Das Nein der Hamburger zur Olympiabewerbung hat bei vielen Politikern und Sportfunktionären Entsetzen und Niedergeschlagenheit hinterlassen. "Für den deutschen Sport ist das ein Armutszeugnis", sagte Hockey-Olympiasieger Christian Blunck nach dem Referendum, bei dem sich 51,6 Prozent gegen Olympia in der Hansestadt ausgesprochen hatten.

Die Sportausschussvorsitzende des Deutschen Bundestages erwartet nun, dass das Thema einer deutschen Olympiabewerbung auf unabsehbare Zeit vom Tisch ist. "Meine große Sorge ist, dass wir in Deutschland über viele Jahre nicht mehr über eine Bewerbung reden werden", sagte Dagmar Freitag. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir es 2028 noch einmal versuchen, sondern halte es auch für geboten, uns eine Denkpause zu verordnen."

Schade sei auch, dass Deutschland "aus der internationalen Diskussion um die Austragung von Olympischen Spielen vorerst ausgeschlossen ist und wohl kaum noch ständig Kritik an die Vergabe an Länder üben kann, die unseren Standards in mehrfacher Hinsicht nicht standhalten", sagte Freitag unter anderem mit Blick auf die Vergabe der Winterspiele 2022 an Peking. "Wir hätten mit der Olympiabewerbung von Hamburg ein nachhaltiges Konzept und damit eine Alternative gehabt."

Auch viele Sportler zeigten sich tief enttäuscht. "Hamburg meine Perle vor die Säue geworfen. Das Tor zur olympischen (Sport)welt für immer geschlossen", twitterte der ehemalige Handballer Stefan Kretzschmar. Ähnlich äußerte sich Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn. Nun sehe es düster aus für den Leistungssport in Deutschland.

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, Clemens Prokop, sprach im Bayerischen Rundfunk von einer "Riesenenttäuschung für den Sport". Für das Nein der Hamburger habe es viele Gründe gegeben: Misstrauen gegen internationale Sportorganisationen durch die Skandale der letzten Zeit, Angst und Misstrauen in Großprojekte generell sowie Sicherheitsfragen nach den Anschlägen in Frankreich. Dem Breitensport werde dies aber nicht schaden, sagte Prokop. Die Sportbegeisterung in Deutschland sei groß, im Breitensport erlebe man derzeit einen großen Aufschwung.

Olympia-Referendum - Hamburg sagt Nein zu Olympia Bürgermeister Olaf Scholz und Alfons Hörmann, Präsident des Olympischen Sportbundes äußern ihr Bedauern zum Ergebnis der Abstimmung.

IOC über Nein zu Olympia nicht überrascht

Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Lausanne schien das Hamburger Nein kein Erstaunen hervorzurufen. "Wenn man die Diskussionen in Deutschland in den letzten Wochen verfolgt hat, kommt dieses Ergebnis nicht ganz überraschend", teilte ein IOC-Sprecher mit. Hamburg habe eine große Chance verpasst, weil das IOC der Stadt 1,7 Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden Euro) zum Gelingen der Spiele beigesteuert hätte. "Es ist verständlich, dass die Einwohner Hamburgs in einer Situation, in der Deutschland mit der hohen Anzahl von Flüchtlingen eine historische Herausforderung zu bewältigen hat, auf die nicht geklärte Finanzierung sensibel reagiert haben."

Am kommenden Samstag in Hannover wird sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nun bei seiner Mitgliederversammlung mit der Frage beschäftigen müssen, wie es weitergehen soll. Eigentlich sollten die Spiele in Hamburg den deutschen Spitzensport beflügeln und aus den Niederungen führen, in die er in den vergangenen Jahren gerutscht war. Diese Chance sei für die kommende Generation vergeben, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Einen Plan B gebe es derzeit nicht. "Wir waren auf dieses Szenario bis zum heutigen Tag nicht vorbereitet", sagte Hörmann.

Der Vorstandsvorsitzende des DOSB, Michael Vesper, forderte, die Niederlage zu akzeptieren und nach vorne zu sehen. "Wir hätten mit Olympia einen richtigen Schub bekommen", sagte Vesper. Nun müsse man "ohne diesen Schub weiterarbeiten und trotzdem etwas für den Spitzensport tun". Allerdings sei heute "natürlich ein ganz falscher Tag, um über eine neue Olympiabewerbung nachzudenken".