"Faen!" Sagte Magnus Carlsen. Das ist Norwegisch. © Fide

Große Spannung gleich zu Beginn des zweiten Tages. Am ersten Brett treten zwei Weltmeister gegeneinander an. Der weiche Riese Wladimir Kramnik, König der Schachwelt von 2000 bis 2007, gegen den Extremsportler Magnus Carlsen, König seit 2013. Viele ihrer Partien über die Jahre waren Leckerbissen. Kramnik zählt zu den wenigen, die Carlsen schlagen können, obwohl er keine 24 mehr ist, sondern 40. Schafft er's auch im Blitzschach, mit drei Minuten auf der Uhr?

Noch wenige Sekunden bis zum Start. Kramnik putzt seine Brille, auf dass kein Stäubchen seine Sicht trübe. Carlsen kommt erst im letzten Moment auf die Bühne. Alle anderen sitzen schon, es ist still im Saal. 188 Spieler aus 50 Nationen wollen Blitzweltmeister werden; diese beiden zählen zu den wenigen, die es schaffen könnten. Zehn der 21 Runden sind noch zu spielen.

Der Hauptschiedsrichter gibt die Uhren frei, und schon bricht im Saal das helle, scharfe Prasseln los. Es ist das hundertfache Schlagen auf die Schachuhren, es sind die Hände der Spieler, die nach ihren meist geräuschlos ausgeführten Zügen mit Nachdruck das Ablaufen ihrer Bedenkzeit stoppen und den Countdown ihrer Gegner aktivieren.

Aus dem Rückenmark gespielt

Drei Minuten sind verdammt wenig für eine Schachpartie von vierzig, fünfzig Zügen, und die kleine Zugabe von zwei Sekunden pro ausgeführtem Zug verhindert eher ein schnelles Ende durch Zeitüberschreitung, als dass sie wirklich zum Nachdenken einlüde. Blitzschach ist nichts fürs Großhirn. Blitzschach wird aus dem Rückenmark gespielt. Intuition ist wichtiger als Kalkulation. Gute Reflexe sind alles.

Musikalisch betrachtet besteht eine Blitzpartie aus drei Sätzen in verschiedenen Tempi. Die Eröffnung wird schnell heruntergespielt, allegro. Das Mittelspiel erfordert etwas Umsicht, andante. Das Endspiel verläuft rasend, presto. Große Meister spielen, wenn sie fast keine Zeit mehr haben, virtuos noch auf den zwei Sekunden Zugabe pro Zug. Wer innerhalb einer Sekunde den Zug seines Gegners sieht, selber zieht und die Uhr drückt, kann sogar noch eine Sekunde anspeichern und hat nach zehn solcher Züge zehn Sekunden hinzugewonnen. Man kann solche Duelle sehen im Saal der Berliner Bolle Meierei.

Berlin - Carlsen unterliegt bei Blitzschach-Weltmeisterschaft

Der Kampf am Spitzenbrett verläuft nicht so wild. Kramnik postiert zwei eindrucksvolle Kampfspringer in der Brettmitte, Carlsen weiß sie zu verjagen. Später hat er einen Bauern mehr, kann ihn jedoch nicht nutzen, weil Kramnik selber eine Dame zu bekommen droht. Unentschieden – nach der Lage der Dinge für beide kein schlechtes Ergebnis. Carlsen liegt immer noch auf Platz 2 der Tabelle hinter dem stark aufspielenden Franzosen Maxime Vachier-Lagrave, alles ist noch drin.

"Faen!" Das ist Norwegisch

Aber nun kommt Runde 13, und Carlsens Elend beginnt. Teymur Rädjäbov hat aus der Schnellschach-WM noch eine Rechnung offen. Dort hat er sich mit Schwarz von Carlsen ohne Not plätten lassen; mit Weiß sinnt er jetzt auf Revanche. Und der Pilzkopf aus Aserbaidschan, der Beatle aus Baku: Er greift an und siegt in großem Stil. Jetzt bekommt das Publikum einen Carlsen zu sehen, wie es ihn nicht kennt. Er springt auf, macht eine Pirouette hinterm Brett, quittiert unwillig die Null auf dem Partieformular, schmeißt den Kugelschreiber auf den Tisch und rennt davon.

In der übernächsten Runde wiederholt sich das Schauspiel nach der Niederlage gegen den zweifachen Blitzweltmeister Alexander Grischuk aus Russland. Carlsen klatscht voller Wut in die Hände und ruft "Faen!". Das ist norwegisch, und man muss es nicht übersetzen. Das erste Programm des Norwegischen Fernsehens, das die WM von mittags bis abends sechs Stunden lang live überträgt, hat Carlsens Ausbrüche zu einem hübschen Video zusammengeschnitten.

Nein, es läuft nicht gut für den Blitzweltmeister 2014. Aus sechs Partien nacheinander nur anderthalb Punkte. Da ist der Titel futsch.