DFB-Skandal: 250.000 Euro für E16

Schiffe versenken für Fußballfunktionäre? Der Bericht über das Sommermärchen wird in einem Monat erwartet. Zeit, schon mal vorzuglühen.


  • 10:43 Uhr
    Christian Spiller

    Ein frohes neues Jahr, liebe Leser, auch an dieser Stelle. Bislang ist es 2016 ja verdächtig ruhig geblieben um den DFB und seine Sommermärchenaffäre. Doch wer gedacht hatte, die Stille würde so lange anhalten, bis Ende Februar oder Anfang März der Untersuchungsbericht der Kanzlei Frehsfields veröffentlicht wird, irrte. NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung berichten, im Laufe der Ermittlungen seien Unterlagen aufgetaucht, die belegen sollen, dass der DFB viele Jahre systematisch vertuscht hat. Es gehe um Akten, die nicht entdeckt werden sollten, und um seltsame E-Mails.

    An einer dieser Mails soll eine Liste gehangen haben, laut der jemand, der als E16 aufgeführt wurde, genau einen Tag vor der WM-Vergabe 2006 250.000 US-Dollar bekam. Wer E16 ist, hätte der DFB laut den Ermittlern nicht beantworten können. Man kann aber davon ausgehen, dass es sich bei E16 weder um einen Lebensmittelzusatzstoff noch um einen Treffer beim Schiffe versenken handelt. WM-Affären-Experten, wie Sie als Leser dieses Blogs natürlich einer sind, halten bei einem Betrag von 250.000 Dollar sowieso inne. So viel landete zu derselben Zeit nämlich angeblich auf dem Konto des maltesischen Fußballverbands. Dessen Verbandschef Josef Mifsud hatte als Fifa-Vorstand für Deutschland gestimmt.

    Eine zentrale Figur bei den neuen Details ist Stefan Hans. Hans war Vizegeneralsekretär des DFB, Niersbachs rechte Hand. Er wurde im Sommer 2015 in den Keller geschickt, um für Niersbach herauszufinden, ob in den DFB-Archiven Dokumente liegen, die zeigen, wie dreckig es bei der WM-Vergabe an Deutschland zuging. Er fand den Vertragsentwurf zwischen Beckenbauer und Warner – und wurde später gefeuert. Jetzt spricht Hans im Zusammenhang mit den ominösen 6,7 Millionen Euro von einem "Hochreck" der Verschleierung. Er bleibt im Sportslang, Fabian Hambüchen gefällt das.

    Die Ermittler vermitteln jedenfalls den Eindruck, dass einige Exfunktionäre noch nicht alles gesagt haben, was sie wissen. Für Wolfgang Niersbach, in diesem Zusammenhang ungekrönter Meister des Sichdummstellens, wird es schwieriger. Vor allem, weil er immer noch Ämter in Fifa und Uefa innehat. Es zeichnet sich das Bild eines Verbandes ab, der ein sehr spezielles Verhältnis zur Wahrheit hat. Es wird kein gutes Jahr für den DFB.

  • 13:55 Uhr
    Christian Spiller

    Beim DFB gibt man sich derweil entrüstet über das, was da in der Bild zu lesen ist. Er verschickte eine Pressemitteilung, in der stand:

    "Wir waren's nicht, echt nicht!"

    Nein, tatsächlich stand in der Pressemitteilung natürlich:

    “Der DFB hat mit großem Befremden zur Kenntnis genommen, dass vertrauliche Vernehmungsprotokolle in den Medien auftauchen. Zur Klarstellung: Weder der Präsidialausschuss noch das gesamte DFB-Präsidium hatten zu irgendeinem Zeitpunkt Zugang zu den Protokollen der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Es bleibt trotz dieser äußerst ärgerlichen Indiskretionen dabei, dass Freshfields seine gesamten Ergebnisse vorstellt, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind.”

    Allerdings: Kein Dementi weit und breit. Den Inhalt der geleakten Protokolle bestätigt der DFB damit also indirekt.

