Das Du im Fußball hat Methode. "Hallo Ralf", begrüßte Thomas Helmer, der Moderator der Sport1-Presserunde Doppelpass, den zugeschaltenen Medienchef des DFB, Ralf Köttker am Sonntag. Der durfte eine Gegenoffensive gegen den Spiegel ankündigen. Es war ein Durchmarsch. Nachfragen gab es keine, zumindest keine, die man so nennen könnte. 

Über den DFB, die WM-Bewerbung oder seinen fraglichen Umgang mit den vielen Fragen, die sich aus der Recherche ergeben, wurde nicht mehr geredet. Stattdessen drehte sich die Stimmung gegen den Spiegel, den Störenfried.

"Das sind Ehrenmänner"

Am Fußballstammtisch Doppelpass werden normalerweise Schiedsrichterentscheidungen und Auswechslungen bis ins Detail auseinandergenommen. Kritik am System ist eher unerwünscht. Der Doppelpass zählt zum deutschen Fußball-Establishment. So wie Rudi Völler, Lothar Matthäus, Karl-Heinz Rummenigge. Die sagten zu den Vorwürfen respektive: "Ich bin mir ganz sicher, dass der DFB mit Wolfgang Niersbach als Präsident das ganz schnell aufklären wird." Und: "Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Nicht bei diesen Personen, die ich schon lange kenne." Und schließlich: "Ich kenne Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach seit langer Zeit. Das sind Ehrenmänner."

Die Mächtigen des deutschen Fußballs fühlen sich angegriffen und versuchen, zurückzuschlagen. Plötzlich muss der Spiegel mehr Fragen beantworten als der DFB.

Gast in der Sonntagsrunde war auch Alfred Draxler. Der ehemalige Sportchef der Bild-Zeitung und heutige Chefredakteur der Sport Bild ist einer der einflussreichsten Männer im Fußball. In seinen Aussagen überholte er den DFB-Medienchef geradezu. "Ich weiß nicht, was das mit journalistischer Arbeit zu tun hat", sagte er Richtung Spiegel. Auf Twitter verglich er den Spiegel-Titel mit den Hitler-Tagebüchern. 

Draxler ist gut vernetzt mit der Fußballnation, etwa mit dem Adidas-Chef Herbert Hainer, Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer, dem langjährigem Bild-Kolumnisten. "Franz Beckenbauer hat mir gesagt, die Behauptungen seien a Kaas." In der Bild-Ausgabe vom Montag sagte Niersbach ähnliches. Das ist die Logik: Wenn Niersbach und Beckenbauer sagen, dass da nichts war, war da auch nichts.

"Bild" lässt sich das Sommermärchen nicht madig machen

Das Verhältnis von Bild zum DFB war immer ein besonderes. Streicht ein Nationaltrainer der Redaktion die Privilegien, bekommt er das zu spüren, wie Jürgen Klinsmann. Der ehemalige Medienchef Harald Stenger verwies am Wochenende in Interviews darauf, dass Springer über DFB-Interna in den vergangenen Jahren besonders gut informiert sei. 

Bild hat aber auch ein besonderes Verhältnis zu nationalen Angelegenheiten. Etwa dem Sommermärchen, als dessen Teil sich die Redaktion wohl noch fühlt und das sie sich nicht madig machen lassen will. Als die Titanic nach dem WM-Zuschlag im Jahr 2000 eine Satireaktion mit gefakten Bestechungsversuchen veröffentlichte, verstand die Bild keinen Spaß. Sie jagte ihre Leserschaft auf die Titanic. Die erlebte einen analogen Shitstorm, daraus entstanden CDs mit niveauvollen Anrufen der Bild-Leserschaft.

Das Land wartet auf Antworten

Geradezu bewundernswert, wie sich die Bild-Redaktion heute für den DFB in die Kugeln wirft und die Spiegel-Recherche von allen Seiten abklopft. Sie entdeckt in diesen Tagen die Berufsethik. Der konkrete Vorwurf lautet, der Spiegel stütze sich auf Indizien, Plausibilität und Verdachtsmomente. Gleichzeitig spekuliert die Bild gerade, ob Theo Zwanziger der Informant der Story war.

Teil der Strategie "Whitewashing DFB" ist es, Details aufzublasen. So hebt Bild heute die mutmaßliche Handschrift Niersbachs über "das vereinbarte Honorar für RLD" (Robert Louis-Dreyfus) in die Schlagzeile. Der Spiegel-Autor Jens Weinreich verneinte bei Sky90, dem anderen Fußball-Talk am Sonntagabend, dass die Handschrift geprüft worden sei. Niersbach sei jedoch mit der Frage konfrontiert worden. Später sagte er nur: "Ich kann mich daran absolut nicht erinnern." Selbst wenn es nicht Niersbachs Handschrift wäre, würde das am Problem für den DFB nicht viel ändern. 

Vielleicht auch der ein oder andere Bluff

Man kann dem Spiegel Fragen stellen. Etwa ob er zu laut geklappert, also die Story überverkauft hat. Vielleicht ist an der einen oder anderen Stelle auch Bluff im Spiel. Die Textstelle mit der angeblichen Handschrift Niersbachs lässt tatsächlich offen, warum sich die Redakteure so sicher sind. 

Aber unstrittig sind auch die neuen Fakten der Story. In dem Artikel stehen Kontonummern, Zahlungen, das Zweitkonto der Fifa, der Name Robert Louis-Dreyfus. Ebenso unstrittig wie mysteriös ist das Herumlavieren des DFB, ob und wann er oder sein Präsident von der Zahlung wussten. An diesen Fragen ändern die vielen Nebelkerzen der DFB-Freunde nichts, das Land wartet auf Antworten. Auch die Bild schreibt das übrigens.

Vielleicht hat sie einer aus der alten Garde schon gegeben: "Haben wir Deutsche denn wirklich geglaubt, wir haben die WM bekommen, weil wir so nett sind?", fragte der ehemalige Fernsehmoderator Waldemar Hartmann mit süffisantem Lächeln in einem Beitrag eines fränkischen Lokalsenders. "Wir haben die WM bekommen wie viele andere auch."