Die Presse hatte mehr erwartet, doch warum eigentlich? Was von Franz Beckenbauer am Montag zu hören war, ist eine kleine Sensation. Der Kaiser hat einen Fehler zugegeben. Bleibt nur noch der Papst als letzter Unfehlbarer.

Beckenbauer war die zentrale Figur der WM-Bewerbung 2006. Niemand dürfte mehr wissen über die damaligen Vorgänge, etwa die Zahlungen des DFB an die Fifa, über das Darlehen von Robert Louis-Dreyfus und den Geldrückfluss an den ehemaligen Adidas-Boss. Beckenbauer ist so gut im Bilde, Wolfgang Niersbach hatte ihn in Österreich konsultiert und die verbandsinterne Prüfung auf ihn konzentriert.

Beckenbauer schwieg lange. Seit Montag kann man das aber nicht mehr behaupten, dann war es endlich so weit, zumindest ein bisschen. Bislang war er zwar nicht als einsilbiger Typ bekannt gewesen. Doch was er über sein Management verbreiten ließ, war ein schmales Statement (pdf).

Darin heißt es: "Um einen Finanzierungszuschuss der Fifa zu erhalten, wurde auf einen Vorschlag seitens der Fifa-Finanzkommission eingegangen, den die Beteiligten aus heutiger Sicht hätten zurückweisen sollen. Für diesen Fehler trage ich als Präsident des damaligen Organisationskomitees die Verantwortung."

"Wurde auf einen Vorschlag eingegangen" – Beckenbauer redet gewöhnlich nicht in Passivkonstruktionen. Nun dürfte also dem Letzten klar sein, dass sich der DFB am hochkorrupten System der Fifa beteiligt hatte, daher ist Beckenbauer in der Defensive. Dass der Libero auch die Grätsche beherrscht, wusste man spätestens seit dem ermauerten Finalsieg gegen Holland 1974. Doch ob das nun der Befreiungsschlag war, darf bezweifelt werden. Auch ob Staatsanwälte und Richter in solchen Fällen ebenfalls von "Fehlern" sprechen.

Mit den vielen Fragen, die nach wie vor im Raum stehen, lässt uns Beckenbauer alleine: Welchem Zweck diente das Geld? Wann floss es? Wer war der Empfänger? Warum brauchte man einen dunklen Kanal? Und warum sollte Beckenbauer sogar bereit gewesen sein, selbst einzuspringen, wie Niersbach sagte? War Beckenbauer erpressbar, wie die SZ vermutet?

So vieles wissen wir nicht. Und es bestehen Zweifel, ob wir es je erfahren werden. Eines will Beckenbauer aber ausschließen: "Es wurden keine Stimmen gekauft." Das hört man auch immer wieder von Niersbach und der DFB-Außenstelle Bild. Das Märchen vom Sommermärchen ist der Clique wichtig. Ob die Story, die sie uns vermitteln will, aber schöner, weniger verwerflich und legaler ist?

Wenn einer nicht viel redet, ist natürlich auch interessant, was er nicht sagt. Der Name Sepp Blatter fällt in Beckenbauers anwaltlich geprüftem Schreiben nicht, obwohl Niersbach ein Treffen Beckenbauers mit dem Fifa-Präsidenten erwähnt hatte. Mit Blatter legt sich nicht mal der Kaiser freiwillig an. Und Schwarze Kassen, deren Existenz Theo Zwanziger steif und fest behauptet, dementiert Beckenbauer immerhin nicht.

Macht sich Niersbach absichtlich klein?

Beckenbauer wäre aber nicht Beckenbauer, wenn er nur im eigenen Strafraum stehen bliebe. In seinem Statement schaltet er sich auch drei Mal in den Angriff ein. Es fällt auf, dass er von "den Beteiligten" im Plural spricht, den "Fehler" aber im Singular einräumt. So rüffelt ein Mannschaftskapitän politisch korrekt seine Mitspieler.

Und am Textende erreicht Beckenbauer fast wieder Normalform: "Um die weiteren Befragungen nicht zu beeinträchtigen, werde ich mich anders als andere Beteiligte, deren Verhalten ich teilweise als unsäglich empfinde, derzeit nicht weiter äußern." Das war ein Gruß an den Wahrheitsfanatiker Zwanziger, der seinen Sturmlauf fortsetzt und nun sogar Charles Dempsey belastet, den Neuseeländer, der den Raum verließ.

"Andere Beteiligte und ihr Verhalten", das ist wieder Plural. Dies ist auch ein Schienbeintritt gegen Niersbach, der bei seinem Kultauftritt vor der Presse zwar nicht viel sagte, aber tiefe Einblicke gewährte – in die Welt des Fußballs im Allgemeinen und das WM-OK im Besonderen. Der Profi Beckenbauer spricht dezidiert von einer "externen" Untersuchungskommission und schwächt Niersbach, der sich mit einer "internen" zu verteidigen versucht. Nichts verlernt, Beckenbauer kann noch immer auch auf kleinem Raum die Gegner ausspielen.

Der Kaiser soll enttäuscht sein, dass sich Niersbach auf ein Gespräch mit ihm berief. Sicher auch von dessen Amateurhaftigkeit. Oder wollte Niersbach absichtlich ahnungslos wirken? Vielleicht will uns Beckenbauer auch das sagen: Es könnte Strategie von Niersbach sein, sich kleiner zu machen, als er in dem ganzen Spiel tatsächlich war.