Witali Mutko © Maxim Zmeyev/Reuters

Stunden, bevor am Montag die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ihren Bericht über das systematische Doping im russischen Sport veröffentlichen sollte, war vielen Beobachtern zwischen Moskau und Wladiwostok klar, dass sich was zusammenbraut. "Eine Bombe mit einem Zeitmechanismus", bezeichnete Sovetskij Sport, die älteste Sportzeitung des Landes, die anstehende Veröffentlichung des über 330 Seiten dicken Wada-Reports. Vorab waren einige brisante Details an die Öffentlichkeit gelangt.

Nur einer blieb gelassen: Russlands Sportminister Witali Mutko. Statt über Doping zu reden, stritt er sich lieber erneut mit André Villas-Boas. Seit Wochen liefern sich der portugiesische Trainer von Zenit Sankt Petersburg und der russische Sportminister einen Kleinkrieg um das neue Ausländerlimit in der russischen Premjer Liga. Villas-Boas lehnt es ab und begründet seinen Widerstand mit einem Abfall der sportlichen Qualität im russischen Fußball. Mutko erhofft sich mehr Spielpraxis für russische Profis. Wovon, auch mit Blick auf die WM 2018 im eigenen Land, die Nationalmannschaft profitieren soll. Da Mutko seit September dieses Jahres erneut Präsident des russischen Fußballverbandes RFS ist, hatte er keine Probleme, die umstrittene Regel durchzusetzen.

Doch nach der Vorstellung des Wada-Berichts musste Mutko reden. Zu erschütternd und zu gravierend sind die Vorwürfe, die der ehemalige Wada-Vorsitzende Richard Pound, der das Ergebnis der Untersuchung am Montagnachmittag in Genf vorstellte. Es sei noch "schlimmer als erwartet". Systematisches Doping, Vertuschung und Vernichtung positiver Proben und Einfluss durch den russischen Staat, lauten die schweren Vorwürfe der Ermittler. Deren Schluss: Russland müsse aus dem Leichtathletikverband IAAF und somit auch von den Olympischen Spielen in Rio 2016 ausgeschlossen werden. Vorwürfe, die Mutko nicht gelten ließ, und als eine weitere politisch motivierte Intrige gegen Russland denunzierte.

Eine Reaktion, die nicht neu ist unter Moskauer Sportfunktionären. Egal ob es um die Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der WM 2018 oder den alltäglichen Rassismus in den russischen Fußballstadien geht, alle diese Vorwürfe werden von russischen Offiziellen als Intrigen abgetan und damit kleingeredet. Eine Kunst, die keiner so beherrscht wie Witali Mutko.

Ein Schulbeispiel seiner Rhetorik offenbarte der Sportminister bei der diesjährigen Schwimm-WM im russischen Kasan. Noch vor dem Beginn der Wettbewerbe echauffierte sich Mutko im Stile eines Machos über die Entscheidung des Schwimmweltverbandes Fina, im Synchronschwimmen gemischte Paare zuzulassen. Das sei "dumm" und "fehlerhaft". Als das erste WM-Gold in diesem Wettbewerb auch noch an die Amerikaner ging und nicht an das russische Paar Alexander Malzew und Darina Walitowa, kannte Mutkos Zorn keine Grenzen. "Bei den Urteilen der Punkterichter packt einen die Wut. Und natürlich werden wir noch heute mit dem Präsidenten der Fina sprechen", schimpfte er im russischen Fernsehen.

Es sind Reaktionen, die im Westen Erstaunen und Kopfschütteln verursachen, und die viel über die russische Sportpolitik aussagen. "Jeder sportliche Erfolg hat auch eine ideologische Bedeutung, ist Symbol der nationalen Größe. Das ist heute so wie zu früheren Sowjetzeiten", sagt Iwan Kalaschnikow, der Chefredakteur und Gründer des russischen Sportportals Sports. "Das Ergebnis ist eine enge Verquickung zwischen Sport und Politik", so Kalaschnikow weiter.

Die Bande zwischen Sport und Politik symbolisiert Mutko. Wie die meisten Vertreter der heutigen politischen Elite begann auch der in der Nähe von Krasnodar geborene Mutko seine Karriere in den 1990er Jahren in Sankt Petersburg. Vom Bezirksabgeordneten schaffte er es innerhalb von zwei Jahren in die wichtigsten Gremien der russischen Metropole. Gleichzeitig begann der heute 56-Jährige sich für den Sport zu interessieren. 1997 wurde Mutko Präsident von Zenit Sankt Petersburg und machte aus dem damaligen Zweitligisten einen der erfolgreichsten russischen Vereine. Ein sportlicher Aufstieg, der nicht nur den Unsummen geschuldet ist, die der staatliche Konzern Gazprom seit 2005 in den Club pumpt, sondern auch krummer Absprachen. Bis heute halten sich in Russland Vorwürfe, dass Mutko, der bis 2003 Zenit vorstand, dem sportlichen Aufstieg durch Bestechung und Spielabsprachen nachgeholfen haben soll.

Seiner Karriere haben diese Beschuldigungen nicht geschadet. Von 2001 bis 2003 war Mutko Präsident der russischen Premjer Liga. 2005 wurde er Präsident des RFS und startete auch bei der Fifa durch. 2006 wurde er Mitglied der Technikkommission und seit 2009 sitzt er im Exekutivkomitee des Fußballweltverbandes. Ein Amt, das er bis heute innehat, und bei dem er sich als treuer Unterstützer und Befürworter von Sepp Blatter hervortut.