Noora Naraghi erinnert sich gut daran, als sie das erste Mal alleine auf einem Motorrad saß. Ihr Vater war ein erfolgreicher Motorradsportler, ihre Mutter fuhr ebenfalls leidenschaftlich gerne, also sollte ihre Tochter Noora es auch einmal probieren. Der Vater setzte sie im Hof ihres Hauses auf eine Maschine und Noora fuhr los. Ohne zu lenken, nur gerade aus. Noora war erst vier Jahre alt.

Etwas mehr als zwei Jahrzehnte später fährt Noora Naraghi, 27, immer noch. Sie ist die beste Motocrossfahrerin ihres Landes, arbeitet hauptberuflich als Motocrosstrainerin, und sie träumt davon, einmal bei einer Weltmeisterschaft vorne mitzufahren.

Diesen Traum haben auf der Welt viele junge Frauen, die Motorradsport betreiben. Aber Noora Naraghi ist etwas Besonderes: Sie lebt im Iran. Dort ist es nicht gerade typisch, dass junge Frauen Motorrad fahren. Auf öffentlichen Straßen ist es ihnen nicht erlaubt, Frauen dürfen nicht einmal einen Motorradführerschein machen.

Ihre Männer verbieten Sportlerinnen die Reise zur WM

Zwar ist die Situation der Frauen im Iran insgesamt besser, als viele in Europa denken, und deutlich besser als in den arabischen Nachbarländern. Es studieren mehr Frauen als Männer, es gibt viele Ärztinnen, Juristinnen, Ingenieurinnen, selbst Ministerinnen. Aber in vielen Bereichen spüren Frauen noch Nachteile. Der Sport zählt dazu, auch wenn sich in den vergangenen Jahren manche einflussreiche Frauen für eine Verbesserung der Situation eingesetzt haben. Etwa Faezeh Haschemi, die sportbegeisterte Tochter des früheren iranischen Staatspräsidenten Ali Akbar Haschemi Rafsandschani.

Frauen dürfen nicht ins Fußballstadion gehen, wenn Männer spielen. Als das iranische Fernsehen im vergangenen Sommer die Leichtathletik-WM aus Peking übertrug, zeigte es nur die Männerwettkämpfe. Als die Frauen liefen, sprangen oder warfen, zeigten die TV-Sender Wiederholungen alter Männerwettkämpfe.

Auch die Sportlerinnen selbst müssen um ihre Rechte kämpfen. Vor Kurzem gab es viel Aufregung, weil die beste iranische Futsalspielerin Niloufar Ardalan nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Malaysia durfte. Ihr Mann hatte ihr die Ausreise nicht erlaubt. Die Frauen dürfen zudem nur in islamisch korrekter Kleidung an den Start gehen, was ihnen in vielen Sportarten, etwa in der Leichtathletik, Nachteile gegenüber den Konkurrentinnen aus anderen Ländern bringt.

Wettbewerb gegen Bruder und andere Jungen

Ab und zu schaffen es iranische Athletinnen trotzdem, in ihrer Sportart erfolgreich und zumindest national bekannt zu werden. Wie die Rennfahrerin Laleh Sadigh. Auch Noora Naraghi ist ein Beispiel dafür, wie sehr Frauen im Iran darum kämpfen müssen, wenn sie in ihrem Sport erfolgreich sein wollen. "Ich wollte ganz nach oben. Ich wollte allen zeigen, dass die Frauen auch alles können, was die Männer können", sagt sie.

Mit vier Jahren fing sie an, Motorrad zu fahren, mit neun machte sie erstmals bei einem Wettbewerb gegen ihren Bruder und andere Jungen mit. Als sie ein bisschen größer war, fuhr sie Rennen gegen ihre Mutter. 2009 gab es, zum ersten Mal und privat organisiert, ein nationales Motocrossrennen für Frauen. Naraghi gewann.

Die besten Trainingsstrecken sind den Männern vorbehalten

Sie war auch die Erste, die es schaffte, auf den fast 4.000 Meter hohen Tochal im Nordiran zu fahren. Irgendwann begann sich Naraghi für die besten Motocrossfahrerinnen der Welt zu interessieren. Vor allem war sie begeistert von der Amerikanerin Ashley Fiolek. Die war damals erst 19 Jahre alt und gehörlos, hatte aber schon zweimal die Weltmeisterschaft gewonnen.

"Wie sollen wir uns da verbessern?"

Nur wegen Fiolek verbesserte Naraghi ihre Englischkenntnisse. Sie versuchte, Kontakt aufzunehmen. Sechs Monate später erhielt sie tatsächlich eine Antwort, und daraus entwickelte sich eine gute Freundschaft. Irgendwann fuhr Naraghi nach Amerika. Eigentlich wollte sie nur zwei Wochen bleiben, es wurde fast ein halbes Jahr. Sie trainierte mit Fiolek und anderen Weltmeisterinnen, absolvierte Rennen in den USA und in Frankreich. "Viele denken, dass dieser Sport gefährlich ist, aber das stimmt nicht", sagt Naraghi. "Bei allen Sportarten gibt es Verletzungsgefahren. Man muss nur die Anweisungen des Trainers umsetzen, dann passiert nichts."

Naraghi war auf einem guten Weg an die Weltspitze. Doch es ist im Iran schwer für Frauen, professionell Motocross zu betreiben. Es gibt so gut wie keine Wettbewerbe für Frauen und keine Sponsoren. Dabei ist Motocross ein sehr teurer Sport. Zudem haben Frauen kaum Gelegenheiten, anständig zu trainieren. Für sie gibt es nur eine Strecke in der iranischen Hauptstadt: einen unspektakulären Rundkurs in Shahran. Naraghi ist fast jeden Tag dort. "Immer die gleiche Strecke fahren, wie sollen wir uns da verbessern?", fragt sie.

Die beste Strecke des Landes ist der Parcours im Azadi-Sportkomplex in Teheran. Aber dort dürfen Frauen nicht fahren.