Vor gut einem halben Jahr war der VfB Stuttgart für ein paar Wochen eine der besten Mannschaften der Bundesliga. Im April und Mai entdeckte das Team im Abstiegskampf seine Spielkunst, reihte Sieg an Sieg. Der Trainer war Huub Stevens, verschrien als Maurermeister der alten Schule. Er hatte den Verein auf dem letzten Platz übernommen und rettete ihn.

Unter Alexander Zorniger, der Stevens im Sommer folgte, sollte es nach oben gehen. Nun ist der VfB wieder im Keller. Das 0:4 gegen Augsburg ließ endgültig Böses ahnen. Den Trainer zu entlassen war überfällig. Die Leistungen der Mannschaft stellten ihm ein schlechtes Zeugnis aus. Zorniger steht auch für einen sportlichen Irrweg im deutschen Fußball.

Der FAZ hat er seine Idee vor der Saison erklärt: Fußball sei ein "Fehlerspiel", es gehe darum, die des Gegners auszunutzen. Mit dieser einseitigen Sicht gehört er einer ganzen Trainerbewegung an. Roger Schmidt zählt dazu, auch Markus Gisdol. Ralf Rangnick und Jürgen Klopp sind die Überväter. Sie alle haben keine Karriere als Fußballer gemacht. Wohl deswegen glauben sie weniger an Individualität, an Topspieler.

Diese Trainer setzen auf Physis, Tempo, Balleroberung, nicht auf Spielwitz, Offensive, Initiative. Sie glauben an Pressing, Konter – und dann schnell schießen. Zorniger versucht, mit einer defensiven Idee von Fußball maximal offensiv zu sein. Der Fußball dieser Trainer ist der Gegenentwurf zum Ballbesitz-Spiel, dem Pep Guardiola anhängt. Es ist Außenseiterfußball, der in Deutschland in Mode ist, auch im Nachwuchs und bei den Frauen. Als wäre man, Pardon, in Schottland oder Island. Klänge es nicht zynisch, müsste man froh sein, dass das schiefgeht.

Dass bei Zorniger individuelle Stärke keine Priorität hat, sah man, als er in den ersten Spielen Adam Hlousek in die Innenverteidigung stellte. Das ist ein Spieler, der in der Offensive seine Stärken hat, und dem man schnell ansieht, warum man nicht auf ihn bauen sollte, wenn Gefahr vor dem eigenen Tor herrscht. Georg Niedermeier hingegen, zwar kein Fußballer zum Zungeschnalzen, aber ein zweikampfstarker Verteidiger, der zurückrennt, wenn's brennt, hatte bei ihm keine Chance.

Phasenweise klappte zwar, was Zorniger vorhatte. In Hamburg und Leverkusen schoss der VfB rasante Kontertore. Beide Spiele verlor er aber, weil es gegen keine andere Bundesligamannschaft so leicht ist, ein Tor zu schießen. Selbst wenn der VfB führt, ist er hinten offen. Bayer 04 gelang der Ausgleich, weil ein Stürmer ohne Gegenwehr in den Strafraum eindringen konnte. In München geriet der VfB bei einem 6:2-Überzahlangriff der Bayern in Rückstand.

Bei Zorniger kamen Mängel in der taktischen Feinarbeit hinzu. Seine Verteidigung stand oft zu weit vorne, verschob zu extrem oder rückte im falschen Moment raus. Ließ Zorniger nach Rückschlägen vorsichtiger spielen, war der VfB hingegen harmlos im Angriff, wie etwa bei der Niederlage in Berlin. Mit seinem Stil stimmte die Balance zwischen Angreifen und Verteidigen nie.

Dabei hatte Zorniger Bestnoten in der Trainerausbildung des DFB, er erklärt seinen Fußball gerne wissenschaftlich. Er habe viel aus Moneyball gelernt, in dem die statistische Auslegung des Sports siegt, sagte er. Allerdings geht es in diesem Film um Baseball. Vielleicht hat Mehmet Scholl an Zorniger gedacht, als er über die Theoretiker lästerte, "die Laptop-Trainer". Vielleicht erkennt Zorniger nicht, ob ein Spieler gut, sehr gut oder eben mittelmäßig ist. Vielleicht ist auch das ein Unterschied zu den Scholls, Babbels, Effenbergs oder, vor allem, Heynckes'.

Zorniger statt Tuchel

Zorniger versagte jedenfalls in der Praxis. Platz 16 trotz einer Vielzahl von Spielern, die für Teams wie Dortmund, Schalke, Leverkusen oder Gladbach interessant sind. Der VfB fing die meisten Tore der Liga. Gegen die Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt mussten Glückssiege her, sonst wäre der VfB Letzter.

Erschwert hat sich Zorniger das Leben durch seine selbstbewussten Worte. Noch in der vorigen Woche attestierte er sich selbst, der "richtige Trainer für den VfB" zu sein. Zuvor hatte er seinen Fußball als "alternativlos" bezeichnet. Er verdarb es sich mit Teilen der Mannschaft. Er breitete Interna über Didavis Verletzung aus, machte sich vor der Kamera über Werners Jubel lustig, sprach schlecht über Niedermeier. Diejenigen, die das Talent Kimmich verkauft hätten, müsse man "erschlagen", sagte er. Also auch den eigenen Aufsichtsrat?

Zornigers Entlassung ist auch eine Niederlage für die Führung des Vereins. Im Oktober wurden weder der Vorstand noch der Aufsichtsrat entlastet. Auch der Sportdirektor Robin Dutt nicht. Er hatte Zorniger überoptimistisch vorgestellt. In Stuttgart gibt es seitdem einen Hype, selbst das Spiel gegen Augsburg war fast ausverkauft. Allerdings schlug die Stimmung in Häme um.

Manche Fans müssen nun an Thomas Tuchel denken. Auch ein "Laptop-Trainer", allerdings einer, der neuerdings Fußball spielen lässt, nicht nur rennen. Angeblich hätte er den VfB gerne trainiert, selbst in der zweiten Liga, wie man hört. Doch Dutt wollte mit Zorniger eine neue Epoche einläuten. Er stattete ihn mit einem Dreijahresvertrag aus, obwohl der keine Bundesliga-Erfahrung hatte. Zornigers naive Spielidee sollte sogar im VfB-Nachwuchs umgesetzt werden. Diesen Schaden sollte der VfB auch beheben.