  • 10:15 Uhr
    Christian Spiller

    Eigentlich dachten wir, die DFB-Affäre verabschiedet sich, wie es sich für diese Jahreszeit gehört, in die Weihnachtsferien. Das Ergebnis der Untersuchungen der Kanzlei Freshfields soll erst Ende Februar veröffentlicht werden. Ein letztes Mal (beinahe) sorgenfrei den Tannenbaum schmücken, Plätzchen backen, das hätten wir Franz Beckenbauer gegönnt.

    Aber heut' ist eben noch nicht Weihnachten, wer wüsste das besser als der Kaiser und so muss er lesen, wie sein Blatt, die Bild, wenig festlich aus den Vernehmungsprotokollen von Freshfields zitiert. Es geht um die Aussagen von Wolfgang Niersbach, Stefan Hans und Horst R. Schmidt. Die Aussagen legen laut Bild nahe, dass die vielzitierten 6,7 Millionen Euro nicht für den Stimmenkauf zur WM 2006 genutzt wurden, sondern um 2002 die Wiederwahl von Sepp Blatter als Fifa-Präsident zu sichern.

    Der Ex-DFB-Präsident Niersbach könne sich daran erinnern, dass Beckenbauer ihm 2002 nach der Wiederwahl Blatters gesagt habe: "Der ist auch mit meinem Geld gewählt worden." Der Ex-DFB-Direktor Stefan Hans soll ausgesagt haben, Beckenbauer habe auf die Frage, wem Blatter seine Wahl zu verdanken habe, auf sich selbst gezeigt haben. Ungefähr so:
     

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    Das ist ein ziemlicher Schlag gegen Beckenbauer, der in dieser Angelegenheit ja eine Komplettamnesie ins Feld führt. Andere können sich dagegen anscheinend recht gut erinnern.

    Sollte stimmen, was in den Protokollen steht, bleibt das Sommermärchen auf den ersten Blick rein. Das, so hat man den Eindruck, ist das oberste Bemühen, der damaligen Verantwortlichen. An der heiligen WM 2006, während der wir angeblich alle den Partypatrioten in uns entdeckt haben, soll nicht gerüttelt werden. Aber: Indem man den Oberschurken Sepp Blatter unterstützt hat, hat man sich für das größere Übel entschieden. Beckenbauer und/oder der DFB würden mittendrin stecken im ekligen Blatter-System, und es sogar noch befeuert haben. Kein Wunder, dass sich alle mit Kritik immer auffällig zurückgehalten haben.


    Und es bleiben Fragen: Warum wurde Blatter bei seiner Wiederwahl 2002 gegen die kamerunische Schlafmütze Issa Hayatou unterstützt? Waren sie Sepp Blatter noch etwas schuldig? Und wenn ja: Was?

  • 11:06 Uhr
    Oliver Fritsch

    Sepp Blatter ist einmalig in seinem kleinkarierten Größenwahn. Die SZ hat neue Details für diese Charakterstudie. Sie hat in den Akten des Kanzleramts eine Notiz über das Bundesverdienstkreuz gefunden, das er im Juli 2006 direkt nach der WM von Horst Köhler empfangen hat. Demnach hatte Blatter die Bundesregierung ein Jahr zuvor zu dieser Ehrung gedrängt.

    Der damalige Uefa-Präsident Lennart Johansson erhielt Anfang 2005 das Große Verdienstkreuz in Deutschland, da wollte sich Blatter nicht hinten anstellen. „Herr Blatter erwartet eine gleiche Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland“, steht auf der Notiz.

    Damals war Blatter in der Position, dass er ein Bundesverdienstkreuz bestellen konnte, wie wir heute ein Buch oder einen Seifenspender auf Amazon. Erneut war es Otto Schily, der die Sache damals forcierte. Der Aufsichtsrat des WM-OK schrieb am 20. September 2005 an den Bundespräsidenten: „Unser ganzes Land verdankt Joseph Blatter sehr viel.“ Zwei Tage zuvor hatte die Schröder-Regierung die vorgezogene Bundestagswahl verloren, Schily war ein Minister auf Abruf. Offenbar war ihm die Sache wichtig. Blatter wollte übrigens, dass die WM nach Südafrika geht.

