Marco Sailer kommt am 18.07.2015 als Spieler des Fuflball-Bundesligisten SV Darmstadt 98 im Merck-Stadion am Bˆllenfalltor in Darmstadt (Hessen) zum Testspiel gegen Rot-Weifl Erfurt. © Andre Hirtz/dpa

Als Uli Hoeneß noch etwas zu sagen hatte, im Herbst 2012, witzelte er über jene, die sein Portemonnaie nie füllten: "Ich habe noch keinen Vegetarier gesehen, der gelacht hat", sagte der Fleischfabrikant Hoeneß über den aufkommenden Trend, auf seine Würstchen zu verzichten. Was Hoeneß über Veganer denkt, die gar auf alle tierischen Produkte verzichten, ist nicht festgehalten. Man ahnt es.

Dabei ist vegan im Trend. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Veganer fast verzehnfacht. 900.000 Deutsche ernähren sich tierlos, so eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Botschafter der Szene, wie der Sänger Thomas D. von den Fantastischen Vier oder der Koch Attila Hildmann wurden zu Stars, befreiten die Veganer vom Ökofreak-Image und fahren heute mit dem Porsche zum Bio-Supermarkt. Vegan ist vor allem in Großstädten längst Lifestyle. In Berlin-Friedrichshain gibt es das erste vegane Fitnessstudio, jeder Supermarkt bietet regalweise Ersatzprodukte aus Soja oder Seitan. 

Auch viele Profisportler interessieren sich für diese gesunde Art der Ernährung. Viele Experten zweifelten lange, ob man ohne Fleisch und die darin enthaltenen Eiweiße sportliche Höchstleistungen bringen könnte. Mindestens ein Bundesligaprofi kann das. Marco Sailer, heißt er, spielt für den SV Darmstadt und fällt nicht nur wegen seines Rauschebartes auf. Sailer ernährt sich seit einem Jahr vegan.

Reichen Quinoa-Samen, Hanf und Kürbiskerne?

Sportprofis leben die Selbstoptimierung, auch in der Ernährung. Sailer hatte oft muskuläre Probleme, er probierte ein wenig herum. Einmal hatte er Kohlenhydrate weggelassen, einmal nur Eiweiße gegessen oder abends gar nichts mehr zu sich genommen. "Das war alles kontraproduktiv ", sagt Sailer. Seine Verlobte war schon Veganerin, Sailer machte es ihr nach und nahm innerhalb weniger Wochen fünf Kilo ab. "Ich war mir sofort sicher, dass es mich weiterbringt", sagt er.

Die Liste der Produkte, die vegane Sportler nicht essen dürfen, ist lang. Nicht einmal Powerriegel sind erlaubt, meist steckt in ihnen Molkepulver. Doch reichen Quinoa-Samen, Hanf und Kürbiskerne für einen Berufssportler? "Es ist heute viel einfacher, auch veganen Fußballprofis alle wichtigen Nährstoffe bereitzustellen", sagt Dr. Klaus Pöttgen, der Mannschaftsarzt von Marco Sailer in Darmstadt. Pöttgen hat Sailer mit Messungen und Ratschlägen in den vergangenen Monaten begleitet und in der Sportärztezeitung dessen Werte veröffentlicht. Sein Urteil: "Wenn Profisportler professionell und mit Ergänzungsmitteln betreut werden, ist vegan eine gleichwertige Ernährungsart."

Um diesen Befund auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, hat Pöttgen Sailer genau untersucht. "Meines Wissens hat bislang niemand zusammenhängend beschrieben, welche Laborparameter bei einem veganen Leistungssportler sinnvoll zu messen sind", sagt Pöttgen. Bei Sailer prüfte er unter anderem die Zink- und Eisen-Werte, entnahm Kalzium- und Vitamin-B12-Proben und beobachtete, wie sich die Werte verändert haben.

Keine muskulären Probleme mehr

Das machte Pöttgen mit einem speziellen Messverfahren zur Leistungsfähigkeit, der Bioelektischen Impendenzanalyse (BIA): "Die gute Nachricht: Die Werte haben sich nicht verschlechtert, manche wurden sogar besser", sagt Pöttgen. Keine Spur von befürchteten Mangelerscheinungen. Mehr noch: Sailer hat als Veganer keine Muskelverletzungen mehr, zuvor plagten ihn oft Faserrisse. Er sieht darin einen direkten Zusammenhang.

"Das Völlegefühl, dass ich früher öfter mal hatte, ist komplett verschwunden", sagt Sailer, "mein Körper ist athletischer geworden." Auch Extremsportler wie der Triathlet Brendan Brazier oder der Eishockeyspieler Sebastian Osterloh von den Straubing Tigers ernähren sich vegan. Die Tennisspielerin Venus Williams schwört drauf, Dirk Nowitzki lässt fast alle Milchprodukte weg, Dortmunds Mats Hummels trinkt Soja- statt normaler Milch. Vegan und Profisport, das schließt sich nicht aus. Allerdings sagt Marco Sailer auch: "Für mich ist es das Richtige. Ob das auch für andere stimmt, muss jeder selbst herausfinden."