Sepp Blatter hat schon immer viel geredet, wenn der Tag lang war. Fußballerinnen sollten seiner Meinung nach Hotpants tragen, Turniere zwischen Planeten wollte er organisieren. In solchen Momenten trieb er seinen Medienberatern die Schamesröte ins Gesicht. Zurzeit legt er sich rhetorisch besonders ins Zeug. Fast jeden Tag liest man Neues von ihm und die Thesen werden immer steiler und krummer.

Jüngst überraschte er mit einer Wortmeldung über die beiden nächsten Weltmeisterschaften und wie sie angeblich zustande kamen: Es habe in der Fifa-Exekutive eine Absprache gegeben, sagte Blatter der russischen Agentur Tass in der vorigen Woche. Russland solle die WM 2018 erhalten, die USA die WM 2022. Man habe die beiden Turniere an die beiden mächtigsten Staaten der Welt geben wollen. Doch dann sei die Fifa zum Spielball der geopolitischen Pattsituation zwischen beiden geworden und er ein Opfer Europas. Gewagt.

Der einst große Blatter hat fast keine Macht mehr. Sie fehlt ihm und mit ihr die Bühne. Diesen Verlust versucht er mit wirren, großmäuligen Aussagen zu kompensieren. Zur Not auch mit antiwestlichen Verschwörungsreden, als wollte er sich als Pegida-Redner bewerben. "Wer war in die Attacken involviert?", raunte er im gleichen Interview. "Die Politik. Die Europäische Union." Das könnte von Alexander Gauland oder Lutz Bachmann sein.

Dient es der Aufmerksamkeit, teilt Blatter aus, gegen ehemalige Wegbegleiter wie Michel Platini zum Beispiel. Der sei der entscheidende Wähler Katars gewesen, sagte Blatter. Platini soll ihm angeblich gesagt haben: "Ich bin nicht mehr länger auf deiner Seite, weil mein Staatschef mir gesagt hat, wir sollten die Interessen Frankreichs berücksichtigen."

Es ist bekannt, dass Platini bei einem Treffen mit Nicolas Sarkozy seine Katar-Liebe entdeckt hatte. Und man muss den Franzosen nicht verteidigen, seine sportpolitische Karriere steht zu Recht vor dem Aus. Aber mit diesem kolportierten Zitat will Blatter ihn als Schuljungen darstellen.

Diese Sätze haben Blatter natürlich Schlagzeilen beschert. Die in der Wahl unterlegenen Engländer sind erbost und fordern ihr Geld zurück, das die Bewerbung kostete. Wenn die Turniere schon vor der Wahl vergeben gewesen sein sollten, hätte man sich das Procedere schenken können.

Doch ist wirklich was dran an dem, was Blatter sagt? Oder will sich da einer nur wichtigmachen? Dass Fifa-Leute bei ihren Treffen über die Bewerberländer reden, ist selbstverständlich. Das muss man nicht gleich Absprachen nennen. Franz Beckenbauer hatte auch mal öffentlich England seine Unterstützung angedeutet und dann den Russen seine Stimme gegeben. Am Ende der Bewerbung stand immer noch die geheime Wahl. Und die gewann Katar 14:8.

Blatters Aussage ist also Quatsch. Platini alleine gab nicht den Ausschlag. Für einen Skandal muss sich Blatter was anderes ausdenken. Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis er es wieder versucht.

Seine Theorie von den WM-Vergaben ist nur ein weiteres Beispiel für den tiefen Fall von Blatter. Ende Mai wurde er noch als Präsident wiedergewählt, obwohl zwei Tage zuvor sieben hochrangige Fifa-Funktionäre verhaftet worden waren. Doch mit der Ankündigung seines Rückzugs drei Tage später begann sein Sturz.

Zurzeit ist Blatter von seiner eigenen Ethikkommission wegen einer verdächtigen Zwei-Millionen-Zahlung an Platini für neunzig Tage gesperrt. Vermutlich wird sie die Strafe bald verlängern, weil beide keine überzeugende Erklärung dafür finden. Er sei ein "Yesterday's man", sagte der englische Verbandschef Greg Dyke. Was sagt Blatter dazu? "Die Art meiner Sperre verstößt gegen die Menschenrechte." Und es seien in erster Linie die Medien, die ihn stürzen wollten. Vor der Dresdner Frauenkirche würde man ihm zujubeln.