Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund hat sich viel vorgenommen. Es wurde Ende Oktober eröffnet und will "zentraler Erinnerungsort" des gesamten deutschen Fußballs sein. Es will "emotional geladene Geschichte erlebbar" machen und Fußball zelebrieren. So steht es jedenfalls in dem Leitbild des Gestalters, der das inhaltliche, räumliche und dramaturgische Konzept für das Museum entwickelt hat.

Erinnerungsort – ein ziemlich großes Wort. Es bezeugt den allerhöchsten Anspruch, den Erinnerungen des deutschen Fußballs in seinen unendlich vielen Facetten gerecht zu werden. In einem Museum sind für die Erinnerung in aller Regel Objekte zuständig: Dinge, die vom Fußball erzählen. Dinge, die Fußball dokumentieren und ihn in ihrer Aura und Würde bewahren. Dinge dienen als wichtigste Agenten der Erinnerung.

Das Grundproblem des Museums: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verfügte als Initiator zum Start des Projektes kaum über Objekte. Es gab nur den zugegebenermaßen großartigen Nachlass des großen Trainers Sepp Herberger, dazu ein paar dürre Briefe anderer Pioniere wie Walther Bensemann. Das Problem hat sich nun noch einmal verschärft. Denn das Museum begreift sich ganz offenbar nicht als zentraler Ort des Sammelns.

Eine Kopie besitzt keine Aura

Weit mehr als die Hälfte der Exponate in der Ausstellung sind private Leihgaben, nach Aussagen von Sammlern mit zeitlich befristeten Leihverträgen. Die meisten Objekte sind Kopien, Faksimile oder Zweitobjekte. Als Zweitobjekte werden zumeist Kopien von Pokalen bezeichnet, Originale befinden sich also nicht in der Schatzkammer, wie der sakral aufgeladene Raum mit den WM-Pokalen heißt.

Nun liegt die Erinnerung aber, um mit Walter Benjamin zu sprechen, in der Aura der Objekte. Eine Kopie besitzt in der Regel keine Aura. Nur wer echte Dinge zum Fußball sammelt, und hierzu gehören auch Filme, Interviews und andere immaterielle Hinterlassenschaften, der bewahrt Erinnerungen auch für folgende Generationen. Dies muss eine erste und ureigene Aufgabe eines Deutschen Fußballmuseums sein, zumal bei einem Budget in Höhe von rund 38 Millionen Euro. Solange das Museum über keine organisierte Sammlung verfügt, wird es nicht der Erinnerungsort des deutschen Fußballs sein.

Die Ausstellung an sich funktioniert mit Inszenierungen und Shows in bester Eventmanier. Auf oberster Ebene spielt die erste Halbzeit, so die nicht brandneue Metapher aus der Welt der Fußballausstellungen. Würde man den Ausstellungsraum wie eine Basilika in drei Schiffe teilen, so breiten sich die Erfolge von 1954, 1974, 1990 und im Altarbereich 2014 aus. Das rechte Schiff erzählt die DFB- und Fußballgeschichte mit je einem Objekt (respektive meist einem Faksimile) pro Jahr. Im linken Schiff ist der Fußball der DDR untergebracht. Statt Kanzeln und Seitenaltären werden Themen wie Fußball und Krieg, englischer Fußball und Frauenfußball eingestreut, die aber seltsam isoliert wirken.

Wo ist mein Bolzplatz?

Die zweite Halbzeit beginnt mit dem Vereinsfußball, auch hier von Inseln umgeben, die sich den Medien, dem DFB-Pokal, der Championsleague, ein wenig den Fans und den Schiedsrichtern widmen. Nach dem Abpfiff gelangen wir in eine Hall of Fame mit Fritz Walter, Sepp Herberger und Helmut Schön als Pappkameraden. Zum Abschluss steht man vor dem WM-Bus von 2014, mit dem die Nationalmannschaft den kurzen Weg vom Flughafen zum Brandenburger Tor in Berlin zurücklegte.

Auf dem Weg hinaus taucht nochmals in großen Lettern der Leitspruch "Wir sind Fußball" auf. Das stellt erneut die Frage nach dem "Wir". Werden wir mitgenommen? Wo ist mein Bolzplatz? Wo ist meine Vereinskneipe? Werden wir Teil der Ausstellung?  Nein. Höchstens an der Peripherie.

Der Amateurfußball, der Fußball als sozialpolitisches, kulturelles und gesamtgesellschaftliches Phänomen – all das fehlt völlig. Fußball für Menschen mit Behinderungen wurde ebenso ausgespart wie Aktivitäten für Migranten und Flüchtlinge. Wenn es ein Engagement des Fußballs in dieser Richtung gibt, so täte es gut, das auch zu thematisieren und nicht auf eine Wand mit nur vier Beispielen zu reduzieren.