Man hat sich gewöhnt an Berichte über Sportfunktionäre, die sich persönlich bereichern, ihren Verwandten Pöstchen zukommen lassen oder andere bestechen. Man ist auch nicht mehr überrascht, wenn Sportler auffliegen, die chemisch nachgeholfen haben. Es ist nichts Neues, der Sport ist von Korruption und Doping verseucht. Beim Publikum stellt sich Ermüdung ein.

Doch was die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) da am Montag in einem dicken Bericht veröffentlicht hat, hat eine neue Dimension. Spitzenfunktionäre des Weltleichtathletikverbands IAAF haben sich in Kooperation mit dem russischen Staat von Dopingbetrügern dafür bezahlen lassen, dass Testergebnisse vertuscht werden. Mehr als 1.400 Proben sollen zerstört worden sein. In Moskau gab es ein Schattendopinglabor, das zwecks Vertuschung vorsortierte. 

Erstmals kommen Doping und Korruption zusammen. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Sportgeschichte, eine einmalige Katastrophe. Der Bericht belegt erneut, aber so klar wie nie zuvor: Der Sport ist verrottet, er wird von Kriminellen beherrscht. Aber dieser neue Skandal ist anders. Er hört nicht bei korrupten Funktionären auf, die sich die Taschen vollmachen. Er geht an den Kern des Wettbewerbs, an die Grundfeste des Sports, es geht um die Leistung auf der Bahn, im Diskusring, in der Weitsprunggrube. Was im Stadion passiert, ist eine Täuschung, und alle wissen Bescheid. Das ist in diesem Ausmaß neu.

"Staatlich gestütztes Doping"

Alles fing mit einer spektakulären Recherche der ARD an. Im Dezember des vergangenen Jahres zeigte der Sender "Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht". Ein finsterer Film über ein Dopingsystem, das in Russland staatlich gestützt zu sein schien. Und wer darüber redete, musste um sein Leben fürchten.

Die Wada horchte auf und setzte eine Untersuchungskommission auf das Thema an. Was sie herausfand, war noch schlimmer als befürchtet. 335 Seiten lang ist ihr Report (pdf). Allein die Zusammenfassung der Ergebnisse erstreckt sich über mehrere Dutzend Seiten.

Russland betrieb demnach "staatlich gestütztes Doping", also staatliches Vergiften, mit freundlicher Mithilfe des Geheimdienstes FSB, dessen Agenten die russischen Dopinglabore überwacht und ein "Klima der Einschüchterung" verbreitet haben. Die russischen Dopingjäger waren keine Aufklärer, sondern Vertuscher. Es geht um eine tiefverwurzelte "Kultur des Betrügens", um die Ausbeutung von Athleten, um die Verwicklung von Ärzten und Trainern und um Korruption und Bestechung bei der IAAF.

Geld schützt vor positiver Dopingprobe

Die russische Marathonläuferin Lilija Schobuchowa etwa sagte gegenüber der Wada, dass sie einen Teil ihrer Preisgelder an Personen im russischen Leichtathletikverband zahlen musste, unter anderem an ihren Cheftrainer. Ein Teil dieses Gelds schützte sie davor, jemals positiv getestet zu werden.

Für die Wada-Kommission kann es nur einen Schluss geben: die Höchststrafe. Russlands Leichtathleten sollten aus dem Weltverband und von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Fünf Athleten und fünf Trainer sollen auf Lebenszeit gesperrt, das Kontrolllabor in Moskau geschlossen und dessen Direktor abgelöst werden. Übernimmt die Wada das Maßnahmenpaket ihrer Kommission und leitet es an den IAAF und das Internationale Olympische Komitee weiter, müssten die Verbände eine beinahe historische Entscheidung fällen. Wer die internationalen Anti-Doping-Regeln nicht akzeptiert, muss rausfliegen.

Der Tübinger Sportsoziologe Helmut Digel, der früher im Council des IAAF saß, sagte, diese Affäre könnte den gesamten Sport ändern. "Dieser Skandal ist für die Leichtathletik noch viel schlimmer als der Fall Ben Johnson." Der Fifa-Skandal sei dagegen "harmlos".

Russland nur die Spitze des Eisbergs

In Bedrängnis bringt der Bericht auch Witali Mutko, Russlands Sportminister. Man habe keinen direkten Beleg, dass er involviert sei, sagt Richard Pound von der Wada-Kommission. Aber es könne nicht sein, dass er davon nichts mitbekommen habe.

Damit ist der Fall auch bei der Fifa angekommen. Mutko ist Vize-Präsident und OK-Chef der WM 2018. Die Ethikkommission der Fifa prüft bereits. Bei der internen Fifa-Untersuchung waren die Russen mit der billigen Ausrede davongekommen, dass ihre Computer nicht mehr vorhanden seien. Die neuen Forderungen der Wada-Kommission wies Russland übrigens als politisch motiviert zurück.