    Das ist aber nicht der Grund, warum ihm das Bundesverdienstkreuz eigentlich nicht zusteht. Denn in den Regularien heißt es: „Wer seine eigene Auszeichnung anregt, kann nach den ordensrechtlichen Vorschriften nicht mit einer Verleihung des Verdienstordens rechnen.“ Das Bundespräsidialamt sagt heute, das sei aber kein Grund, Blatter die Ehrung abzuerkennen. Dazu müsse er schon straffällig werden. Was ja nicht ausgeschlossen ist angesichts amerikanischer und Schweizer Ermittlungen über Korruption, Veruntreuung und andere Delikte der organisierten Wirtschaftskriminalität.

    Diese alte Geschichte ruft noch mal in Erinnerung, welche Chance die Fifa vertan hat. 1998 hatte Johansson das Rennen um die Fifa-Spitze verloren. Der Schwede setzte sich stets glaubhaft für einen sauberen Fußball ein. Dass die Wahl auf den Wicht Blatter fiel, war eine der fatalsten Entscheidungen der Sportgeschichte. Legendär sind die Anekdoten über Briefumschläge, die damals unter den Hoteltüren der Delegierten hindurchgeschoben worden sein sollen.

    Auf den Friedensnobelpreis wird Blatter hingegen wohl verzichten müssen. Es war ja kein Witz, dass er lange darauf hoffte. Sein letzter Fürsprecher in dieser Frage ist Putin.

  • 11:35 Uhr
    Christian Spiller

    Das Interview, das die Süddeutsche Zeitung (Bezahlversion) mit Franz Beckenbauer veröffentlicht hat, ist heute erst erschienen, aber schon längst ein Klassiker. Zum ersten Mal redet der Mann, der sich den DFB-Skandal gemütlich von Salzburg aus angeschaut hat, öffentlich. Dabei trägt er nichts zur Klärung der Affäre bei, das war auch nicht zu erwarten. Unterhaltsam und aufschlussreich ist dieses Gespräch dennoch. Weil es mehr über Franz Beckenbauer aussagt, als Franz Beckenbauer vielleicht selbst möchte.

    Schon die erste Frage nach seinen Gefühlen am Tag der WM-Wahl beantwortet Beckenbauer mit einem seiner legendären Beckenbauerismen:

    "Ja, gut, die Arbeit war getan, wir harrten der Dinge."

    Es folgen Sätze wie:

    "Wir haben doch gar kein Geld gehabt." (auf die Frage nach einer gekauften WM)

    "Ich habe immer alles einfach unterschrieben, ich habe sogar blanko unterschrieben." (auf die Frage, wie seine Unterschrift unter einen Vertragsentwurf mit Jack Warner kam)

    "Ich geb' Ihnen ja recht, aber die bei der Fifa wollten's halt so haben. Warum, weiß ich nicht. War unser Fehler, dass wir nicht nachgefragt haben." (auf die Frage, dass es nicht seltsam aussieht, wenn man an die Fifa 10 Millionen Franken überweisen muss, um 250 Millionen zu bekommen)

    "Oder wenn bei mir daheim das Licht nicht ging oder der Wasserhahn tropfte: Da hab ich nicht den Installateur angerufen, sondern den Robert Schwan." (über seinen verstorbenen Manager Robert Schwan)

    So geht das über drei Zeitungsseiten. Kein Parodist hätte es sich besser ausdenken können. Etwa in der Mitte des Gesprächs denkt man, hier antwortet nicht Beckenbauer, sondern sein Doppelgänger Schorsch Aigner. Der hat seine Sache damals im ARD-Interview schon sehr gut gemacht, vielleicht wurde er von seinem Auftraggeber auch in diesem Fall vorgeschickt.

    Aber es ist wohl doch Beckenbauer selbst, der hier redet, und zwei Interpretationsmöglichkeiten bietet: Entweder es ist alles Kakül oder die Lichtgestalt des deutschen Fußballs ist wirklich nicht die hellste Leuchte in der Glühwarenabteilung. Beides wäre traurig, Letzteres vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Der Kaiser, ein einfältiger Abnicker, ein argloser Charmeur, ein Einfaltspinsel, der nur auf der Sonnenseite des Lebens steht, weil er einen begnadeten Außenrist und ein entwaffnendes Lächeln hat?

