Olympia in Deutschland ist eigentlich eine schöne Idee. Die Hamburger und Kieler werden am Sonntag, wenn das Referendum endet, wahrscheinlich mit Ja stimmen. Die Spiele 2024 oder 2028 können ein großes Fest werden. Sport kann Völker verbinden. In Zeiten der globalen politischen Krisen ist er nicht nur schön, sondern auch wichtig.

Olympia darf auch was kosten, Deutschland muss nicht das Land der Krämerseelen sein. Und nicht alle Argumente der Olympiagegner sind gut. Der Host-City-Vertrag, mit dem das IOC angeblich die Ausrichterstadt knebelt, ist ein normaler Franchise-Vertrag. Sie gibt einen Teil ihrer Autonomie ab und nutzt im Gegenzug die Marke Olympia. Nicht zuletzt ist es den deutschen Sportlern zu gönnen, um Gold in der Heimat zu kämpfen.

Doch wenn man sich die Männer anschaut, die den Sport regieren, vergeht einem die Lust auf Olympische Spiele. Es ergreift einen die Wut. Sportfunktionäre hatten schon immer einen schlechten Ruf, nach den Nachrichten der vergangenen Monate dürfte auch dem Letzten aufgefallen sein, warum. Doch ob die vielen Skandale Lerneffekte verursachen, muss bezweifelt werden. Daher wäre es sogar heilsam für den Sport, wenn er vom Volk wie in München die Quittung bekommen würde.

Da ist der DOSB-Präsident Alfons Hörmann, der im März im Bürokratieton verkündete, dass Hamburg sich gegen Berlin durchgesetzt hat. Kurz darauf akzeptierte er in einem Gerichtsverfahren eine Strafe von 150.000 Euro plus 75.000 Euro Zinsen. Der Vorwurf an den Unternehmer aus der Baubranche: illegale Preisabsprachen. Bei seiner Wahl zum DOSB-Chef im Dezember 2013 hatte er noch versprochen, er werde sich in diesem Prozess "schadlos" halten. Später gab er einen "Fehler" zu. Der höchste Mann im deutschen Sport hat offenbar nicht immer viel von fairem Wettbewerb gehalten.

Vor einer Woche besuchte Hörmann den Landessportbund Thüringen. Das ist ein von alten Stasi-Seilschaften diktierter Verband, der die volle Unterstützung Hörmanns genießt. Dabei ließ er sich öffentlich über Ines Geipel aus, die Leiterin des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH). "Ich bin vor der gewarnt worden", sagte Hörmann – und andere Abfälligkeiten.

Doping-Opfer der DDR klingt nach einem alten Hut. Wer mal mit welchen zu tun hatte, sieht das anders. Unter ihnen sind körperliche und seelische Wracks, manche keine vierzig Jahre alt. Der Bund hat im November eine Einmalzahlung von 10,5 Millionen Euro an den DOH genehmigt. Der deutsche Sport sollte eine Mitverantwortung für diese DDR-Altlasten übernehmen, auch finanziell, etwa über eine Rente. Der DOSB lehnt das ab, ihm ist das Thema lästig.

Anti-Doping-Kampf scheitert am Personal

Smarter ist Hörmanns Vorgänger Thomas Bach. Seit zwei Jahren will er als Präsident das IOC reformieren. Sagt er zumindest. Agenda 2020 lautet sein Programm hochtrabend. Geht es um den gigantischen Doping- und Korruptionsfall der olympischen Kernsportart Leichtathletik, ist er kleinlauter. Bach ließ sogar zu, dass das Europäische Komitee unter Führung seines Verbündeten Patrick Hickey in der vorigen Woche die Europaspiele 2019 nach Russland vergab. Also in das Land, in dem gerade ein staatliches Doping-System aufflog und deren Leichtathleten suspendiert wurden.

Ohnehin rechnen viele damit, dass Bach den Russen die Hintertür für Rio offen halten wird. Für die sauberen Sportler Russlands ist das eine gute Nachricht. Überhaupt kann sich niemand freuen, wenn ein ganzes Land nicht dabei ist. Aber das epidemische Problem Doping kriegt man so nicht in den Griff. Die Hamburger, die mit Ja stimmen, sollten wissen, dass sie sich die Wettbewerbe der Pharma-Industrie in die Stadt holen.

