Rund ums Ostseestadion weht gerade eine steife Brise © Bernd Wüstneck/picture alliance/dpa

Früher, als beim FC Hansa Rostock noch alles ein bisschen besser war, hatte das Fernsehen diese putzigen Aufnahmen auf Lager. Wann immer der Verein in der 1. oder 2. Liga kriselte, kämpfte sich in den TV-Beiträgen eine schlecht animierte Kogge durch hohe Wellen. Auch wenn der Verein mehrmals abstieg und deutlich seltener wieder aufstieg, der finale Schiffbruch blieb aus. Bis jetzt – denn die Hansa-Kogge könnte sich innerhalb weniger Wochen selbst versenken.

Das Schmerzhafte aus Sicht der Hansa-Fans: Dabei hatten sie in Rostock endlich wieder begonnen, positiver zu denken. Die vielleicht beste Hansa-Mannschaft seit Langem stand auf dem Platz. Obwohl das Team häufig Remis spielte, kamen mehr Fans ins Stadion, mehr als 15.000 pro Spiel, ein Topwert für die dritte Liga. Und dann gab es noch diesen millionenschweren Investor aus der Region, der sich von jeglichen Machtansprüchen distanzierte, und nach Jahren des Überlebens wieder ein Leben in Aussicht stellte.

Von diesem guten Gefühl ist nach den vergangenen Tagen nicht mehr viel geblieben. Ausgerechnet vor dem Ost-Schlager am Samstag gegen Dynamo Dresden, dem Tabellenführer und großen Rivalen, gibt der Verein ein chaotisches Bild ab. Zunächst feierten die Ultras des FC Hansa das Derby gegen Magdeburg mit einer wilden Pyroshow, außerhalb des Stadions prügelten sie, auch Unbeteiligte bekamen etwas ab. Und dann das: Am Donnerstag ist der Vereinschef zurückgetreten, nachdem dessen enge Kontakte zur Ultraszene bekannt wurden und eine Anzeige wegen des Verdachts auf Untreue gegen ihn vorlag. Und auch die Rolle des Investors, des Heilands mit dem blau-weiß-roten Hansa-Herzen, muss womöglich neu bewertet werden.

"Dann ist er vogelfrei"

Das liegt unter anderem an dem NDR und der Ostsee-Zeitung zugespielten E-Mails, die einen regen Austausch zwischen dem Investor Rolf Elgeti, dem mittlerweile ehemaligen Vereinschef Michael Dahlmann und Führern der umstrittenen Fanszene nachweisen. Sie belegen, was seit Jahren als offenes Geheimnis galt: Dahlmann stimmte sich mit den Ultras ab, diskutierte Personalfragen mit ihnen und Elgeti. Und legte auch noch gemeinsam Strategien fest, wie man den ungeliebten Aufsichtsrat loswerden könne.

Die Rostocker Fanszene macht seit Jahren Vereinspolitik. Das muss nicht schlimm sein, im Sommer 2012 half sie mit der Kampagne "Sag ja zum FCH" bei der Vereinsrettung. Doch in Rostock handelt es sich um eine teilweise gewalttätige Szene. Da werden Leuchtkörper in den Gästeblock geschossen, gegnerische Fans überfallen und Polizisten angegriffen. Ein NDR-Journalist fuhr nur mit Bodyguards ins Trainingslager. Der Ruf der Rostocker Fans könnte schlechter kaum sein.

Den Verein scheint das nicht groß zu stören. Im vergangenen Jahr sprühten Künstler mit Genehmigung des Clubs Graffiti an eine Mauer im Innenraum des Stadions. Darauf sind sechs Fans zu sehen, fünf von ihnen waren schon einmal mit einem Stadionverbot belegt worden.

Nach und nach traten die Ultras in den Verein ein, um sich einen Aufsichtsrat nach eigenen Wünschen zusammenzustellen. Harald Ahrens, seit 50 Jahren Vereinsmitglied, galt damals als Wunschkandidat und Strippenzieher. Nun aber ist es gerade Ahrens, den die Fans, Dahlmann und Elgeti loswerden wollten, wie die an die Öffentlichkeit gelangten Mails nahelegen. Der Vorsitzende der Fanszene schrieb: "Er hat eine Woche Zeit zurück zu treten. Dann ist er vogelfrei und wir drehen dann auf." Knallharte Drohungen. Was ist passiert?

Aufsichtsrat und Vorstandschef haben sich wegen Finanzdeals mit dem Investor zerstritten. Zweifel an der Generosität Elgetis kamen bei Kritikern früh auf. Ein Darlehen über vier Millionen Euro, das den Verein bei der Lizenzvergabe für die Saison 2015/16 rettete, ließ sich Elgeti mit zehn Prozent verzinsen. Eine ordentliche Rendite, obwohl er stets betont, am Club nichts verdienen zu wollen. Für den Verein aber war der Kredit wichtig, viele andere Optionen hatte er nicht. Bei den meisten Banken standen die Chancen auf frisches Geld weit schlechter.

Richtige Probleme aber gab es bei einem zweiten, viel größeren Kredit. Elgeti hat mit 7,5 Millionen Euro die Schulden des Vereins in Höhe von 20,4 Millionen bei der Deutschen Kreditbank (DKB) abgelöst. Viele jubelten, weil sie dachten, der Verein habe nun nur noch 7,5 Millionen Euro Schulden, bei Elgeti. Das stimmte aber nicht. Denn laut dem Vertrag, den Elgeti mit Dahlmann ohne Wissen des Aufsichtsrats schloss, schuldete Hansa Elgeti noch immer 20,4 Millionen, einschließlich der Grundbuchschuld. 

20,4 Millionen Euro statt 7,5 Millionen

Die Rostocker Kommunalpolitikerin Sybille Bachmann stellte daraufhin Anzeige gegen Dahlmann. Sie bewertet den Vorgang als Schädigung des Vereinsvermögens durch Dahlmann. "Der Verein hätte mit der DKB einen für den Verein ebenso günstigen Vertrag schließen können. Stattdessen wurden mit dem 20-Millionen-Vertrag Vermögenswerte zum Nachteil des Vereins veräußert", sagt sie. Zahlte der FC Hansa bei der DKB zwei Prozent auf die 20,4 Millionen, seien es bei Elgeti vier Prozent.

Bachmann vermutet: Dahlmann sollte den Deal für den Investor durchboxen und anschließend Geschäftsführer der Profiabteilung werden, die bald ausgegliedert werden soll. Der Coup für Elgeti: Er hätte nicht nur einen engen Bezug zu Aufsichtsrat und Geschäftsführung, sondern wäre nach dem Kauf der Geschäftsstelle auch im Besitz des Stadions und der restlichen Vereinsimmobilien.

Elgeti versicherte zwar, dem Verein die Differenz der Schulden in Höhe von 13,9 Millionen Euro zu erlassen. Faktisch ist das bis heute aber nicht geschehen. Der angebliche Forderungsverzicht sei eine Nebelkerze, so Bachmann, da er seit Mai nicht vollzogen und immer wieder an neue Bedingungen geknüpft wird. Tilgung und Zins seien für ein Jahr ausgesetzt, müssten aber vertraglich festgelegt am 1. Juli 2016 bezahlt werden.