ZEIT ONLINE: Herr Seppelt, durch Ihre Recherche kam heraus, dass russische Trainer systematisch Leichtathleten dopen, Funktionäre wussten Bescheid. Eine Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Kommission (Wada) empfahl dem Weltverband der Leichathletik (IAAF), Russland auf unbestimmte Zeit von allen Wettbewerben auszuschließen. Das ist vorvergangen Freitag geschehen. Wie groß ist der Skandal?

Hajo Seppelt: Es ist ein Ereignis von sporthistorischem Ausmaß. Es wurde ein System offengelegt, das sich über Jahrzehnte aufrechterhalten hat, und bis in die Zeit der Sowjetunion zurückgeht. Dieser Skandal unterscheidet sich signifikant von denen im Weltfußball, bei denen es darum geht, durch Bestechung zum Austragungsort zu werden. Der Kern des Sports aber ist nicht betroffen. In der Leichtathletik geht es hingegen um einen klaren Eingriff in die Integrität des sportlichen Wettbewerbs. Korruption erreicht die Laufbahn.

ZEIT ONLINE: Können Sie das belegen?

Seppelt: Nehmen wir die Olympischen Spiele in London 2012: Dort waren gedopte Sportler am Start, die sich ihren Platz durch die Unterstützung der IAAF gesichert hatten. Die IAAF hat Startplätze an Doper verkauft. Sportler haben gewonnen, die nie hätten antreten dürfen. Der sportliche Wettbewerb wurde verfälscht, gebilligt vom Weltverband. So lautet der Vorwurf. Das ist gravierender als jeder Fifa-Skandal.

ZEIT ONLINE: Es zeichnet sich ab, dass vom Sportminister Witali Mutko bis zu den kleinsten Rädchen im System, den Sportlern und Betreuern, viele zumindest geahnt haben müssen, wie es funktioniert. Nun steht die russische Olympiateilnahme auf dem Spiel. Gab es in der Vergangenheit vergleichbare Fälle?

Seppelt: Ich glaube, die Struktur existierte bereits seit Langem und lebte immer weiter. Der drohende Ausschluss von Olympia ist sportpolitisch aber hochbrisant, vergleichbar mit den Olympiaboykotten wie dem von Südafrika früher. Bislang ist nur eine Sportart betroffen, dafür aber die olympische Kerndisziplin, in der die meisten Medaillen zu holen sind. Damals wie heute geht es um die Nichtteilnahme an Olympia von ganzen Nationen. Das Gleiche wiederholt sich nun mit anderen Vorzeichen. Doping und Vertuschung in diesen Ausmaßen – das gab es zuletzt in der DDR.

ZEIT ONLINE: Sie kommen gerade von einem Treffen der Wada-Spitze in Colorado. Bei sechs Anti-Doping-Laboren, darunter Israel, Argentinien und auch Russland, wurde festgestellt, dass sie nicht mit dem Wada-Code übereinstimmen. Was bedeutet das?

Seppelt: Fünf der sechs Länder müssen sich keine großen Sorgen machen, sondern lediglich den Wada-Code übernehmen oder ihre Labore wechseln. Für Russland hingegen liegen die Dinge viel schwerer. Da ist nachweislich gegen fast alles bei der Dopingbekämpfung verstoßen worden, was man sich vorstellen kann. Zum Beispiel gab es neben dem offiziellen Labor noch ein zweites Untergrundlabor, was parallel dazu Proben vorgeprüft oder manipuliert haben dürfte. Athleten haben Kontrolleure bestochen oder wurden gar nicht erst getestet. Eine der erfolgreichsten Sportnationen der Welt hat die Öffentlichkeit jahrelang getäuscht.

ZEIT ONLINE: Russland versprach für die Zukunft, dass alle dopenden Athleten gesperrt, alle Beteiligten bestraft und die sauberen Athleten geschützt würden. Geht das in dieser kurzen Zeit?

Seppelt: Leute austauschen, ein anderes Labor nennen, formal die Strukuren ändern, alles kein Problem. Nur wird niemand überprüfen können, ob die Änderungen wirklich in Kraft treten. Auf dem Papier entsprach auch schon vorher alles – soweit wir das übersehen – den Wada-Regeln. Kosmetische Korrekturen werden aber in einem so großen Land wie Russland mit Tausenden Trainern und Betreuern, mit Trainingszentren in den entlegensten Ecken in Asien, den Kern des jahrzentelangen Denkens nicht ersetzen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass im verbleibenden halben Jahr bis Olympia das Notwendige getan sein wird.

ZEIT ONLINE: Einsicht in Fehler scheint es in Russland trotz ihrer Belege nicht zu geben. Warum nicht?

Seppelt: Mir wurden Sätze im Mund verdreht und Beweise wurden nicht als Beweise akzeptiert. Es ist unglaublich, wie die Fakten bis heute negiert werden. Ich denke, dass russische Journalisten bislang dachten, wegen der Sprachbarriere nur einer russischen Medienöffentlichkeit zu dienen. Weil jetzt aber die Weltöffentlichkeit Interesse hat, werden die gravierenden Mängel sichtbar.