Eine Bild-Text-Schere kann man Wolfgang Niersbach nicht vorwerfen. Er sah bleich und müde aus, wirkte nervös, schüttelte den Kopf, hob fragend die Brauen, zuckte mit den Schultern, verhaspelte sich mehrfach, kam ins Stocken, verzögerte Antworten. Dazu sagte der DFB-Präsident Sätze wie: "Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann." Und: "Auch da bin ich überfragt." Oder: "Ich wäre froh, wenn ich es für mich selber präziser wüsste."

Seit Tagen war der DFB mit harten Vorwürfen konfrontiert, seit Tagen wartete man auf Antworten. Fans, Politiker, auch Hochrangige des DFB forderten Aufklärung zu den Fragen, die die Spiegel-Recherche ergab: War das Sommermärchen gekauft und wofür zahlte der DFB der Fifa 6,7 Millionen Euro?

Doch statt einem Befreiungsschlag geriet die Pressekonferenz Niersbachs zu einer peinlichen Nummer, die es als ewiger YouTube-Hit mit Giovanni Trapattonis Wutrede oder Christoph Daums Haarprobenankündigung aufnehmen kann. Auch Uwe Barschel muss man öfter googeln in diesen Tagen.

Vor allem offenbart Niersbach nach wie vor einen Widerspruch: Er beruft sich auf ausstehende interne und externe Prüfungen sowie Wissens- und Erinnerungslücken. Doch trotz seiner Amnesie verkündet er seine "Kernbotschaft", die WM 2006 sei nicht gekauft, offensiv. So was nennt die Justiz "Bestreiten mit Nichtwissen", damit kommt man vor Gericht selten durch.

Um seine Story, mit der er die dubiose Zahlung erklären möchte, zu glauben, muss man ohnehin viel Wohlwollen aufbringen. Sie sei erst 2002 erfolgt, sagte er, und nicht, wie der Spiegel behauptet, kurz vor der WM-Vergabe im Jahr 2000. Stimmenkauf scheide also aus. Der angebliche Grund der Zahlung, und jetzt kommt's: Um von der Fifa einen Organisationszuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken zu erhalten, habe der DFB der Fifa vorher 10 Millionen überweisen müssen.

Da das WM-OK damals noch keine Einnahmen gehabt habe, habe Franz Beckenbauer das Geld von seinem Privatkonto vorstrecken wollen. Doch sei ihm von seinem Manager, dem inzwischen verstorbenen Robert Schwan, abgeraten worden. Stattdessen sei der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus eingesprungen. Und 2005 habe das OK seine Schuld über den Umweg des Fifa-Kulturprogramms beglichen.

Nicht dass man der unseriösen Fußballbranche einen solchen unseriösen Geldfluss nicht zutrauen würde, aber Belege legte Niersbach nicht vor. Von einem Kontoauszug oder einer schriftlichen Vereinbarung über diese Zahlung etwa sprach er nicht.

Inzwischen hat die Fifa dem DFB den Schwarzen Peter wieder zurückgeschoben. Sie bestreitet, dass der DFB eine Vorauszahlung für den Zuschuss leisten musste. Das sollte sie auch, eine solche Provision könnte illegal sein, ein vorgelagerter Kickback. Auch Sepp Blatter bestreitet Niersbachs Version, es habe 2002 ein Treffen zwischen Franz Beckenbauer und Blatter gegeben. Zurzeit vertraut man sogar der Fifa mehr als dem DFB.

DFB - DFB-Präsident Niersbach stellt sich der Presse In der DFB Zentrale in Frankfurt versuchte er, die dubiosen Zahlungen an die Fifa zu erklären.

Niersbachs Erklärung ist aber auch deswegen zweifelhaft, weil sie mindestens so viele Fragen aufwirft, wie sie zu beantworten vorgibt. Darunter sind heikle Fragen, eine Auswahl:

  • Konnte sich der Verband das Geld nicht von einer Bank leihen? Mit der Aussicht auf 170 Millionen Euro und einer WM vor der Tür hätte sich doch jemand finden lassen können, zumal die Postbank WM-Sponsor war. Hatte der DFB kein Geld?
  • Gibt es Belege über die Zahlung? Existiert noch ein Schuldschein von Dreyfus?
  • Warum machte der DFB Geschäfte mit Dreyfus, wo doch Adidas ein Jahr zuvor Anteilseigner bei Beckenbauers Verein Bayern München geworden war?
  • Hat die Zahlung gar etwas mit dem Ausrüstervertrag zu tun, den der DFB in den Weihnachtsferien 2002 mit Adidas verlängerte? 

Offen ließ Niersbach auch, was die internen Prüfungen ergeben haben, die der DFB angeblich seit Monaten führt. Namen, wer eingeweiht ist und wer befragt wurde, nannte Niersbach auch auf Nachfragen nicht. Das Versäumnis, seine Kollegen beim DFB nicht informiert zu haben, räumte er immerhin ein. Es muss jedenfalls eine sehr interne Prüfung gewesen sein. Vielleicht ein Selbstgespräch oder ein Gebet. Auffällig auch, dass Niersbach, abgesehen vom Mediendirektor, alleine auf dem Podium saß.

Und Niersbachs einzige Quelle ist offenbar ein Treffen mit Beckenbauer und dessen Verbündeten. Eine Audienz beim Kaiser. In Salzburg sind offenbar alle Geheimnisse des deutschen Fußballs verwahrt.

Ein treuer Freund bleibt der Fraktion um Niersbach und Beckenbauer aber erhalten. Eine knappe Stunde vor der Pressekonferenz, über die der DFB nicht mal neunzig Minuten vorab informiert hatte, konnte man die Niersbach-PK fast wortgleich auf bild.de lesen. Alfred Draxler ging all in für seine Buddys, schrieb von einer "Intensivrecherche". Sie beruhte aber auch nur auf Gesprächen mit den Belasteten.

Die Nachfragen der Journalisten, also Abweichungen vom Script, warfen Niersbach dann aus der Bahn. Man bekam fast Mitleid, auch wegen den spöttischen Kommentaren in der Presse und den Sozialen Medien. Sein Auftritt wurde für einen DFB, der so gerne Weltmeister ist, zurzeit aber die Karikatur eines Sportverbands abgibt, zur Peinlichkeit. Weiß Niersbach, dass er heute eine womöglich noch düstere Version als der Spiegel erzählt hat? Er wäre nicht der Erste, der nicht über die Sache selbst stolpert, sondern über den amateurhaften und unehrlichen Umgang mit ihr.

Arne Dedert/dpa
Klartext mit Wolle

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Die besten Zitate aus der DFB-Pressekonferenz mit Wolfgang Niersbach

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Arne Dedert/dpa
"Das entzieht sich meiner Kenntnis."

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Arne Dedert/dpa
"Das kann ich Ihnen nicht sagen."

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Arne Dedert/dpa
"Auch da bin ich überfragt.“

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