Nicht jedes medial begleitete Fußballspiel ist seiner Anlage nach gleich sinnvoll, gleich einnehmend, gleich legitimiert. Die jeweiligen Schwundstufen sind uns Fans wohlvertraut. Es beginnt mit sogenannten Testspielen (einstmals: Freundschaftsspiele), gefolgt von sogenannten Abschiedsspielen über reine Benefizspiele bis zu den Dorfauftritten übergewichtiger Ex-Profis als All-Star-Teams. Bei all diesen Veranstaltungen steht dann, wie es in einer einschlägigen Wendung heißt, "das Sportliche nicht im Vordergrund".

Heute Abend in Hannover nun wird dieser Reihe aus bekannt entsetzlichem Anlass ein neuartiges Element hinzugefügt. Man könnte das neue Genre  versuchsweise als "Trotzspiel" beziehungsweise "Trauerspiel" fassen. Denn verstehen wir es richtig, besteht die wesentliche Botschaft und damit Legitimation dieser Partie einzig und allein darin, überhaupt stattzufinden. Sie steht ganz unter dem Banner des "Trotzdem", dem demonstrativen Willen zur Aufrechterhaltung einer faktisch verlorenen Normalität. Eine gute Idee?

Welche Botschaft vermittelt ein Länderspiel, das als Wettkampf keine Bedeutung hat, ja nicht einmal als sportliche Veranstaltung wahrgenommen werden wird? Taugt es wirklich zu einer glaubhaften Demonstration unserer lebensfrohen Wehrhaftigkeit, unseres kollektiven Mutes, gar als eine eindrucksvolle Feier "unserer Werte"? Oder wird es unter der Hand nicht für alle spürbar vor allem eines beweisen: Terror wirkt,  Terror verändert unsere Weltwahrnehmung, Terror entzieht ganzen Erfahrungsfeldern – beispielsweise dem Sportgenuss – die lebensweltliche Grundlage?

Kaum etwas Trostloseres

Wie es sich anfühlt, wenn das Bedingungsgefüge sportlichen Genusses mit einem einzigen Knall zerstört wird, war vergangenen Freitag im Stade de France jedenfalls für alle Beiwohnenden eindrucksvoll vernehmbar. Mit dem Durchsickern der Attentatsmeldung war es um die Bedeutungsillusion des Spiels selbst geschehen. Kaum etwas Trostloseres, kaum etwas Sinnloseres, als vor dem Hintergrund des Geschehens 22 Männern dabei zuzusehen, wie sie ballorientiert über ein Rasenfeld hasteten.  

Wie jede tiefgreifende Störung unserer Lebenswelt förderte auch dieses Ereignis eben jene stets als selbstverständlich angenommenen und deswegen selten eigens bedachten Voraussetzungen zutage, die unseren täglichen Handlungen eigentlich Sinn und Halt verleihen. Im Falle des Wettkampfsports betreffen sie die kollektiv bejahte Fiktion, dass es in einem Spiel stets nur um dieses Spiel geht – und um sonst nichts. So lange das Spiel läuft, ist es wichtiger als alles andere, und somit in einem nicht metaphorischen Sinne tatsächlich wichtiger als "Leben und Tod". Für diese Illusion bedarf es, neben vielen anderen Dingen, vor allem auch eigener, ritueller eingehegter Schutzräume (Stadien), die uns vor den Fährnissen des Alltags und der Außenwelt wirksam schützen und distanzieren. Läuft es, wie es soll, spannt der Wettkampf dann eine denkbar erfahrungsintensive Eigenwelt auf, die alles Sportfremde als irrelevant ausblendet.  

Kein Sportereignis

Das heutige Trotzspiel in Hannover bedeutet nun die vollkommene Umkehrung dieses Bedingungsgefüges. Es wird sich damit nicht um ein Sportereignis handeln. Vielmehr werden die 22 Akteure auf dem Rasen in denkbar exponierte und faktisch hilflose Zivilisationsdemonstranten transformiert, die vor den Augen ihrer Nationen so tun müssen, als spielten sie gegeneinander Fußball. Anders gesagt: Jeder Sportsfreund wird heute Abend am eigenen Leibe spüren, was einer permanent vom Terror bedrohten Gesellschaft verloren zu gehen droht: Es ist die unendlich genussvolle und nichts weniger als luxuriöse Möglichkeit, Erfahrungen maximal mit Bedeutung aufzuladen, die mit der Sorge um das nackte Überleben nicht das Geringste zu tun haben.