Natürlich braun: Das Logo von Ostelbien Dornburg © Jens Wolf/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Lambertz, dürfen Nazis Fußball spielen? 

Paul Lambertz: Ja, dürfen sie. Nur, ob es den Nazis auch in einem Sportverband erlaubt ist, das ist fraglich. 


ZEIT ONLINE: Der Landessportbund (LSB) Sachsen-Anhalt hat Ostelbien Dornburg aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen. Zum ersten Mal wird damit ein Fußballverein in Deutschland wegen rassistischer und gewalttätiger Ausfälle am Spielen gehindert. Ist das ein grundlegendes Urteil?

Lambertz: Es passt gut in die Zeit, in der eine besondere Sensibilität für rechte Gewalt herrscht. Ich finde es bemerkenswert, dass sich ein Verband explizit den Antirassismus als Ausschlussgrund in die Satzung schreibt. Die Verbände wurden aber auch zum Handeln gezwungen, nachdem in dieser Saison die meisten Schiedsrichter und vier Vereine gegen Dornburg nicht mehr antreten wollten. 

ZEIT ONLINE: Der Verfassungsschutz hatte 15 der 18 Dornburg-Spieler als rechtsextrem eingestuft. Reicht die bloße Ansammlung von Rechtsextremen schon für einen Ausschluss?

Lambertz: Das Gefühl, dass in diesem Verein etwas schiefläuft, ist noch nicht justiziabel. Es braucht Beweise, gerade wenn es um das Fortbestehen eines Vereins geht. Denn ähnlich wie die NPD würden sich die Nazis wahrscheinlich über nichts mehr freuen, als sich wieder in den Spielbetrieb einzuklagen. Der Verband scheint in den vergangenen Monaten aber einige Beweise gesammelt zu haben.

ZEIT ONLINE: Der Club verbot bereits im vergangenen Oktober zum Beispiel zwei schwarzen Gästespielern in Dornburg zu duschen. Laut Satzung des LSB ist das eine rassistische Handlung, die sanktioniert gehört, oder?  

Lambertz: Wenn das Duschverbot von einem Angehörigen des Vereins wegen der Hautfarbe ausgesprochen wurde, dann hätte das auf jeden Fall bestraft werden müssen. Zumindest aber hätte, wenn der Vorfall dem Verband gemeldet worden wäre, eine Untersuchung des Vorfalls eingeleitet werden müssen.

ZEIT ONLINE: Ist es in Ordnung, dass ein vorbestrafter Nazi wie Dennis Wesemann, der Kleidung mit gewaltverherrlichenden Motiven vertreibt, auch auf dem Fußballfeld agieren darf?

Lambertz: Es ist enorm schwer, jemandem bereits im Vorfeld die Aufnahme in den Verband zu verweigern. Der Verband setzt sich in seiner Satzung eigene Richtlinien, nach denen er Vereine beurteilt. Er selbst muss sich aber auch an diesen Kriterien messen lassen. Das passiert gerade mit Dornburg: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden nicht geduldet, die Attacken, auch von Dennis Wesemann, auf gegnerische Teams fallen genau in diese Kategorie. Ein Sportverband sollte immer genau prüfen, wer Mitglied bei ihm werden möchte. Davon gehen politische Signale aus. 

ZEIT ONLINE: Dennis Wesemann hat im April einen Kosovo-Albaner, den einzigen Ausländer im Team des Gegners, bespuckt und bedrängt. Der Albaner musste ausgewechselt werden, der Betreuer riet ihm, in der Kabine zu bleiben, bis die Gäste gegangen seien. Welche Werkzeuge bietet das Sportrecht, um so etwas zu verhindern?

Lambertz: Man könnte Geldstrafen für den Spieler und für den Verein einführen. Auch ein Punktabzug für die Mannschaft wäre ein probates Mittel und eine empfindliche Strafe. Der Ausschluss, der gegen Dornburg ausgesprochen wurde, ist die schärfste Waffe im Kampf gegen den Extremismus im Sport. Wie im Strafrecht muss definiert sein, welches Vergehen eine Strafe nach sich zieht. Nur: Eine rassistische Tat als solche auch zu identifizieren, fällt meist schwer. Eine rechtssichere Lösung wäre es, Gewalt bei Fußballspielen immer zu bestrafen. Lässt sich dabei auch Fremdenfeindlichkeit durch Aussagen nachweisen, könnte man das Strafmaß noch erhöhen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Einfluss darf die politische Gesinnung im Sport haben?

Lambertz: Das regelt die jeweilige Satzung. Der LSB hat sich in seine Satzung geschrieben, dass fremdenfeindliche Übergriffe sanktionswürdig sind. Wenn Dennis Wesemann oder ein Teamkollege andere Spieler nur wegen ihrer Herkunft angreifen, verstoßen sie gegen die Satzung. Nur Mitglied der NPD zu sein, wäre aber für einen Ausschluss meines Erachtens nicht ausreichend.

ZEIT ONLINE: Also angenommen, die Spieler von Ostelbien Dornburg wären auf dem Spielfeld unauffällig geblieben und hätten keine sichtbaren Hinweise gegeben, dass sie rechtsextrem sind? Hätte der Verband dennoch ein Mittel gehabt, Strafen oder gar ein Verbot anzuschieben? 

Lambertz: Das wäre eine schwierige Situation für den Verband gewesen, denn man könnte die Meinung vertreten, dass das Handeln außerhalb des Verbandslebens nicht zu Verbandssanktionen führen kann. Aber das Gedankengut von Rechtsextremen steht in so einem krassen Widerspruch zu den Werten des Sports, dass man in diesem Fall durchaus Verbandssanktionen hätte erwägen können.

ZEIT ONLINE: Lässt sich der Fußball von den anderen Tätigkeiten des Vereins und seiner Mitglieder noch trennen?

Lambertz: Ich halte es für ausgesprochen schwierig, das Gedankengut Einzelner zu einem Gesamtbild des Vereins zusammenzufügen. Allerdings sind 15 vom Verfassungsschutz identifizierte Rechtsextreme in Dornburg ein eindringliches Indiz. Aber wie gesagt: Begreift man den Sport als Spiel, das bestimmten Werten folgt und bei dem alle nach den gleichen Regeln spielen, müsste ein Fußballspiel einem Nazi und seiner Ideologie ohnehin zuwider sein.