Der Sport ist eine Familie, man liebt sich und hält zusammen. Meist. Denn wie das so ist, am schönsten streitet es sich doch innerhalb der Familie. Wie beim DFB, wo seit einigen Jahren zwei ehemalige Verbündete in inniger Feindschaft verbunden sind: zwei Präsidenten, der ehemalige und der aktuelle, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach.

Dieser persönliche Konflikt könnte nun seinen Höhepunkt erleben. Laut der Süddeutschen Zeitung erwägt der DFB, Zwanziger wegen Untreue zu verklagen. Zwar bestreitet der Vize-Präsident Rainer Koch dieses Vorhaben. Aber überraschen würde es niemanden in der Branche, wenn es doch stimmte. Sie spekuliert ohnehin, dass Zwanziger einer der Informanten des Spiegels ist. Und das obwohl ihn die Vorwürfe um die Schwarzen Kassen der WM 2006 auch belasten.

Ursprung und Ursache des Konflikts der beiden sind selbst engen Wegbegleitern nicht klar. Zwanziger und Niersbach haben lange gut zusammengearbeitet. Zwei Weltmeisterschaften haben sie in Deutschland erlebt. Reibungspunkte sind nicht überliefert, die Rollenverteilung zwischen dem Präsidenten und seinem Generalsekretär war klar. Gegen Ende von Zwanzigers Amtszeit schien es allenfalls, als wollte Niersbach den furiosen Zwanziger nicht bremsen, um ihn vor die Wand laufen zu lassen.

Dass aus Freunden Rivalen werden sollten, wurde erstmals Ende 2011 sichtbar. Auf der DFB-Weihnachtsfeier kündigte Zwanziger für alle überraschend seinen Rücktritt an. Seinen Nachfolger wollte er selbst bestimmen, er brachte Erwin Staudt ins Spiel, den ehemaligen Präsidenten des VfB Stuttgart. Das war ein Affront gegen Niersbach, der das Erbe selbst antreten wollte. Offenbar hielt Zwanziger ihn für einen ordentlichen Leitenden Angestellten, aber nicht für präsidiabel.

Doch Niersbach hatte sich die Zustimmung innerhalb des DFB und der wichtigsten Fußballleute längst gesichert. Sie ließen Zwanziger nicht den Zeitpunkt seines Abgangs wählen. Zwanziger wollte noch ein halbes Jahr länger bleiben, dachte sogar laut darüber nach, sich die Sache noch mal zu überlegen. Doch beim DFB vernahm er ein: "Theo, es reicht!" Zwanziger fühlte sich von Niersbach vorzeitig aus dem Amt gedrängt. Seitdem lässt er an Niersbach kaum ein gutes Haar.

Die beiden sind unterschiedliche Typen. Zwanziger ist ein Redner mit enormem Sendungsbewusstsein, der keinem Konflikt aus dem Weg geht. Der Fußballkumpel Niersbach löst Probleme gerne intern und versöhnlich. An die Spitze kamen beide auf verschiedenen Wegen. Zwanziger ist der CDU-Politiker aus der Provinz, beim DFB stieg er in Landesverbänden auf. Er zählt zu der großen Juristenfraktion im deutschen Sport.

Zwanziger nannte Niersbach "Heuchler"

Niersbach, der früher über Fußballspiele berichtete, verirrte sich nie in die Untiefen des DFB-Verbandswesens. Stattdessen war er nah dran, als Sportgeschichte geschrieben wurde: als Pressechef des DFB beim WM-Titel 1990, als Vize-Präsident des WM-OKs 2006. Niersbach war stets der Adlatus Franz Beckenbauers, auf dessen Gunst ein Teil seiner Macht noch heute fußt.

