"Ja, is denn heut’ schon Weihnachten?!", rief der Stadionsprecher nach dem 3:0. Ein abgestandener Spruch, der an diesem Nachmittag aber doch lustig war. Zum einen weil er als Gruß an dessen Urheber gemeint war, an Franz Beckenbauer, den Kaiser, der rund um die Affäre um sein Sommermärchen gerade eine ähnlich unglückliche Figur macht wie sein FC Bayern in Gladbach auf dem Platz. Zum anderen weil dieses Spiel für alle Gladbach-Fans, ach was, für alle Fußballfans des Landes, die nicht in Thomas-Müller-Bettwäsche schlafen, wirklich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk war.

Dass dieser Sieg als Sensation bezeichnet wird, ist eigentlich das größte Problem an der Sache. Streng genommen gewann ja nur der Tabellendritte gegen den Tabellenersten. Jahrzehntelang war das in der Bundesliga das Normalste der Welt. Früher, als es noch einen Kampf um die Meisterschaft gab. Die Älteren werden sich erinnern.

Jetzt aber war das 1:3 in Mönchengladbach die erste Niederlage der Münchner in dieser Saison und die erste in einer Hinrunde unter Pep Guardiola überhaupt. Die Bayern hatten schon vorher das ein oder andere Spiel in der Bundesliga verloren, aber stets viel später, als sie schon Meister waren oder zumindest fast. Nun sind es plötzlich nur noch fünf Punkte bis zum BVB, der seinerseits in allerletzter Minute in Wolfsburg gewinnen konnte. Wird es also doch noch spannend?

Diese Frage kann man guten Gewissens verneinen. Der FC Bayern ist zu gut. Auch wenn in den kommenden Tagen analysiert werden wird, wie den Münchnern beizukommen ist, ob André Schubert womöglich eine Blaupause erfunden hat: Nicht verstecken, sondern pressen, weit in der gegnerischen Hälfte, mannorientiert, die Bayern zum Kontrollverlust zwingen, was bei einem Mittelfeld aus Vidal, Martínez und Alonso gar nicht so unwahrscheinlich ist. Und Glück haben. Ähnlich machte es auch Wolfsburg in der Vorsaison. Nur nützt diese Erkenntnis vielen Bundesligisten nichts, weil ihnen für die Ausführung des Plans das Personal fehlt. Und der ärgste und einzig ernstzunehmende Verfolger aus Dortmund hat zwar eine Offensive, die mithalten kann mit der Münchner, die Abwehr kann es aber nicht.

Mit der Dominanz kam die Langeweile

Doch auch wenn die Bayern wieder Meister werden, ist diese Niederlage wichtig für die Psyche der Liga. Der FC Bayern hat sich all die Wertschätzung, gar Schwärmerei verdient. Er spielt seit drei Jahren auf einem Niveau, dass es in der Bundesliga noch nicht gab. Aber mit der Dominanz kam auch die Langeweile. Das wurde schon so oft geschrieben, dass wir dabei selbst fast einnicken, ändert aber nichts an der Tatsache. Man muss sich nur umhören: "Ich gucke das nicht mehr, weiß doch jeder, wie es ausgeht", ist vor Bayernspielen oft zu hören. Für den Fußball ein Todesurteil.

Mehr als die meisten anderen Sportarten lebt er vom Zufall. Fußball ist rund um die Erde deshalb so beliebt, weil nicht immer der bessere gewinnt. Im Basketball oder Handball oder Volleyball, sogar im Eishockey braucht man deutlich mehr Erfolgserlebnisse, also eigene Qualität, um Spiele zu gewinnen. Im Fußball kann ein Glückstor reichen. Der Zufall spielt eine große Rolle. Die Bayern aber haben ihn beinahe eliminiert, weil sie so viel besser sind als alle anderen. Das muss man ihnen nicht vorwerfen, aber zumindest bedauern.

Denn so nahmen sie dem Spiel etwas von seinem größten Charme, der Unvorhersehbarkeit. Nicht nur die Fans anderer Vereine wandten sich ab. "Wie ein Ehepaar, das einander gut genug kennt, um jeden Samstag verlässlich zum Höhepunkt zu kommen", so beschrieb der Philosoph und Bayern-Fan Wolfram Eilenberger einmal seine Beziehung zu den allwöchentlichen Bundesligasiegen der Bayern.

Nun, an diesem Samstag blieb der Höhepunkt aus. Kann ja mal passieren. Das ist das schöne Signal des Wochenendes: Wenn der Gegner gut ist, einen ordentlichen Tag erwischt, wenn ein paar Stammkräfte fehlen und beste Chancen nur am Pfosten landen, dann ist auch der FC Bayern schlagbar. Er ist keine Maschine, sondern eigentlich auch nur ein Mensch.