Wird Magnus Carlsen auch Blitzweltmeister? Sein Start am Dienstag in der Bolle Meierei am Spree-Bogen ist fulminant. Vier mühelose Siege nacheinander, anschließend ein Remis gegen Tigran Petrosjan, der aus dem schachverrückten Armenien stammt. Bei so vielen Runden – es sind 21  –, müsse auch mal ein Remis drin sein, hat Carlsen vor dem Turnier gesagt. Als ob ein Remis ihn stoppen könnte. Bremsen vielleicht, das ja. Ein Könner, ein Gönner.

Dann kommt sein gefährlichster Rivale auf der kurzen Strecke: Maxime Vachier-Lagrave. Der Franzose ist 24 wie Carlsen, aber keine durchtrainierte Kampfmaschine mit Waschbrettbauch, sondern ein kleiner, graziler, fast zerbrechlich wirkender Mann. In der weit geschnittenen Kleidung, die er gerne trägt, scheint er fast zu verschwinden. "Der Mann mit den zwei Namen" wird er unter Schachspielern genannt oder "der mit den drei Buchstaben" – MVL.

Manchmal sieht man MVL unter dem Tisch nervös mit den Beinen wackeln. Oben am Brett ist davon nichts zu spüren. Er spielt aggressiv, schnell, einfallsreich und sicher, eine Kombination von Eigenschaften, die einander eigentlich widersprechen.

Feindberührung der Fußtruppen

Er hat die ersten fünf Partien gewonnen und liegt nun einen halben Punkt vorn. Carlsen hat Weiß, eröffnet äußerst zurückhaltend, jede Schärfe vermeidend. Zur ersten Feindberührung der Fußtruppen kommt es im fünften Zug, und auch danach operieren beide sehr vorsichtig. Im 22. Zug erobert Carlsen die einzige offene Linie mit seinem Turm, ein leichtes Plus.

MVL, auf der Suche nach Gegenspiel, lässt die schwarze Dame vor der weißen Königsstellung aufkreuzen und just, als sie die erste Drohung aufstellt, schnappt Carlsens Falle zu. Ein verblüffendes Springeropfer, das MVL seinen Turm kostet. Er leistet noch erbitterte Gegenwehr, bevor er sich nach 55 Zügen geschlagen gibt. Der ganze Kampf hat vielleicht zehn Minuten gedauert, denn Blitzschach heißt: Jeder hat drei Minuten Bedenkzeit und bekommt pro ausgeführtem Zug zwei Sekunden gutgeschrieben.

War es das? Rien ne va plus, MVL? Nein. Ganz und gar nicht. MVL zeigt jenes Wegsteck- und Wiederaufstehvermögen, das nur die Besten der Besten haben. Er punktet weiter, gewinnt Partie um Partie, vier am Stück.

Das Publikum im Saal hält den Atem an

Carlsen gibt ein Remis, wieder gegen einen Armenier, den früheren Weltranglistendritten Levon Aronjan. Dann punktet auch er durch. Seine Partieanlage ist in ihrer Unscheinbarkeit faszinierend. Als ob sich unter seinen Zügen das Brett leicht erwärmte und seine Gegner wie ein Stück Butter zerflössen. Wenn es sein muss, aber nur dann, kann er auch anders. Dann zündet er ein taktisches Feuerwerk, in dessen Schwaden sein Gegenüber irgendwann auf Matt steht.

Vor der letzten Runde des ersten Tages liegt Carlsen einen halben Punkt vor MVL. Er hat Weiß gegen Sergej Karjakin, seinen russischen Konkurrenten. Auch der ist 24 und würde wenigstens im Blitzschach gerne einmal Weltmeister werden.

Carlsen fängt wieder harmlos an. Karjakin lässt sich nicht einlullen. Bei der ersten Gelegenheit attackiert er die weiße Rochadestellung und so erfolgreich, dass Carlsen lockernde Bauernzüge machen muss. In die Lücken dringt Karjakin mit Dame, Bauer und Läufer ein. Carlsen muss sich verteidigen, und das Publikum im Saal hält den Atem an. Carlsen zappelt, Karjakin setzt nach. Aufgabe! Ein Start-Ziel-Sieg mit den schwarzen Steinen.

Einzügig Matt auf freiem Feld

Das Publikum ist begeistert. Carlsens Niederlagen sind noch kostbarer als seine Siege. Er verliert ja fast nie. In der dreitägigen Schnellschach-WM, die der Blitz-WM vorausging, hat er nicht eine Null kassiert. MVL spielt indessen Remis gegen den Aserbaidschaner Radjabov, nun führt er wieder knapp vor Carlsen. So verspricht der zweite Tag spannend zu werden. 

Punktgleich mit Karjakin auf dem dritten Platz liegt der Kubaner Leinier Domínguez Pérez, dem in der letzten Runde auch ein Kunststück gelang. In einem Damenendspiel mit einem Bauern weniger ums Remis kämpfend, setzte er den gegnerischen König nach einem Fehlzug auf freiem Feld einzügig matt.
Völlig unverdient – Applaus!

Der zweite Tag der Blitzschach-WM in Berlin beginnt am Mittwoch um 14 Uhr, auch im Stream auf ZEIT ONLINE.