"Sieg oder Spielbericht": Noch ein Motto der Brigade Hartmut Strampe © Brigade Hartmut Strampe

ZEIT ONLINE: Herr Brandt, eine Ultragruppierung für Schiedsrichter. Warum?

Alex Brandt: Erst mal, weil es noch keine gab. Und weil Schiedsrichter für uns die unbesungenen Helden sind. Ohne sie ginge es nicht und trotzdem mag sie keiner. Stattdessen fragt man sich, warum Schiedsrichter Schiedsrichter werden. Es wird ja auch immer heftiger mit Schiedsrichterbeleidigungen. Neulich habe ich ein Video gesehen, wie ein brasilianischer Schiri auf dem Platz seine Knarre zückt, weil er vorher getreten und geschlagen wurde. Schiedsrichter sein ist kein Spaß, auch nicht im deutschen Amateurfußball.

ZEIT ONLINE: Sie nennen sich Brigade Hartmut Strampe. Warum Hartmut Strampe?

Brandt: Weil das ein ganz wunderbarer Schiedsrichter aus den neunziger und nuller Jahren war. Er hat 2001 das legendäre Spiel zwischen Dortmund und Bayern gepfiffen, in dem er zehn Bayern-Spielern eine Gelbe Karte gab und zwei vom Platz schickte. Unter anderem gab es diese wunderbare Szene, in der Stefan Effenberg sich nach seinem Platzverweis mit einem Handkuss vom gegnerischen Publikum verabschiedete. Hartmut Strampe hat diesen fantastischen Schiri-Look: Schnäuzer, Bürstenhaarschnitt, die ganze Parkraumüberwacher-Attitüde. So hat er den bei der Namensfindung härtesten Konkurrenten Eugen Strigel ausgestochen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht der Support aus?

Brandt: Beim unserem ersten Spiel, Hertha gegen Stuttgart, hat Tobias Stieler gepfiffen. Dessen Nachname eignet sich ideal für langgezogene Rufe. Wir haben das in ruhigen Minuten mal angestimmt, vielleicht hat er es ja gehört und sich einen gegrinst. Aber das ist längst nicht alles. Wir haben Schiedsrichter- und Linienrichterfahnen dabei, die sehen wunderbar aus. Und Brigade-Hartmut-Strampe-Schals in Ultraoptik. Ein Stuttgart-Ultra hat uns gleich am S-Bahnhof einen gezockt. Der wird sich gewundert haben, als er las, was draufstand. Wir hatten auch dicke Banner dabei. Auf einigen stand in schöner Ultratypo: "Wir trinken keine Fanta." Eine Hommage an den legendären Wolf-Dieter Ahlenfelder. Oder: "Sieg oder Spielbericht". Oder: "Der hat schon Gelb." Der kam gut an bei den Leuten. Trillerpfeifen waren leider nicht erlaubt.

ZEIT ONLINE: Jubeln Sie bei einer korrekten Abseitsentscheidung?

Brandt: Wir haben den Vierten Offiziellen beklatscht und bejubelt, als er die Auswechslungen ankündigte. Und bei guten Situationen wurde "Gut gesehen" gerufen. Unser schönster Gesang war: "Unsere Qualität, Neutralität". Was ich auch toll fand, war der etwas umgedichtete Schiriklassiker: "Schiri, wir wissen, wo dein Auto stand, ist aufgetankt, ist aufgetankt."

ZEIT ONLINE: Was sagen die anderen Fans?

Brandt: Wir kamen uns ein bisschen vor wie ein Trupp Playboymodels, der sich zum Fußball verirrt hat. Weil wir nur angestarrt wurden. Ein paar fanden's lustig. Wir hatten aber auch einen Hertha-Fan, der konsequent auf Streit gepolt war. Ich habe ihm erklärt, dass wir Schiedsrichter-Fans sind und ihm das doch eigentlich gefallen sollte, aber das wollte er nicht einsehen. Die Polizisten waren übrigens auch sehr verwundert. Aber grundsätzlich war das Feedback positiv.

ZEIT ONLINE: Sind die deutschen Schiedsrichter es eigentlich wert, so unterstützt zu werden?

Brandt: Ich finde schon: deutsche Gründlichkeit, deutsche Ordnung, deutsche Disziplin, deutsches Fingerspitzengefühl. Da kommt einiges zusammen. Schiedsrichter sind ja nun nicht die Typen, von denen man erwartet, wenn sie einem zum Geburtstag einladen, dass es ein rauschendes, wunderschönes Fest wird. Aber sie sorgen dafür, dass alles den Regeln entsprechend funktioniert. Solche Typen hervorzubringen, dafür ist ein Land wie Deutschland natürlich prädestiniert.

ZEIT ONLINE: Aber deutschen Schiris? Sie pfeifen immer seltsamer, gelten als Duckmäuser, einige sagen, ihre Chefs haben keinen Plan.

Brandt: Ist das so? Was die Chefs Fandel und Krug so machen, weiß ich natürlich nicht. Ich habe nur noch in Erinnerung, wie sie selbst gepfiffen haben und da waren sie ganz okay, mal abgesehen von der Frisur von Herbert Fandel.

ZEIT ONLINE: Sie sind nie selbst verpfiffen worden?

Brandt: Natürlich, mehrfach, habe ich mich tierisch drüber aufgeregt, auch bei Entscheidungen gegen meinen Verein. Aber diese negative Energie habe ich in den vergangenen Monaten in positive umgewandelt.