Babelsbergs Trainer Cem Efe © SV Babelsberg

Cem Efe hat am Wochenende eine kleine Wutrede gehalten. Der Trainer des Viertligisten SV Babelsberg warf dem gegnerischen Team Rassismus und Diskriminierung vor. Die Worte "Scheiß Türke" und "Alles Ausländer hier" sollen gefallen sein. Danach musste der 37-Jährige sich Luft machen. Er griff auch den Zwickauer Trainer Torsten Ziegner an, der versuchte, zu relativieren. Ziegner wurde im Jahr 2008 für fünf Spiele vom DFB gesperrt, als er noch als Spieler einen Gegner rassistisch beleidigt hatte.




ZEIT ONLINE: Herr Efe, wie waren die Reaktionen auf Ihre Rede?

Cem Efe: Es kamen zwar auch ein, zwei rassistische Andeutungen, aber zu 99,9 Prozent waren die Reaktionen sehr positiv. Die Leute gaben mir Zuspruch, waren froh, dass endlich mal jemand etwas sagt. Das sagte ich ja bereits in der Pressekonferenz: Wenn es auf dem Platz zu sportlichen Auseinandersetzungen kommt, dann ist das okay. Aber ständige Äußerungen gegen ausländische Spieler sind irgendwann nicht mehr zu ertragen. Da sind wir als Verantwortliche gefragt.

ZEIT ONLINE: Sie spielen in der Regionalliga Nordost, im tiefsten Fußballosten. Passiert so etwas öfter?

Efe: Ja. Und es passiert immer öfter. In einem anderen Spiel wurden meine Spieler und ich einmal 90 Minuten lang ohne Unterbrechung rassistisch beleidigt. Ich kann einiges ab und will auch nicht irgendwelche Leute erziehen, aber wenn das immer und immer wieder passiert, platzt einem der Kragen. Ich kann doch nicht jemanden verurteilen, nur weil er anders denkt, anders aussieht oder aus einer anderen Kultur kommt. Was soll das?

ZEIT ONLINE: Haben Sie manchmal Angst?

Efe: Nein, das nicht, aber ich mache mir Sorgen um die Gesellschaft und die Jugendlichen. Um Werte, die verloren gehen. Wenn ich Angst hätte, hätte ich schon längst aufgehört.

ZEIT ONLINE: Sie sagten, Sie hätten Angst, dass irgendwann mal ein Mord geschieht.

Efe: Im gleichen Atemzug habe ich gesagt, dass ich übertreibe, weil ich vor lauter Emotionen nicht die passenden Worte finde. Wir haben innerhalb von knapp 18 Monaten dreimal gegen Zwickau gespielt. Im ersten Spiel musste einer unserer Spieler nach einer Kopfnuss ins Krankenhaus, im zweiten Spiel wurde ein anderer Spieler in der 90. Minute provoziert und brutal umgegrätscht, Rote Karte! Schon nach diesem Spiel habe ich von mehr Respekt untereinander gesprochen. Und jetzt wieder dieses Verhalten. Wo soll das hinführen?

ZEIT ONLINE: Wirkt sich das auf Ihre Spieler aus?

Efe: Natürlich. Die Jungs haben das Gefühl, dass sie oft benachteiligt werden. Aber dazu sage ich jetzt lieber nichts mehr.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist das Problem des Rassismus im Ostfußball?

Efe: Die Situation dort ist vielleicht dramatischer als anderswo, aber auch im Osten gibt es wunderbare Leute, genauso, wie es auch im Westen Rassismus gibt. Ich habe in Neugersdorf in der Oberlausitz gespielt und in Torgelow in Vorpommern. Von dort schreiben mir immer noch Freunde.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, was läuft schief?

Efe: Einiges. Sport ist doch die Möglichkeit, zu sagen: Ich bin anders, du bist anders, aber zusammen können wir erfolgreich sein. Bei mir hat Süleyman Koç gespielt, der saß im Knast, heute spielt er in der Zweiten Bundesliga. Ich bin nicht Mutter Teresa, ich will auch kein Politiker sein, ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich habe das so gelernt von meinem Vater. Werte eben, Anstand. So wie wenn man im Bus aufsteht, wenn eine ältere Dame sich setzen möchte.

ZEIT ONLINE: Hat sich das Problem des Rassismus im Osten in den vergangenen Monaten verschärft? Stichwort: Pegida.

Efe: Diese Berührungsängste sind eine Frage der Erziehung. Eltern sind gefordert, Kitas, Schulen. Ich habe im Osten gespielt und die Leute dachten anfangs, ich könnte kein Deutsch, als sie mich beim Einkaufen gesehen haben. Später haben sie mich geliebt und ich sie auch.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sich wünschen, dass Fußballtrainer und Spieler sich öfter hinstellen und in der Flüchtlingsdebatte positionieren?

Efe: Es gibt ja ein paar No-Racism-Spots, aber die Frage ist, ob das ausreicht oder es am Ende doch nur eine Werbekampagne ist, die bei der Zielgruppe hier rein- und da wieder rausgeht. Bekannte Fußballer hätten die Wirkkraft, aber sind sie auch immer authentisch? Ich werde manchmal 90 Minuten lang rassistisch beleidigt, Pep Guardiola würde das nicht passieren.

ZEIT ONLINE: Die dritte Mannschaft des SV Babelsberg ist Welcome United, ein Team, das komplett aus Flüchtlingen besteht. Reden Sie in ihrem Team auch über die aktuelle Flüchtlingsproblematik?

Efe: Es freut uns, dass diesen Menschen eine Tür geöffnet wird. Dass sie eine Möglichkeit haben, sich zu entfalten. Deswegen liebe ich Deutschland, deswegen ist Deutschland ganz besonders. Das zeigt die wahre Qualität dieses Landes.

ZEIT ONLINE: Die Bundeskanzlerin hat gesagt: "Wir schaffen das." Hat sie recht?

Efe: Ich wünsche mir das, ja.