ich möchte nicht, dass die Leute sagen: Der Mrosko hat den oder den entdeckt, das ist Quatsch. Weil die Spieler, die ich beobachte, schon vorher von hundert anderen längst gesehen wurden. Aber ich kann mich stark machen für eine gute Verpflichtung. Das treibt mich an. Ich würde vom Arbeiten vieles wieder so machen, etwas mehr die Klappe halten und mehr auf die Gesundheit achten.