    Das ist die Variante, die uns Beckenbauer wohl mit dieser Version weismachen will. Er möchte lieber naiv erscheinen als korrupt. Die Frage ist, ob er damit durchkommt.

  • 16:21 Uhr
    Christian Spiller

    Das Video des Herrn Grindel aus seinem Wahlkreis ist schon längst ein Klassiker, völlig zurecht. Doch der Mann hat noch mehr zu sagen. Zum Beispiel, wie er, der ehemalige Journalist, sich Journalismus vorstellt … verdammt, jetzt ist mir schon wieder der 2013er Grand Cru über die Tastatur gelaufen…

  • 16:12 Uhr
    Christian Spiller

    Es ist hier ein bisschen ruhiger geworden in der vergangenen Woche. Das hatte Gründe, die nicht mit Fußball zu tun hatten. Und dann wieder doch. Einer der Autoren war in Paris, der andere in Hannover, da hatten wir erst einmal andere Sachen zu beschreiben und verdauen.

    Jetzt aber heißt es wieder: Ring frei beim DFB. Nach der Präsidiumssitzung heute erklärte der Interimspräsident Reinhard Rauball, man wolle erst die Vorgänge rund um die WM 2006 untersuchen und sich erst dann mit einem Nachfolger für Wolfgang Niersbach befassen. Die Aufklärung habe Vorrang. Das beruhigt uns etwas. Wir dachten schon, es gäbe vielleicht einen geheimen Artikel in der Satzung, der besagt, dass der DFB sich selbst auflösen muss, falls nicht innerhalb weniger Tage nach dem Rücktritt ein neuer Ritter von trauriger Gestalt gefunden wird.

    Nur so wäre es eigentlich zu erklären, dass die Landes- und Regionalverbände sich so schnell auf einen Kandidaten festgelegt haben. Reinhard Grindel heißt der, ist nur Dauerguckern von Phoenix bekannt, weil er dort ab und zu in seiner Funktion als Abgeordneter im Bundestag herumturnt. Wofür Grindel steht, was ihn für dieses Amt qualifiziert, gerade in dieser schwierigen Zeit, vermag niemand zu beantworten. Wohl kein designierter DFB-Präsident jedenfalls hatte schon vor seinem Amtsantritt solch eine schlechte Presse.

    Ob das nun klappt, mit Herrn Grindel, wird noch spannend werden. Die Liga, die Profis, wollen den Mann der Amateure nicht wirklich. Dortmunds Chef Aki Watzke fühlte sich gar "brüskiert" und schlug nun eine Doppelspitze vor. Wir plädieren ja für die falsche Neun.

  • 14:59 Uhr
    Oliver Fritsch

    Was vor einem halben Jahr eine Knallermeldung gewesen wäre, ist mittlerweile Routine. Die Ethikkommission der Fifa hält an der Sperre für Sepp Blatter und Michel Platini fest, lehnt deren Einsprüche ab. Die zwei waren am 8. Oktober für neunzig Tage gesperrt worden. Sie können eine Zahlung über zwei Millionen Schweizer Franken (nach heutiger Umrechnung etwa 1,8 Millionen Euro) aus dem Jahr 2011 nicht erklären. Und wenn sie das auch weiterhin nicht können, dürfte sich die Sperre um mindestens fünfundvierzig Tage verlängern.

    In der Zwischenzeit meldeten sich beide zu Wort. Blatter redete zunächst wirres Zeug über Weltverschwörungen, sein Berater verglich ihn mit den französischen Revolutionären von 1789. Danach musste Blatter wegen eines Zusammenbruchs ins Krankenhaus, wurde in der Zwischenzeit aber wieder entlassen. Seine Zeit als Machthaber des Fußballs ist zu Ende.

