Die Niederlage für die deutschen Olympiafans schmerzt umso mehr, weil Hamburg sie beschert hat. Hamburg hatte gegenüber Berlin den Vorzug für die Olympiabewerbung erhalten, weil die Zustimmung dort sicher schien. Die Umfragen sagten zwischendurch Ergebnisse von bis zu 70 Prozent Zustimmung voraus, zuletzt immerhin noch 56. Dass es anders kam, ist eine Sensation.

Das Nein zur Hamburger Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024 und 2028 hat viele Gründe: Unklar war für die Hamburger Bürger, wie teuer der Spaß wirklich werden und wer ihn zahlen sollte, Bund oder Stadt. Die Flüchtlingskrise sei zur "Unzeit" gekommen, wie der DOSB-Chef Alfons Hörmann sagte. Der Terror von Paris schadete auch. Und manch einer hat vielleicht auch Nein angekreuzt, weil es an der Elbe angeblich kein flaches Ruderwasser gibt.

Doch der entscheidende Grund war das Misstrauen der Bürger gegenüber dem Sport. Das wohlverdiente Misstrauen, muss man sagen.

Einigen Insidern ist schon lange klar, dass der Sport eine vordemokratische Institution ist. Unter Werten versteht sie die Nullen vor dem Komma. Teilweise muss man von organisierter Kriminalität sprechen, wie bei der Fifa. Dieses Wissen über den Saustall Sport ist inzwischen bei Publikum angekommen.

Der jüngste Skandal ist das Staatsdoping in Russland. Über Kenia hört man demnächst wohl Ähnliches. Nicht Sportorganisationen haben das aufgedeckt, sondern Whistleblower und Journalisten. Der ehemalige Boss des Leichtathletik-Weltverbands, Lamine Diack, war sogar direkt daran beteiligt. Und der neue Chef Sebastian Coe beschwichtigte lange, weil er sich offenbar bei seinen Geschäften gestört fühlte.

Olympia-Referendum - Hamburg sagt Nein zu Olympia Bürgermeister Olaf Scholz und Alfons Hörmann, Präsident des Olympischen Sportbundes äußern ihr Bedauern zum Ergebnis der Abstimmung.

Bewerbung wäre wohl chancenlos gewesen

Der Aufschrei des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach blieb ebenso aus, obwohl die wichtigste olympische Sportart betroffen ist. Er hat es bislang nicht geschafft, das IOC vom Ruf der Korruption und des Größenwahns zu befreien. Wieder einmal hat eine Demokratie Nein zu Olympia gesagt. Wie in Oslo, Stockholm, Graubünden, Krakau, Wien und Boston, wo Referenden zuletzt scheiterten oder die Politik die Bewerbung zurückzog.

Und natürlich in München, wo die Bürger vor zwei Jahren Stopp sagten. Damals fürchteten die schwarzmalenden Verlierer, wie jetzt in Hamburg, das Nein bedeute für Jahrzehnte das Aus für deutsche Olympia-Ambitionen. Ein Jahr später hatte sich der deutsche Sport das wieder anders überlegt, freilich ohne auf die Ablehnung aus München reagiert zu haben. Vielleicht wäre mal was anderes als Weiterso gefragt.

Der deutsche Sportfan mag sich trösten. Hamburgs Bewerbung wäre vermutlich chancenlos gewesen gegen Paris, Rom und vor allem Los Angeles, zumal 2024 wohl die Fußball-EM in Deutschland stattfinden wird. Kritiker vermuteten ohnehin, der wahre Zweck der Kampagne seien gar nicht die Spiele, sondern die Bewerbung selbst gewesen. In diesen sechs Jahren hätte der Sport von der Politik mehr Steuergeld fordern können, um die Nation wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Beim DOSB sprach man recht unverhohlen über Steigerungen von mindestens zehn Prozent.

Ist der deutsche Sport klug, lernt er aus dieser Niederlage. Er könnte seine Struktur schlanker machen, viele Landes- und Kreissportbünde oder Landesfachverbände sind überflüssig. Vor allem muss er sich nach der zweiten Niederlage in zwei Jahren fragen, wofür diejenigen stehen, die ihn führen. Ein großes Manko der Hamburger Bewerbung war, wie ideenlos, uninspiriert und bürokratisch der deutsche Sport auftrat, inklusive der beteiligten Politiker sowie der BWL-Typen, die die Bewerbung begleiteten. Neue Köpfe braucht das Sportland.