Auch inhaltlich könnten die Unterschiede kaum größer sein. Niersbach ist darauf aus, dass alles reibungslos läuft. Von Programmen redet er nicht gerne. Zwanziger war der Reformer eines verstaubten Verbands. Er ließ die Nazi-Vergangenheit des DFB aufarbeiten, förderte den Frauenfußball und setzte sich für Toleranz ein.

Dem DFB verlangte er damit oft zu viel ab. Er rede ohne Manuskript, hörte man aus DFB-Kreisen während seiner Amtszeit. Es war der Code für: Man wusste nie, was kommt. Zwanziger lief mit der brennenden Fackel vorneweg, seine Gefolgschaft hinkte zwei Kilometer hinterher.

Zwanziger war auch über den Sport hinaus so bedeutend, er konnte sich Distanz zur Macht wie Uli Hoeneß oder adidas leisten. Niersbach sucht hingegen deren Nähe. Als er im März 2012 Zwanziger an der DFB-Spitze ablöste, war die Erleichterung im deutschen Fußball entsprechend groß. Zwanziger, lange ein höchst angesehener Präsident, hatte sich Feinde gemacht. Niersbach sagte nach seiner Wahl in Frankfurt: "Der Präsident eines solchen Verbands kann kein Solist sein, er kann nur Kapitän dieser Mannschaft sein." Eine klare, wenn auch diplomatische Abgrenzung von Zwanziger.

Als Zwanziger ein halbes Jahr später in einem Buch kritische Interna aus dem DFB veröffentlichte, war er völlig isoliert. Den gemeinsamen Termin zur Buchvorstellung in Berlin sagte Günter Netzer ab. Mit Zwanziger konnte man sich nicht mehr sehen lassen.

Seitdem ist Zwanziger in der Offensive. Etwa stört er sich an Niersbachs Gehalt. Zuvor hatte der als Generalsekretär mindestens 300.000 Euro verdient. Als Präsident, im DFB ein Ehrenamt, musste man eine Lösung finden. Nun bezieht er vorzeitig seine betriebliche Rente. Das mag seltsam klingen. Aber was daran illegal sein soll, konnte weder Zwanziger erklären noch die Fifa feststellen. Der hatte Zwanziger das nämlich zur Prüfung vorgelegt und ihm ein "Heuchler" entgegengerufen.

Ein Prozess gegen Zwanziger wäre riskant

Im Gegenzug forderte Niersbach samt der DFB-Spitze, dass Zwanziger sofort aus dem Fifa-Vorstand zurücktreten sollte. Zwanziger lehnte ab und blieb planmäßig bis Mai 2015. Beim DFB sind auch manche verärgert, dass Zwanziger Sepp Blatter aus Loyalität vor Kritik meist schonte.

Zwanziger ist heute ohne Amt. Los ist Niersbach ihn aber nicht. In der Version des Spiegels ist für Zwanziger die Rolle des Aufklärers vorgesehen. Auch daher rührt die Mutmaßung, er sei die Quelle. Beim DFB glaubt man auch an einen weiteren Racheakt Zwanzigers. Zwanziger lässt das über seinen Anwalt dementieren.

Es wäre ohnehin falsch, das alles auf einen persönlichen Kleinkrieg zu reduzieren. Wenn es um die Sache geht, die Aufklärung von möglicher Korruption also, sollten die Motive zweitrangig sein. Daher sollte man Zwanziger ernst nehmen, wenn er dem DFB nun vorwirft, "Legenden zu stricken statt Aufklärung zu betreiben". Wenn Zwanziger Recht hat, wusste Niersbach viel früher von den Millionen. Niersbach ist, wie so oft, schweigsamer.

Allerdings muss sich Zwanziger selbst erklären, er war in der Zeit der fraglichen Zahlung an die Fifa Präsident. Wenn der DFB auf eine Klage gegen ihn verzichtet, dann sicher nicht aus Rücksicht auf dessen Verdienste. Ein Prozess gegen ihn, den freien Radikalen des deutschen Fußballs, wäre schlicht zu riskant.