    Für Platini geht es aber noch um die Wurst. Er möchte sich trotz allem am 26. Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten wählen lassen oder wenigstens Uefa-Präsident bleiben. In verschiedenen Interviews belegte auch er, dass ihm die Höhenluft an der Spitze des europäischen Fußballs nicht gut getan hat. Er sagte so Sachen wie: „In aller Bescheidenheit, ich bin der geeignetste Kandidat, um den Weltfußball zu führen.“ Und: „Heute habe ich den Eindruck, ein Ritter aus dem Mittelalter zu sein und vor einer Festung zu stehen. Ich versuche, in sie hineinzukommen, um den Fußball hineinzubringen, stattdessen schüttet man mir aber kochendes Öl auf den Kopf.“ Er verglich sich außerdem mit Ikarus: „Immer wenn ich zu nahe an die Sonne fliege, verbrenne ich mich.“

    Den beiden Hochwohlgeborenen bleibt immerhin noch der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS.

  • 15:51 Uhr
    Oliver Fritsch

    Der letzte Anstoß zu Wolfgang Niersbachs Rücktritt war der Vertrag zwischen dem WM-OK und Jack Warner aus dem Juli 2000. Es handelte sich offenbar um einen Bestechungsversuch, unterschrieben haben Franz Beckenbauer und Fedor Radmann. Niersbach hat angeblich nichts davon gewusst. Er hat ohnehin von so wenig gewusst, dass man sich wundern muss, dass er sich überhaupt daran erinnert, dass das Turnier überhaupt stattgefunden hat.

    Am Freitag kam einem anderen die Erinnerung. Horst Schmidt (nur auf ZEIT ONLINE ohne Binnen-R). Der ehemalige geschäftsführende Vizepräsident des WM-OK, gegen den die Staatsanwaltschaft auch ermittelt, sagte der Bild-Zeitung: „Ich kann bestätigen, das Papier im Jahr 2000 gesehen zu haben. Und ich glaube auch, dass ich nicht der einzige war, der es gesehen hat.“ Den Namen Niersbach erwähnt er zwar nicht ausdrücklich. Aber sowas von zwischen den Zeilen!

  • 17:02 Uhr
    Christian Spiller

    Bewiesen: Boxen verursacht schlimme Folgeschäden

  • 16:23 Uhr
    Oliver Fritsch

    Wer folgt Wolfgang Niersbach? Diese Frage befasst den DFB spätestens seit Anfang Juni, als Sepp Blatter seinen Rücktritt angekündigt hat. Michel Platini wollte Blatter beerben, und plötzlich war Niersbach als Uefa-Präsident im Spiel. Nun, es kam anders. Doch das Ergebnis ist dasselbe, der DFB braucht einen neuen Chef. Jedenfalls laufen sich seit Monaten zwei Joker warm. Rainer Koch und Reinhard Grindel. Sie sollen es auch gewesen sein, die mit anderen Niersbach zum Rücktritt gedrängt haben.

    Offen sprechen beide nicht über ihre Ambitionen. Das ist wohl zu riskant. Derjenige, der aus der Deckung kommt, könnte als Verräter gebrandmarkt werden. Vielleicht ja von der Bild-Zeitung. Der Schatzmeister Grindel aber hat einen Fürsprecher: Karl Rothmund, wie er aus Niedersachsen. Der Präsident des NFV sagte: „Da Rainer Koch nicht kandidiert, sondern Reinhard Grindel unterstützt – das weiß ich seit zwei Tagen und das wissen viele seit zwei Tagen – glaube ich, dass Reinhard Grindel gute Chancen hat, gewählt zu werden."

    Koch, der DFB-Vize aus Bayern, hat seinen Machtanspruch ausdrücklich bislang verneint. Glaubt man Insidern, will er die Zeit für sich sprechen und sich bitten lassen. Doch nun, wo der Hut eines anderen im Ring liegt, muss er von seiner ultradefensiven Strategie abweichen. Allerdings dementierte er Rothmunds Version, er, Koch, unterstütze Grindel. Zu Sport1 sagte Koch: "Ich möchte mich zur Präsidentenfrage zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter äußern. Wir sprechen zuerst untereinander und miteinander – und zwar intern!" Es ist also wieder die Zeit der Hinterzimmer in Frankfurt. Aber es beginnt auch das Spiel: Wer sich zuerst zu hastig bewegt, verliert.