Von Craig Reedie, einem weiteren Vertrauten Bachs, haben wir auch nicht viel gehört. Dabei ist er der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Er macht aber eher den Eindruck eines Vertuschers, während der Untersuchung schrieb er Russland eine Mail, um seine Unterstützung anzudeuten. Die Wada bräuchte einen wie Dick Pound, den Leiter der unabhängigen Wada-Kommission, der die Suspendierung Russlands empfahl, und der weitere Enthüllungen ankündigte. Oder einen Großwildjäger wie Travis Tygart, der Lance Armstrong zu Fall brachte. Der Anti-Doping-Kampf scheitert weniger am System als am Personal.

Der schmutzige Lord

Leider fehlt es auch vielen Athleten an Mündigkeit. Doch es gibt welche. Hinter vorgehaltener Hand meckern viele, manche auch öffentlich. Robert Harting kritisierte den Weltverband der Leichtathleten, die IAAF. Die ehemalige Hochspringerin Ulrike Meyfahrt weigert sich, in deren Hall of Fame aufgenommen zu werden. Und da sind da noch die heldenhaften russischen Whistleblower Julia Stepanowa und Witali Stepanow, die den Skandal aufgedeckt haben. Sie haben ihre Karriere und ihr Leben riskiert.

Hat sich Sebastian Coe schon bei den beiden persönlich bedankt? Der neue Chef der IAAF hatte die Doping-Recherche der ARD zunächst als "Kriegserklärung" bezeichnet. Weniger Probleme hat Coe mit seinem hochkorrupten Vorgänger Lamine Diack, den er als geistigen Vater bezeichnet. Und mit den Geschäftsinteressen von Nike. Kein Wunder, der Lord ist hochbezahlter Sportbotschafter von Nike. Vielmehr: Er war es. Auf Druck von Zeitungs- und Fernsehberichten gab er diesen Job am Donnerstag ab.

Dennoch wird die WM 2021 in Eugene in Oregon stattfinden. Nike ist dort gegründet worden und möchte dort seinen 50. Geburtstag feiern. Die IAAF hat die WM nicht ausschreiben lassen, obwohl sich Göteborg beworben hatte. Diack war noch Chef, doch der Business-Coe war involviert in diese Entscheidung.

Es geht um Milliarden Steuergeld

Wie eine Farce liest sich auch die Nachricht, dass der DFB die Olympia-Bewerbung Hamburgs unterstützt. Der Fußball liefert zurzeit besonders Abschreckendes im Mundhalten. Wolfgang Niersbach will sich an nichts erinnern und hofft trotz allem auf einen Verbleib in der Uefa und Fifa. Der Gazprom-Mann und Russland-Wähler Franz Beckenbauer will uns für dumm verkaufen und stattdessen wieder, gut bezahlt, über Fußball plaudern. Der suspendierte Michel Platini wird bald an seiner Eitelkeit ersticken. Und der suspendierte Sepp Blatter dreht wegen seines Bedeutungsverlusts nun völlig am Rad.

Der Sport braucht keine Engel. Aber die Fans sollten die Schnauze voll haben von Sportmanagern, die immer die Hand aufhalten, die tricksen und täuschen und sich für die Größten und Wichtigsten halten. Die um die Welt reisen, in den besten Hotels schlafen, sich mit Champagner die Zähne putzen und alle anderen Annehmlichkeiten des Jet-Set-Lebens genießen. Die USA hat gegen den Weltschachpräsidenten Kirsan Iljumschinow und eine von ihm kontrollierte russische Bank Sanktionen ausgesprochen, weil er für das Assad-Regime Ölgeschäfte mit dem IS getätigt soll. Der Sport braucht gute, aufrechte Männer. Und vor allem Frauen. Er ist in den Händen der Falschen.

Das alles könnte den Hamburgern egal sein. Wen interessieren Sportpräsidenten? Doch es geht auch um mehr. 7,4 Milliarden Euro Steuern soll der Spaß kosten, von denen der Bund 6,2 tragen soll, was der nicht wahrhaben will. Mindestens, denn wie teuer Olympia wird, weiß man erst danach. Auch welche Eingriffe in die Stadt nötig sind, ob die Bürger Mitsprache haben und ob der Breitensport von diesem staatlichen Investment profitiert.

Die Kosten und die Nutzen dieses Mega-Events hängen auch von den Haltungen, Ideen und vom Charakter derjenigen ab, die das Ganze organisieren. Von den Sportpolitikern. Hoffentlich achten die Hamburger darauf, an wen sie sich verkaufen.