Dirk Eisenberg erinnert sich gerne daran, wie er sich als Kind mit der Weitspringerin Heike Drechsler oder der Sprinterin Marlies Göhr freute, wenn die ihre Konkurrentinnen aus dem Westen wieder hinter sich ließen. An das tolle Gefühl, wenn bei der Siegerehrung "Auferstanden aus Ruinen" erklang. Wie er mit seiner Mutter, die noch heute Eiskunstlauf liebt, vor dem Fernseher Katarina Witt die Daumen drückte. "Die kleine DDR war auf Augenhöhe mit den Großen der Welt", sagt er. "Nein, wir waren darüber."

Aus dem kindlichen ist der erwachsene Fan geworden. Eisenberg ist noch immer dem Sport verbunden, seit mehr als dreißig Jahren ist er bei den Sportschützen. Doch blickt er heute kritischer auf das Kapitel DDR. "Der Ostsport war erfolgreich, hat aber große Schäden angerichtet", sagt er und meint die Toten und Geschändeten des Zwangsdopings. Er meint auch die militärische Kultur des DDR-Sports, der auf Befehl und Gehorsam beruhte und Athleten in Unmündigkeit hielt.

Dirk Eisenberg © privat

Im Osten sehen das die meisten anders, der Sport wird dort religiös verehrt, nicht nur, aber vor allem von den Alten. Mit denen hat es Eisenberg am Samstag wieder zu tun. Dann wählt der Landessportbund Thüringen (LSB) in der Landessportschule Bad Blankenburg seinen Präsidenten. Der Vize-Präsident Eisenberg tritt auch an. Das ist außergewöhnlich, dass ein Sportverband die Wahl zwischen zwei Kandidaten hat. Im Sport ist das Prinzip Opposition verpönt, in Thüringen allemal.

Eisenberg hat kaum eine Chance, denn er will den Verband moderner machen. Wo ist das Problem? Das ist das Problem. Mit seinen Ideen zur Zukunft des Sports wird er sehr wahrscheinlich an Bedingungen scheitern, die Kritiker DDR-Seilschaften nennen. Wie so oft im Osten geht es auch in diesem Fall um Vergangenheit. Die Integration des medaillenreichen DDR-Sports war ein wichtiger emotionaler Teil der Deutschen Einheit. Sport ist einer der wenigen Bereiche geblieben, in denen der Elitewechsel nach 1989 nie stattgefunden hat.

Chef ist nicht der Präsident

Landessportschule Bad Blankenburg. Das klingt nach Provinzbühne. Doch die Geschichte von Eisenberg erzählt viel mehr. Etwa über die Parallelwelt Sport. Sie erzählt auch einiges über Ostdeutschland und seine Geschichte.

Man kann Eisenberg über seine Sportvita beschreiben, die Liste seiner Ämter ist lang. Mit der Pistole wurde er 1989 Vizemeister der DDR. Seit 2012 sitzt er im Präsidium des LSB, zuvor war er in verschiedenen Ehrenämtern im Deutschen und dem Thüringischen Schützenbund. Es gibt Bilder von Eisenberg im Lodenjanker, der Mann neben ihm trägt Orden neben Hirschhornknöpfen und eine Schützenkette um den Hals. Ein revolutionäres Milieu sieht anders aus.

Der Hauptgeschäftsführer des LSB hatte Eisenberg vor Jahren zu seinem Ziehsohn gemacht. Heute sei das Verhältnis "stark abgekühlt", sagt Beilschmidt. Der Sohn ist zum Kritiker geworden. In diesem Sommer hat Eisenberg Beilschmidt den Rücktritt nahe gelegt.

Beilschmidt steht gar nicht zur Wahl, offiziell zumindest. Peter Gösel ist der Präsident. Aber keiner hat Zweifel, dass Beilschmidt der Chef im Thüringer Sport ist. Der DOSB-Chef Alfons Hörmann nannte ihn mal aus Versehen Präsident. Wer für Gösel stimmt, stimmt für Beilschmidt. Wird Gösel abgewählt, wird es auch für Beilschmidt eng.

Die DDR holt Eisenberg ein

Das Doppelpack Gösel und Beilschmidt führt den Thüringer Sport, der viele gute Radfahrer und Wintersportler hervorbringt, schon lange. Der 72-Jährige Gösel ist seit 1994 Präsident. Eigentlich hatte er vor zwei Jahren angekündigt, Jüngeren Platz zu machen. Doch in den vergangenen Jahren sei er "zu der Auffassung gekommen", wie er in einer E-Mail mitteilen lässt, "dass Dirk Eisenberg nicht die Voraussetzungen für die Ausgestaltung der Funktion des LSB-Präsidenten erfüllt". Gösel möchte Eisenberg verhindern.

