Rehden heißt der Ort, an den sich wohl selbst Pep Guardiola erinnert. Hier steht Guardiola zum ersten Mal als Trainer des FC Bayern bei einem Pflichtspiel an der Seitenlinie. Es ist die erste Runde des DFB-Pokals 2013, der Gegner ist der BSV Schwarz-Weiß Rehden, ein Verein aus der Regionalliga Nord. Provinz, 100 Kilometer südlich von Bremen.

Für Rehden ist es das größte Fußball-Ereignis der Vereinsgeschichte. Zwar muss der Verein nach Osnabrück umziehen, weil die eigenen Waldsportstätten den DFB-Auflagen nicht genügen. Doch das ganze Dorf fährt mit. Millionen Zuschauer wollen die Guardiola-Premiere bei ARD und Sky sehen. Es ist ein Sommerabend im August.

Zum ersten Mal blickt Fußball-Deutschland auf Rehden. Was nicht in diese Stimmung passt: eine positive Dopingprobe. Ein paar Monate zuvor, im Mai 2013, haben die Kontrolleure Methylendioxymethamphetamine im Urin von Rehdens Stürmer Marcus Storey gefunden. Ecstasy.


Normalerweise veröffentlichen Vereine und Verbände positive Dopingfälle auf ihren Websites. Doch der Fall Storey ist bis heute nicht zu finden. Der DFB schreibt auf seiner Website, insgesamt seien seit 1988 "nicht einmal zwanzig Spieler positiv getestet" worden. Nach Recherchen von CORRECT!V gibt es in Wahrheit dagegen schon fast dreißig Dopingfälle (siehe unten). Wie kann es sein, dass ein Fall wie der von Marcus Storey nicht an die Öffentlichkeit kommt? Und was sagt das über die Dopingaufklärung im Fußball aus?

Eine Party soll schuld sein

Zwei Monate vor dem Pokalspiel gegen Guardiolas Bayern ist der BSV Rehden zu Gast beim VfR Neumünster. Die Regionalliga-Saison ist Mitte Mai 2013 auf der Zielgeraden. Auf der Rehdener Bank sitzt der US-Amerikaner Marcus Storey. Bei der 2:0-Niederlage wird er nicht eingewechselt. Trotzdem muss er nach dem Spiel zur Dopingprobe. Ein Zufall. Alle Spieler, die im Kader stehen, können ausgelost werden.

Das Ergebnis kommt ein paar Wochen später: Storey ist positiv auf Ecstasy. Nichts für große Leistungssprünge, eher um Schmerzen zu lindern oder für Euphorie auf dem Platz. Woher kommt das Ecstasy? Marcus Storey selbst äußert sich auf Anfrage nur einmal, eine Party soll schuld sein. "Ich bekam etwas ins Getränk und bin am nächsten Morgen woanders aufgewacht. Ich glaube, ich war mit den falschen Leuten unterwegs." Das ist alles. Auf weitere Anfragen reagiert Storey nicht.

Marcus Storey arbeitet während seiner Zeit in Rehden bei einer Logistikfirma, muss nachts anfangen, eine Umstellung. Storeys damalige Mitspieler erzählen, der Amerikaner sei an den Wochenenden gerne in Clubs feiern gewesen. Die meisten Spieler wären da anders gewesen, sagt Josip Tomic, ein ehemaliger Mitspieler und Mitbewohner von Storey. "Arbeiten, Training, arbeiten, Training, so lief das bei den meisten."

2007 kommt Storey aus den USA nach Deutschland, will Profi werden. Storey probiert es beim SV Wilhelmshaven. Als er dort auf sich aufmerksam macht, gibt es Angebote aus Essen und Babelsberg. "Mit mehr Wille hätte er es locker zum Profi geschafft", sagt Bernd Floris Flor, sein damaliger Berater. Storey bleibt in der Regionalliga hängen. "Er war stur, genoss lieber die Freizeit. Eine höhere Liga hätte mehr Stress bedeutet, und das wollte er nicht", sagt Flor.

Der Verein sollte die Probe diskret behandeln

Nach Vertragsstreitigkeiten trennen sich Wilhelmshaven und Storey 2012. Er fliegt für einen Kurztrip in die USA, kommt zurück und wechselt nach Rehden. Eine Saison später endet seine Karriere in Deutschland mit der positiven Dopingprobe. Josip Tomic, seinem Rehdener Mitbewohner, sagt er nach einer seiner letzten Trainingseinheiten: "Lebe für Fußball, dann schaffst du es!" Storey schafft es nicht. Heute kümmert er sich in den USA um Frau und Kind.

Die vermeintliche Dopingaufklärung beginnt danach. Der Vertrag in Rehden endet am 30. Juni 2013. Das ist wichtig zu wissen, denn Rehden fühlt sich danach nicht mehr für den Dopingfall zuständig. Der Spieler ist nicht mehr im Verein, also gibt Rehden keine offizielle Mitteilung raus. Nicht mal Storeys Mitspieler werden über den Dopingfall informiert. "Es war später mal Thema im Bus auf irgendeiner Auswärtsfahrt, aber alles nur Gerüchte", sagen einige Mitspieler von damals. In Rehden wird bis heute über Drogen, Dopingfälle und Marcus Storey spekuliert, aber niemand weiß etwas Konkretes.

Rehdens Präsident Friedrich Schilling bekommt bereits Mitte Juni am Telefon Bescheid, dass einer seiner Spieler für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt wird. Der Verein müsse sich aber keine Sorgen machen, gibt der zuständige Sportrichter am Telefon Entwarnung, denn Storey wurde ja nicht eingewechselt. "Der Norddeutsche Fußball-Verband hat uns angewiesen, das Urteil nicht zu veröffentlichen", sagt Schilling am Telefon und bestätigt es auf Nachfrage noch einmal per E-Mail. Der Verein sollte die positive Probe diskret behandeln, sagt Schilling.

Nirgendwo ein Hinweis auf Storey

Bis zur offiziellen Sperre dauert es zwei Monate, obwohl der Verein darauf verzichtet, die B-Probe zu öffnen. Das wären für den Verein unnötige Kosten gewesen, sagt Präsident Schilling. Es sei ja klar gewesen, dass sein Verein nicht bestraft wird. Am 10. Juli 2013 spricht der Norddeutsche Fußball-Verband (NFV) sein Urteil: Zwei Jahre lang darf Storey weltweit kein Spiel mehr machen. Das Urteil veröffentlichen weder der BSV Rehden noch der Norddeutsche Fußball-Verband oder der Deutsche Fußball-Bund.

Der DFB lässt sich selbst die Wahl, ob er Dopingfälle veröffentlicht. Der DFB und die Nationale Anti-Doping Agentur (Nada) dürfen "soweit erforderlich und angemessen" Informationen über Spieler offenlegen, heißt es in den Durchführungsbestimmungen für Dopingkontrollen. Unterhalb des Profifußballs, also Regionalliga und abwärts, wird erst mal nur der Landesverband benachrichtigt, der die Spielklasse organisiert. Je regionaler die Struktur, desto enger liegen die Interessen der Akteure beieinander, desto größer die Gefahr einer internen Lösung – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

Der Norddeutsche Fußball-Verband schreibt auf Nachfrage, sowohl er als auch der DFB hätten damals den Fall veröffentlichen können, aber nicht müssen. Der NFV verzichtete darauf. Storey habe zu der Zeit seine Karriere ja ohnehin bereits beendet gehabt – und weil "es sich nicht um systematisches, leistungssteigerndes Doping handelte".