  • 12:39 Uhr
    Oliver Fritsch

    Die DFB-Spitze war bislang sehr darum bemüht, den Rücktritt von Wolfgang Niersbach als Rücktritt in Ehren darzustellen. Und Wolfgang Niersbach war das natürlich auch. "Ich übernehme die politische Verantwortung", sagte er am Montag. Er ging allerdings nicht ganz freiwillig, sondern auf Druck anderer Präsidiumsmitglieder, wie sich herausstellte. Nun, das sind Details, die Matthias Sammer, Uwe Seeler, Rudi Völler und andere Größen des deutschen Fußballs nicht daran hinderten, sich solidarisch mit Niersbach zu zeigen. Manche wollten den Grund für den Rücktritt gar nicht verstehen.

    Wenn es aber stimmt, was die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel herausgefunden haben wollen, muss man sich Niersbachs Verhalten noch mal genauer anschauen. In dem Bericht steht, Niersbach habe seit Wochen von dem Vertrag zwischen Franz Beckenbauer und Fedor Radmann mit Jack Warner aus dem Juli 2000 gewusst. Doch habe Niersbach weder die Öffentlichkeit noch das DFB-Präsidium von seiner Kenntnis unterrichtet. Stattdessen sahen wir zuletzt Niersbach stets die Schultern zucken und sein Da-müssen-Sie-andere-Fragen-Gesicht aufsetzen.

    Der stellvertretende Generalsekretär Stefan Hans, schreibt die SZ, habe einen Brief an den DFB geschrieben. Darin steht, er habe Niersbach und dem Generalsekretär Helmut Sandrock vor Wochen über den heiklen Warner-Vertrag informiert. Hans' Job ist längst in Gefahr, nun dürfte auch Sandrock feuchte Hände bekommen. Und beim Niersbach kommt man schon gar nicht mehr mit dem Zählen mit, wie viele Märchen er in den vergangenen vier Wochen erzählt hat. In der SZ ist von "Unverständnis, Kopfschütteln und blankem Entsetzen" im DFB-Präsidium die Rede. Die Herren in Frankfurt haben ja auch vor Augen, dass Niersbach noch immer den deutschen Fußball in der Uefa und der Fifa vertritt.

  • 17:06 Uhr
    Oliver Fritsch

    Eigentlich könnte man ja froh sein, wenn Franz Beckenbauer mal den Mund hält. Keine Fußballweisheiten mehr, so von wegen, wenn der Tormann rauskommt, muss er den Ball auch kriegen. Die Kanzlei Freshfields jedoch, die den WM-Skandal aufklären soll, hat wohl noch nicht genug von kaiserlichen Reden. "Franz Beckenbauer steht den zuständigen Gremien weiterhin zur Verfügung", teilte Beckenbauers Management am Mittwoch mit, öffentlich werde er aber schweigen. Er hatte den Ermittlern ja bereits mehrere Stunden Auskunft erteilt. Von wem die Initiative zur zweiten Runde ausging, ist nicht bekannt. Aber es scheint Nachfragen zu geben.

  • 16:33 Uhr
    Christian Spiller

    Auch Jack Warner hat sich zu Wort gemeldet. Er hatte mit niemandem vom WM-OK eine Vereinbarung, sagte er Sport1. Und gegenüber der Bild: "Meine Geschichte ist meine Geschichte und ich weigere mich ein Teil der Menge zu sein, die Schmerzen und Verletzungen über die Leute bringt, die ich einst Freunde genannt habe."

    Der Reporter Andrew Jennings gehörte offensichtlich nicht dazu.

  • 16:24 Uhr
    Christian Spiller

    Nachdem es in den vergangenen Tagen rund um den DFB-Skandal drunter und drüber ging, ist es heute etwas ruhiger geworden. Heute berichtete nur die Bild, die sich plötzlich mächtig ins Zeug legt, über ein Konto des Fifa-Banditen Jack Warner. Das trug den Namen "LOC Germany 2006". LOC steht dabei wohl für Local Organising Committee, dem WM-OK um Beckenbauer und Niersbach also.

    "Hat dieses Konto etwas mit der deutschen Bewerbung zu tun?", fragt die Bild.

