ZEIT ONLINE: Herr Orth, der DFB verkauft EM-Tickets ausschließlich an Mitglieder des Fan Club Nationalmannschaft. Was sagt das Kartellrecht dazu?

Mark-Eduard Orth: Was der DFB macht, ist nicht erlaubt. Der Verkäufer der EM-Tickets missbraucht seine marktbeherrschende Stellung, wenn er die Nachfrage nach EM-Tickets mit einer solchen Bedingung verknüpft. Wie mir scheint, werden die Karten zwar von der Uefa und nicht vom DFB verkauft, das ändert aber am Problem nichts.

ZEIT ONLINE: Warum ist das nicht erlaubt?

Orth: EM-Spiele stellen einen eigenen Markt, auf dem der Ticketverkäufer marktbeherrschend ist. Er darf sie nicht ohne Grund mit anderen Produkten koppeln. Der Käufer will ja bloß Tickets und nicht Mitglied eines Clubs werden. Die zwei Gründe, die man seitens des DFB hört, überzeugen nicht. Er will angeblich Sicherheit gewährleisten und Leute mit Stadionverbot am Ticketkauf hindern sowie die Treue seiner Mitglieder belohnen. Mitglied im Fanclub kann man auch jetzt noch werden, da wird man kaum von Belohnung der Treue sprechen können. Auch die Stadionverbote kann man ohne Mitgliedschaft durchsetzen.

ZEIT ONLINE: Offenbar will der DFB mitverdienen. Handelt sich schlicht um einen Aufschlag von 40 Euro, dem Preis der Mitgliedschaft?

Orth: Die Maßnahmen des DFB sind jedenfalls ungeeignet, seine angeblichen Ziele erreicht er mit ihnen nicht.

ZEIT ONLINE: Viele Bundesliga-Tickets werden auch nicht zum freien Verkauf angeboten, sondern bevorzugt an Mitglieder des Vereins oder eines Fanclubs. Bei manchen Kulturveranstaltungen läuft das ähnlich.

Orth: Ich kenne die Regeln der Clubs nicht. Allerdings halte ich es für unproblematisch, sobald auch Nichtmitglieder Karten kaufen können. Es ist auch in Ordnung, wenn Vereine versuchen, Fanblöcke für Mitglieder vorbehalten. Der Kunde kann wählen, ob er in den Fanbereich will und sich an der Choreografie beteiligt, oder ob er als einfacher Konsument ins Stadion geht. In diesen Fällen üben die Vereine keinen Zwang auf die Käufer aus wie im Fall der EM-Tickets. Auch sehe ich kein Problem darin, wenn etwa Mitglieder in einem bestimmten Club ein Zugriffsrecht auf Karten für ein Festival bekommen, sodass sie in zeitlichen Abständen Ansprüche auf Tickets haben.

ZEIT ONLINE: Haben die Rechtsprechung oder die Kartellbehörden in solchen Fällen schon hart durchgegriffen?

Orth: Nicht mit Ticketverkäufen, aber mit ähnlichen Kopplungsgeschäften. Microsoft wurde von der EU dazu verpflichtet, auf den Betriebssystemen auch andere Browser anzubieten als den hauseigenen Explorer. Microsoft musste wegen Verstößen gegen den Wettbewerb mehr als eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Der Klassiker ist die Kreditkartenexklusivität. Tickets konnte man vor der WM 2006 im Ausland nur mit Mastercard zahlen, dem Fifa-Sponsor. Das wurde unterbunden. Die größten Parallelen sehe ich aber in einem Fußball-Fall.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Orth: Als der 1. FC Köln noch im Uefa-Cup spielte – lang ist's her, vor drei Jahrzehnten – mussten die Zuschauer, wenn sie das Spiel gegen Inter Mailand sehen wollten, auch Karten für das Bundesliga-Spiel gegen Eintracht Braunschweig kaufen. Die Landeskartellbehörde verbat diese Praxis, der Bundesgerichtshof bestätigte sie. Für das Spiel gegen Braunschweig gab es nur eine geringe Nachfrage, sie wurde künstlich hochgetrieben. Genau wie jetzt mit dem DFB-Fanclub.

ZEIT ONLINE: Was wäre, wenn ein Verbraucher Beschwerde gegen den DFB einlegen würde?

Orth: Beinahe bei jedem sportlichen Großereignis in den vergangenen zehn Jahren mussten sich Kartellbehörden mit Ticketing auseinandersetzen. Die französische hat bewiesen, dass sie Sachverhalte schnell regeln kann. Falls die Unternehmen und Verbände nicht einsichtig sind, drohen einstweilige Verfügungen. Man kann auch beim Bundeskartellamt oder der europäischen Kommission vorstellig werden.

ZEIT ONLINE: Man kann den Markt doch nicht völlig freigeben. Auch wenn der Fan Club Nationalmannschaft, der seinen Sponsor im Namen trägt, weniger für schöne Choreografien bekannt ist – die Fußballverbände wollen nun mal, dass ihre Fans im Stadion sitzen. Das gehört dazu, die sollen doch Stimmung machen.

Orth: Stimmt. Der DFB könnte mehrere Kategorien abfragen. Vorschlag: Um EM-Tickets für deutsche Spiele zu kaufen, muss man entweder deutscher Staatsbürger sein, in Deutschland leben oder Mitglied im Fan-Club sein. Wie es übrigens auch in vielen anderen Ländern bei den EM-Tickets gehandhabt wird.