Der zehn Jahre jüngere Beilschmidt war früher Hochspringer, sprang mit 2,31 Meter DDR-Rekord, 1977 wurde er Sportler des Jahres, später stand er dem dopingverseuchten Club SC Motor Jena vor. Nach der Wende leitete er bis 2001 den Olympiastützpunkt Thüringen, danach ging er zum LSB. Beilschmidt hatte vor allem einen Lebenssinn, den Sport.

Beilschmidt hatte aber einen zweiten Namen, Paul Grün. Unter diesem Namen führte ihn die Stasi als Inoffiziellen Mitarbeiter. In der Stasi waren viele, Beilschmidt schadete aber seinen Leuten mehr als nötig. Seit 1978 informierte er sie über angebliche Alkoholeskapaden und das Intimleben von Sportlern und schwärzte Kollegen mit Westverwandtschaft an. Unter den Bespitzelten war sein Freund Roland Jahn, der heutige Leiter der Stasiunterlagenbehörde. Der wurde 1983 wohl auch wegen Beilschmidts Aussagen aus der DDR ausgewiesen.

Tabus im Osten

Beilschmidt gestand 1992 seine Stasi-Tätigkeit. Doch nur zum Teil, wie sich im Vorjahr herausstellte. Da kamen neue Details ans Licht. Und damit auch, dass er nie die ganze Wahrheit gesagt hatte. Beilschmidt schleppt noch eine Altlast aus dem DDR-Sport mit sich. Er hat wissentlich gedopt, auch dies hat er erst 2011 gestanden. "Wer 25 Jahre lügt, ist nicht mehr haltbar", sagte Jahn vor wenigen Wochen im Sportausschuss des Bundestags. Beilschmidt ist aber immer oben geblieben, in Ost und West. Die ehemalige Sprinterin und Anti-Doping-Aktivistin Ines Geipel, von Beilschmidt in den Achtzigern beschattet, sagt, er habe eine "Doppelkarriere als Lump" hingelegt.

Kann jemand wie Beilschmidt ein glaubhaftes Vorbild sein? Eisenberg sagt Nein. "Beilschmidt hat viel geleistet, doch nach zwei Jahrzehnten ist es Zeit für einen Wechsel." Eisenberg ist Jahrgang 1970. Wie viele seiner Generation hat er vom Mauerfall ausschließlich profitiert. Er nutzte seine Freiheiten, gründete ein IT-Unternehmen, machte Karriere im Schützenbund, kam rum in ganz Deutschland, fast jedes Wochenende woanders. "Ich hatte Glück", sagt er.

Für viele Ältere im Osten war 1989 hingegen ein großer Bruch. Darüber redet man nicht gerne. Das Thema gehört zu den vielen Tabus im Osten. Wie auch die vielen Opfer, die die Diktatur verursacht hat, nicht zuletzt der Sport. Die Missstände, die aus dem Erbe des DDR-Sports resultieren, haben Eisenberg lange nicht interessiert. "Vielleicht war das ein Fehler", sagt er. "Ich habe das lange übersehen." Er meint zum Beispiel die immensen Folgeschäden des Dopings auch an Kindern.

Seitdem Eisenberg solche Fragen stellt, wird er isoliert. Im Präsidium werde er von der Kommunikation abgeschnitten, sagt er. Andere LSB-Mitglieder, die mit ihm heimlich auf dem Parkplatz reden, müssen sich Fragen der Chefs gefallen lassen. Er hat Unterstützer, aber die trauen sich nicht, das öffentlich zu sagen. Leute auf der Straße fragen ihn, warum er den Sport schlecht machen will. "DDR und Stasi, das hatte mich nie interessiert, darüber haben wir in der Familie nie geredet", sagt er. "Umso erstaunter bin ich, dass mich das Thema heute einholt."

Mitgliederschwund im ostdeutschen Sport

Das Duell Eisenberg gegen Gösel/Beilschmidt ist aber nicht nur eine Frage der Vergangenheit. Sie reicht in die Gegenwart. Die DDR war zwar vorne im Medaillenspiegel, aber im Breitensport ein Entwicklungsland. Die Betriebssportgruppen wurden belächelt. Zu Beginn der Neunziger waren nur sechs von hundert Ostdeutschen in einem Sportverein. Im Westen war und ist es im Schnitt mehr als jeder Dritte.

Heute ist etwa jeder sechste Thüringer in einem Sportverein, das ist immer noch mehr als in Brandenburg. Doch der Rückstand des Ostens gegenüber dem Westen ist enorm. Der überalterte Sport hat weniger aufgeholt als die Wirtschaft oder die Politik. Der Thüringer Sport verliert zurzeit sogar Mitglieder, was sich nicht nur mit dem leichten Bevölkerungsschwund erklären lässt.