    Falls doch, überreichen wir Jack Warner bald den Preis für den tollsten Tarnkontonamen. Aber hey, er hätte es ja auch "Korruptionsgiro" nennen können.

  • 15:15 Uhr
    Christian Spiller

    Schön zu sehen, dass die größte Krise des deutschen Fußballs zumindest unsere Leser nicht lähmt, sondern zu kreativen Höchstleistungen anspornt. carinaKa jedenfalls hat sich in der Kommentarspalte unter diesem Blog mal in den Kopf des Kaisers gedacht.

    Und bitte:

    "Servus Uli, da ist der Franz. Hast nen Moment Zeit, ich hab da nämlich ein Problem. Weißt, der Günter da, der Günter – der mitte Diskothek damals, der jetzt in der Schweiz sitzt, der hat mir vor ein paar Wochen zehn Millionen besorgt, da für die Weltmeisterschaft und so ... weisste ja, damit das rutscht wie es rutschen muss. Und jetzt hob i ein Problem, weil da noch einiges von übrig ist. I woiß net wohin damit.. Mogst ja nicht glauben, wie billig diere da zu haben waren .... Also so billig geht das bei mir net . Also Uli, pass oima auf. Von dem vielen Geld, das wo der Günter uns besorgt hat, von dem Dreyfus da, da hob i noch ein paar Millionen über. Zurückbuchen kann ich das net und der Dreyfus oa net. In Deutschland derft des aber auch nicht bleiben. Also, du würdest mir scho a Riesengfallen tun, wenn Du das an Dich nehmen kennst. Weißt, das kann der Günter Dir dann nach Zürich transferieren und dann schaust mal, was damit machen kennscht. Hier muss es weg und i kenn koa bess´ren Kontoreiniger als dich .. haha .. so a Tatortreiniger sozusagen ... heheh ... weist, das muss hier oifach verschwinden. Spurlos. Verstehst? Und wenn di oina fragen tät, woher das viele Geld denn kommt, dann sogst einfach, des ist vom dem Dreyfus da, das stimmt ja. Da machst nichts falsch mit und bestehst jeden Test. Und wenn das Geld dann da ist, dann magst was draus. Uli - bist noch da? "

  • 12:30 Uhr
    Christian Spiller

    Bis zur Fußball-EM im Sommer 2016 soll ein Nachfolger für Wolfgang Niersbach gewählt werden. Das sagte der Interimspräsident Rainer Koch am Dienstag, der gemeinsam mit dem Ligapräsidenten Reinhard Rauball gerade die Geschäfte führt. "Gehen Sie davon aus, wir werden bei der Europameisterschaft ganz sicher vollständig aufgestellt sein", sagte er. Klingt nach einer netten ersten Dienstreise für den neuen Präsi. Wo kann man sich bewerben?

  • 12:11 Uhr
    Christian Spiller

    Wortmeldungen kommen auch aus der Politik. Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportauschusses, sieht Franz Beckenbauer nun in der Pflicht. "Es gibt andere, die viel mehr wissen, als Wolfgang Niersbach", sagte sie.

    Auch Thomas de Maizière, als Innenminister für den Sport zuständig, sprach gen Kitzbühel. "Ich erwarte, dass alle, die zur Aufklärung beitragen können, ihre Beiträge auch einbringen", sagte er. Das hoffen wir auch. Ebenso, dass Peter Altmaier diesen Satz heute Nachmittag nicht wieder kassiert.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Eigentlich ist es ein permanenter Treppenwitz der internationalen Sportgeschichte:

Deutschland bemüht sich also jetzt auch in einem veritablen internationalen Sumpf von Korruption und möglichem oder tatsächlichem Betrug um eine "gnadenlose und selbstzerstörerische" Aufklärung aller dubiosen Vorgänge.

Als ob VW nicht schon reichte! - Was lernt der "Lateiner" von Schulkindesbeinen an? - Mundus vult decipi!

Und jetzt tun wir so als ob wir in Deutschland - ganz besonders eifrig auch die "Gerechtsamen" in den USA sowie "natürlich" auch die in allen anderen Staaten - wahre Musterschüler wären, werden könnten oder um jeden Preis werden sollten. ;-)