Der DFB hatte sich den Tag anders vorgestellt. Dieser Satz dürfte die Untertreibung des Jahres sein. Am Freitag hat Wolfgang Niersbach das lange geplante und hoch subventionierte DFB-Museum in Dortmund eröffnet. Hier sollen Deutschlands größte Siege gefeiert werden. Zu sehen sind Pokale, Schuhe – und auch die alten Helden. Die gibt es allerdings nur auf Bildern und in Filmen. Viele der realen Vorlagen blieben der Eröffnung nämlich fern. Franz Beckenbauer sagte ab, auch Günter Netzer und Uwe Seeler, ja sogar Johannes Kerner. Niersbach, Deutschlands wohl größter Fußballfan, sagte: "Natürlich überschatten die Ereignisse der letzten Tage die Veranstaltung."

Dass Theo Zwanziger nicht nach Dortmund kommt, war hingegen erwartet worden. Und auch wenn der ehemalige DFB-Präsident nicht mal als Wachsfigur ausgestellt wird, war er doch eine der präsentesten Figuren an diesem Tag. Denn während die Hauptverantwortlichen des DFB am Freitag hinter verschlossenen Türen in einem Hotel in Dortmund eine Krisensitzung abhielten, wurde bekannt, was Zwanziger dem Spiegel gesagt hat und was den DFB in noch größere Not bringt: "Es ist eindeutig, dass es eine schwarze Kasse im Fall der deutschen WM-Bewerbung gegeben hat."

Der Spiegel belegte in der vergangenen Woche, dass der DFB 6,7 Millionen Euro an die Fifa gezahlt hatte. Das Geld stammte vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus. Das Magazin sprach den Verdacht aus, mit dem Geld könnte die WM 2006 gekauft worden sein. Die Fußballnation fragte sich, ob der Spiegel nachlegen würde. Der Spiegel legte nach.

Nach wie vor gibt es keinen Beleg für den Stimmenkauf. Aber so viel mehr an Indizien und Vorwürfen. Dass der ehemalige Präsident schwarze Kassen einräumt, ist der eine. Der andere ist, dass Zwanziger sagt: "Niersbach lügt." Das Organisationskomitee (OK), sagte Zwanziger, habe schon spätestens 2005 von der ominösen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung an die Fifa gewusst. Das bestätigt auch Horst Schmidt, der damalige Vizepräsident des WM-OKs, der Süddeutschen Zeitung.

Wenn nicht alles täuscht, hat Zwanziger also mindestens in diesem Punkt recht: Niersbach hat die Unwahrheit gesagt, als er behauptete, er habe von der Zahlung erst im Sommer 2015 erfahren. Zwanziger bestätigt auch, dass es Niersbachs Unterschrift sei, die ein Fax aus dem Jahr 2004 ziert. Dort steht "das vereinbarte Honorar für HLD". HLD nicht RLD, wie der Spiegel eine Woche zuvor gelesen hatte, steht für Herrn Louis-Dreyfus.

Und eine interne Prüfung, von der Niersbach sprach, hat es wohl auch nicht gegeben. Das sind schwere Vorwürfe an einen DFB-Präsidenten. Der DFB hält zwar nach wie vor an Niersbach fest. Das Präsidiumsmitglied Reinhard Rauball sagte am Freitag: "Das Präsidium hat absolutes Vertrauen in Niersbach." Rauball sagte aber auch: "Es ist für den gesamten deutschen Fußball unerlässlich, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt, auch wenn sie zu schmerzhaften Erkenntnissen führen sollte."

Fifa verlangte nach "Afrika-Spende"

Von weiteren Schmerzen geht man offenbar aus in der Otto-Fleck-Schneise. Denn nach wie vor ist unklar, was es mit dem Geld auf sich hat. Wann es wohin floss und zu welchem Zweck. Auch dazu hat Zwanziger etwas gesagt. Das Geld sei für Mohamed bin Hammam vorgesehen gewesen, das habe er aus einem Telefonat mit Schmidt erfahren.

Der Name bin Hammam hat gerade noch gefehlt in dieser Story. Der Katarer war lange einer der größten Strippenzieher der Fifa. Er half Sepp Blatter 1998 ins Amt und war auch bei seiner Wiederwahl 2002 sein Helfer. Die 6,7 Millionen Euro vom DFB könnten also dazu gedient haben, Blatter im Amt zu halten. Die Süddeutsche Zeitung berichtet am Samstag, dass die 6,7 Millionen nicht die einzige Summe war, die die Fifa vom DFB verlangt hatte. 2003 hat der Weltverband eine "Afrika-Spende" von 40 Millionen Euro gefordert. Man kann nun raten, wofür. Als Dank für die WM-Vergabe an Deutschland?

War die WM 2006 also doch gekauft? Zwanziger bezeugt auch eine brisante Aussage Günter Netzers. Der ehemalige Spielmacher und Geschäftsmann habe ihm gesagt, dass von dem Geld die vier asiatischen Wahlmänner bestochen worden seien. Netzer bestreitet das und schweigt. Niersbach berief sich auch im Dortmunder Museum, dem laut DFB "zentralen Erinnerungsort des deutschen Fußballs", auf Amnesie.

Die Folgen der Enthüllungen im deutschen Fußball sind noch nicht absehbar. Inzwischen könnten einige beim DFB und in der Bundesliga wohl gut damit leben, wenn nur ein paar Fifa-Leute bestochen worden wären. Es geht um strafrechtliche Verdachtsmomente, etwa Geldwäsche, Veruntreuung oder Steuerhinterziehung. Staatsanwälte äußern sich in der Presse gar über organisierte Kriminalität. Die möglichen Delikte müssen keineswegs verjährt sein. Alleine der Name Dreyfus macht Korruptionsexperten hellhörig.

Auch Zwanziger, der die vorige Woche wohl im Urlaub bei seinem Anwalt verbracht hat, muss Fragen beantworten. Warum hat er nicht früher gehandelt? Er war bis 2012 DFB-Präsident. Er belastet Niersbach und Netzer. Der von vielen geschätzte Schmidt ist empört, dass Zwanziger über ihr Telefonat ein "Gedächtnisprotokoll" angefertigt hat, wie Zwanziger es nennt. Und mit Alfred Draxler hat es sich Zwanziger eh verscherzt. Der Chef der Sport Bild soll ihm eine böse SMS geschrieben haben.

Hinter Zwanzigers Aufklärungsdrang vermuten viele Rache. Macbeth und seinen Rivalen Macduff muss man sich im Vergleich mit ihm als nachsichtige Typen vorstellen. Das Gratisticket zum DFB-Museum dürfte er jedenfalls verspielt haben.

Nun warten alle auf Franz Beckenbauer. Er war der wichtigste Mann der WM 2006. Er ließ bloß ausrichten, dass die WM nicht gekauft sei. Angeblich raten ihm seine Anwälte von einem Statement bislang ab. Von Niersbach soll er enttäuscht sein. Der hatte auf seiner mittlerweile schon berühmten Pressekonferenz am Donnerstag zwar einige Zeugen genannt, doch der einzige noch lebende war Beckenbauer. Wir haben shakespearesche Verhältnisse beim DFB.