Noch immer sind Trainer und Mediziner aus DDR-Zeiten aktiv. Vor drei Jahren wurde publik, dass der Arzt Andreas Franke am Olympiastützpunkt Thüringen Sportlern Blut abgenommen und mit UV-Licht bestrahlt hatte, darunter der damals achtzehnjährige Marcel Kittel. Nach langer Debatte entschied die nationale Anti-Doping-Agentur, das Vorgehen sei legal gewesen. Doch die "Erfurter Blutaffäre" hinterließ einen Beigeschmack. Auch halten es Kritiker für ein fragliches Zeichen, dass der LSB den verurteilten Westdoper Heinz-Jochen Spilker zum Ehrenmitglied ernannte, "aufgrund seiner 22-jährigen Verdienste für den Thüringer Sport", sagt Beilschmidt.

Eisenberg stört auch die Kultur des Diktierens und Abnickens. "SED-Parteitage müssen im Vergleich mit unseren Tagungen Debattierrunden gewesen sein", sagt er. Für ihn ist das der Grund, warum der LSB regelmäßig junge Leute verliert. Kritiker wie er oder der Trainer Henner Misersky, der sich zu DDR-Zeiten weigerte, seinen Athletinnen männliche Hormone zu geben, sind Störenfriede. Als Misersky 2012 wegen seines Widerstands gegen das Staatsdoping in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen wurde, gratulierten Beilschmidt und Gösel nicht. "Im Schützenbund in Wiesbaden habe ich auch manchen Patriarchen erlebt, der auf den Tisch gehauen hat", sagt er. "Aber eigentlich haben die immer diejenigen geschätzt, die ihnen mal widersprachen."

Gösel und Beilschmidt sind anders. Einem kritischen Journalisten sagte Gösel einmal, er gehöre "im Dorfbrunnen ertränkt". Später entschuldigte er sich zwar, aber die Öffentlichkeit meidet er. Unsere Fragen ließen Gösel und Beilschmidt zwar beantworten, aber nur per E-Mail über den Pressesprecher.

Darin gibt Beilschmidt einen "Makel" in seiner Laufbahn zu, verweist aber auf die Untersuchung einer Kommission des DOSB. Die kommt zu dem Ergebnis, "meinen Rücktritt nicht ausdrücklich zu empfehlen". Eine Studie von Historikern kam zu härteren Urteilen. Beilschmidt beruft sich auch auf eine angebliche Abstimmung im LSB-Präsidium, das ihm einstimmig Rückhalt gegeben habe. Diese Abstimmung habe es nie gegeben, sagt Eisenberg. Das Protokoll der Präsidiumssitzung gibt Eisenberg Recht.

Sport ist Funktionsträger der Zivilgesellschaft

Gösel bedauert in der E-Mail, dass in keinem anderen Landessportbund die Debatte so emotional geführt werde wie in Thüringen. "Es ist natürlich auch schwierig, Sachlichkeit in diese Debatte zu bringen, wenn die Vorwürfe stets nur über die Medien ausgetragen werden." In Gösels Antworten findet sich auch der Satz: "Es steht mir nicht zu, Dirk Eisenberg zu bewerten." Er hält ihn, siehe oben, bloß für untauglich.

Eisenberg sagt, er habe Kritik lange intern vorgebracht, sei aber nicht gehört worden. Nun spreche er eben mit Journalisten. Mit ihm kann man lange über die ineffektive deutsche Sportbürokratie reden, über die Verschwendung von Steuermitteln. Auch über die Frage, ob man die vielen Sportfunktionäre, wie sie sich Deutschland leistet, überhaupt braucht. Im Schützenbund galt er als kritischer Geist. Als 2002 ein Erfurter Schüler mit einer Sportwaffe siebzehn Menschen und sich selbst tötete, war es Eisenberg, der sich den schärfsten externen Gegnern stellte.

Oder man redet mit Eisenberg über die Kungelei der Politik mit dem Sport. Bodo Ramelow, der in Bad Blankenburg sprechen wird, trat zwar vor einem Jahr als erster Ministerpräsident der Linken mit dem Versprechen an, die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Was den Sport betrifft, ist das aber ein besonders leeres Versprechen. Die Ministerin für Bildung und Sport, Birgit Klaubert, ließ Anfragen zu Beilschmidt unbeantwortet.

Der Sport genießt Immunität, hat Narrenfreiheit. Die Kumpanei, auch mit der Lokalpresse, ist gängiges Machtmittel. Das ist überall so, nicht nur im Osten. Der Sport ist aber auch, bei aller Piefigkeit, ein wichtiger Funktionsträger der Zivilgesellschaft und der Demokratie. Eisenberg glaubt, dass er am Samstag verlieren wird. "Andererseits, eine Chance gibt's immer", sagt er. "Vor allem dürfen die Delegierten diskutieren, kritisieren, Fragen stellen. Sie haben die Wahl. Das wird für sie eine ganz neue Erfahrung."