Eigentlich hat jeder eine Chance verdient. Eigentlich muss man mit Vor-Urteilen vorsichtig sein, in der Politik gibt es eine Hunderttagefrist. Eigentlich ist Reinhard Grindel, der nach dem Votum der 21 Landesverbände DFB-Präsident werden soll, noch nicht mal gewählt.

Dennoch darf man fragen, was ihn zu diesem Amt qualifiziert. Der DFB ist Weltmeister, seine Satzung sieht hehre Ziele wie Nachhaltigkeit und Integration vor, Fußball ist das Spiel der Deutschen. Die sieben Millionen Mitglieder wollen wissen, wer sie repräsentiert. Da können sie bei Grindel, bestenfalls, nur mit den Schultern zucken.

Ein DFB-Präsident kann gesellschaftspolitische Debatten bestimmen wie Theo Zwanziger. Es hilft, wenn er einen guten Draht zu Trainern und Schiedsrichtern hat, oder Uwe Seeler und Wolfgang Overath persönlich oder alle Ergebnisse seit 1954 (wenn schon nicht alle Millionenzahlungen) auswendig kennt wie Wolfgang Niersbach. Es kann auch nicht schaden, wenn er sich im Fach auskennt wie Gerhard Mayer-Vorfelder, der die Nachwuchsarbeit reformierte und Jürgen Klinsmann engagierte.

Vor allem sollte in diesen schweren Zeiten, in der sich der DFB und der globale Sport befindet, der DFB einen Präsidenten mit Haltung haben. Etwa zu Fragen, wie Sportverbände transparenter und demokratischer werden, wie man ihnen eine modernere Struktur gibt oder wie sie mit Geld umgehen sollen. Nach den Anschlägen von Paris und der Absage von Hannover ist sogar, leider, Helmut-Schmidt-hafte Krisenresistenz gefordert.

Grindel, seit 2013 Schatzmeister im DFB, hat aber noch keine Debatte geprägt. Von ihm ist nichts Kluges über Fußball überliefert. Wie würde er Haupt- und Ehrenamt tarieren? Sollte sich der DFB von seiner Nähe zu Adidas lösen? Wie kann man die Trainerausbildung verbessern? Wir wissen nicht, was er über solche Fragen denkt. In allgemeinen sportpolitischen Dingen konnte er bislang auch nicht gänzen. Die Situation in der mafiaähnlichen Vereinigung Fifa hielt er 2014, also ein Jahr vor ihrem endgültigen Ruin, für "erheblich verbessert". Zu Menschenrechtsfragen in Sachen Katar oder Peking äußerte er sich defensiver und naiver als mancher Sportpate.

Selbst seine Kandidatur ließ Grindel von zwei anderen verkünden, Rainer Koch und Peter Frymuth. Grindel habe sich in der WM-Affäre immer "sauber, vertrauensvoll und korrekt" geäußert, sagten sie. Heißt: Er hat den Mund gehalten, zumindest öffentlich. Wir wollen doch nicht hoffen, dass das eine Schlüsselkompetenz im DFB ist.

Personifizierter Interessenkonflikt

Koch, einer der aktuellen Interimspräsidenten, ist seit Jahrzehnten im Fußball aktiv, als Trainer, Schieds- und Sportrichter, Funktionär. Grindel soll seine Liebe zum Fußball bei der WM 2006 in seinem Wahlkreis in Niedersachsen entdeckt haben, erst 2011 übernahm er ein Amt im Fußball, das des Vizepräsidenten des Niedersächsischen Fußballverbands. In der Bundesliga kennt ihn kaum jemand, in den Zigtausenden Dorfvereinen hat noch keiner von ihm gehört.

Stallgeruch kann schädlich sein, dem DFB könnte jetzt zumindest für eine Übergangszeit eine Kraft von außen durchaus gut tun. Jemand, der seine Meriten in der Politik, einer Gewerkschaft, der Kirche oder der Kultur erworben hat. Einer, der keinem Landesfürsten einen Gefallen schuldet, vielleicht jemand vom Format von Christian Ude, Petra Roth, Michael Sommer oder Matthias Platzeck.

Grindel kommt auch von außen, aber was hat er vorzuweisen? Sein politisches Profil gibt nicht viel her. Er sprach sich für die Vorratsdatenspeicherung aus. In Integrationsfragen gilt er als Hardliner. Zuvor hatte er als Journalist dem Kanzler Kohl zumindest keine Fragen gestellt, die ihm eine CDU-Karriere verbauten. Der Politiker Grindel schrieb dann einen empörten Brief an den Intendanten, als der NDR Grindels Konkurrenten porträtiert hatte. Er forderte, dass man auch einen Film über ihn dreht: "Dass ich Anspruch auf einen solchen Ausgleich habe, kann zwischen uns nicht strittig sein."

Grindel ist auch der personifizierte Interessenkonflikt. Als DFB-Schatzmeister sitzt er im Sportausschuss des Bundestags. Anfang November tagte das Gremium, um die Vorfälle der WM 2006 aufzuklären. Herr Grindel kontrolliert sich quasi selbst.