Es war ein großes Sportjahr, dieses 2015. Das größte seit Langem. Nicht weil der FC Barcelona die Champions League gewann. Auch nicht weil Serena Williams bei drei Grand Slams siegte oder Usain Bolt dreifacher Weltmeister wurde. Seine wichtigsten Szenen hatte das Sportjahr abseits der Spielfelder und Tartanbahnen.

Dort ging es den Sportmafiosi an den Kragen. Der Fifa-Präsident Sepp Blatter auf Jahre gesperrt, sein Ziehsohn Michel Platini ebenfalls, Franz Beckenbauer als Firlefranz entlarvt. Einer der schönsten Hattricks der Fußballgeschichte. Außerdem: Staatsdoping in Russland aufgedeckt, der Leichtathletik-Präsident abgesetzt, Hamburg hat Olympische Spiele abgelehnt. Ein Traumtor nach dem anderen.

Was für ein Unterschied ein Jahr macht

Manche meinen, 2015 habe vor allem gezeigt, wie verkommen der Spitzensport ist. Man kann dieses Jahr aber auch als Zeitenwende deuten. Die Spielregeln haben sich geändert: Schweizer Beamte verhafteten im Morgengrauen Fifa-Funktionäre in ihrem Luxushotel. Die Fifa-Ethikkommission sperrte den eigenen Präsidenten. Journalisten deckten Dopingskandale auf. Der Bundestag beschließt ein strenges Anti-Doping-Gesetz. Bis vor Kurzem alles noch unvorstellbar.

Zu gut geölt lief die große Sportmaschinerie jahrzehntelang, das System aus Abhängigkeiten und Hinterzimmerdeals. Korrupte, unsportliche Männer in teuren Anzügen haben den Sport verkauft, haben sich gesundgestoßen an der Leidenschaft von Millionen Fans. Ihnen ging es nur um Fünf-Sterne-Hotels, Erste-Klasse-Flüge, Schampus und Macht. Sepp Blatter sagte einmal, er sei der einzige Mensch der Welt, der in jedem Land auftauchen könne und vom Staatschef empfangen werde. Hybris, Habsucht, Heuchelei. So sehr hatte man sich daran gewöhnt, dass fast nur Resignation blieb.

Doch dann kam 2015. Was für einen Unterschied ein Jahr macht. Es sieht so aus, als ob der milliardenschwere Spitzensport gerade Opfer seiner eigenen Größe wird. Und die Sportganoven Opfer ihrer eigenen Gier.

In den vergangenen Jahrzehnten öffnete sich etwa der Fußball neuen Gesellschaftsschichten. In den achtziger Jahren gab man in intellektuellen Kreisen noch etwas kleinlaut zu, zum Fußball zu gehen, diesem Proletensport. Mittlerweile gehört ein Stadionbesuch zum guten Ton. Der Sport wurde gesellschaftlich überhöht, mit Bedeutung aufgepumpt. Spätestens nach der WM 2006 war der Fußball durchfeuilletonisiert.

Plötzlich werden Fragen gestellt

Das freute die Herren des Fußballs zunächst, mehr Interessenten versprachen höhere Einnahmen. Doch die gab es nicht umsonst. Plötzlich blickten auch andere Leute auf den Sport. Leute, die genauer hinschauen und an Sportfunktionäre und aktuelle oder ehemalige Sportheroen die gleichen Maßstäbe anlegen wie an Politiker oder Wirtschaftsbosse. Warum auch nicht?

Einige fingen plötzlich an, Fragen zu stellen. Vor allem Journalisten. Lange galt ja zum Beispiel der Sportjournalist als einer, der nur irgendwie dabei sein wollte, der es nur auf die andere Seite der Absperrung schaffte. Das hat sich geändert.

Der kauzige 71-jährige Brite Andrew Jennings brachte mit seinen Recherchen Blatter und seine Freunde zu Fall. Vorher beschäftigte er sich mit thailändischen Drogenhändlerringen und der italienischen Mafia, ehe er sich in den neunziger Jahren dem Sport zuwandte. Seine Bücher stürzten schon das Internationale Olympische Komitee (IOC) 2002 in seine größte Krise. Jennings stellte auch in Sachen Fifa die Verbindung zum FBI her.

Der streitbare Jens Weinreich brachte mit den Spiegel-Kollegen die DFB-Affäre ins Rollen. Hajo Seppelt von der ARD deckte den russischen Dopingskandal in der Leichtathletik auf. Wegen ihnen möchten viele junge Sportjournalisten, oder solche, die es werden wollen, nicht jubeln, sondern graben, recherchieren, investigativ arbeiten. Nicht weil sie den Sport kaputt machen wollen. Sondern weil sie ihn so lieben.

Kritische Sportöffentlichkeit

Mittlerweile gibt es Seiten im Internet, die sich mit Doping im Fußball beschäftigen, mit Korruption und Spielmanipulationen und vielen anderen Geißeln des Sports. Seit Kurzem gibt es eine Seite namens Footballleaks, die im Stile von Wikileaks und Edward Snowden geheime Dokumente aus der Welt des Profifußballs veröffentlicht.

Vielen Fans ist das alles immer noch egal. Sie wollen Sport sehen, Tore, Weltrekorde, wollen ihre Alltagssorgen vergessen. Der Rest kümmert sie nicht. Aber diese Eskapisten werden weniger. Es hat sich eine kritische Sportöffentlichkeit gebildet.

Fußballfans machen heute den Funktionären Dampf. Blogger schreiben offene Briefe an ihren Verein, weil der wieder zum Trainingslager nach Katar fährt. Ultras besetzen Themen wie Kommerzialisierung und Homophobie. Die Revolution kam auch ein wenig aus den Stadien. Sepp Blatter traute sich aus Angst vor Pfiffen nicht einmal, die WM 2014 in Brasilien persönlich zu eröffnen.