Angelique Kerber ist seit vier Jahren die beste deutsche Tennisspielerin. Sie hat bislang 9,3 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen, ist Weltranglisten-Siebte und dennoch schreibt sie in Deutschland weniger Schlagzeilen als ihre Kolleginnen Sabine Lisicki oder Andrea Petković. Das liegt an ihrer abseits des Platzes zurückhaltenden Art, aber auch daran, dass sie bei den vier Grand-Slam-Turnieren zuletzt nicht in Erscheinung trat.

Im vergangenen Jahr schied sie bei den Australian Open in Melbourne bereits in der ersten Runde aus, in Paris, Wimbledon und New York kam sie jeweils nicht über die dritte Runde hinaus. Zu wenig, um von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Da halfen auch keine vier Titel kleinerer Turniere im Verlauf des Jahres.

"Da soll es endlich krachen"

Irgendwann kam Kerber zu der Erkenntnis, dass sich dies ändern müsse. "Ich will bei den großen Turnieren angreifen, da soll es endlich krachen", sagte sie Ende 2015 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Sie wolle sich mehr auf die großen Turniere konzentrieren, da, wo es darauf ankommt, ihr bestes Tennis zeigen. Und man kann sagen, dass ihr das bislang ganz ordentlich gelungen ist.

Erstmals seit 20 Jahren steht mit ihr wieder eine deutsche Spielerin im Finale der Australian Open. Sollte Kerber am Samstag (ab 9.30 Uhr/Eurosport) die Sensation gelingen, ein Sieg gegen die Favoritin Serena Williams, wäre es gar der erste deutsche Grand-Slam-Titel seit 1999. Damals gewann Steffi Graf die French Open und genau diese Steffi Graf war es auch, die Kerber zum Einzug ins Finale beglückwünschte. "Ich gratuliere. Ich freue mich riesig. Liebe Grüße aus Las Vegas", schrieb sie Kerber.

Für die 28-Jährige, die auch die polnische Staatsbürgerschaft besitzt, war es ein langer Weg in ihr erstes Endspiel bei einem der vier wichtigsten Turniere. Als sie in der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi einen Matchball gegen sich hatte, schienen alle guten Vorsätze fast schon wieder verflogen. Doch Kerber überstand diesen kritischen Moment und stürmte danach ins Finale. "Sie ist eine Kämpfernatur", sagt die Tennis-Legende Boris Becker. Sie schaffe "es auch bei einem großen Rückstand, die Nerven zu behalten und weiter an sich zu glauben".

Abgenommen und Ernährung umgestellt

"Sie hat sich nach der letzten Saison gnadenlos selbst reflektiert und bekommt jetzt endlich die Bühne und das Ansehen, die sie längst verdient hat", sagt die Bundestrainerin Barbara Rittner, die einfach nur stolz auf den Erfolg ihrer Nummer eins ist. Kerber präsentiert sich zu Beginn des Jahres noch fitter als sonst. Sie hat ein paar Kilo abgenommen, ihre Ernährung umgestellt, reist jetzt mit ihrem Trainer Torben Beltz und einem festen Physiotherapeuten um die Welt.

Im Endspiel trifft sie nun auf die übermächtige Serena Williams, die der Polin Agnieszka Radwańska im ersten Halbfinale beim 6:0, 6:4 keine Chance ließ. "Wenn sie so spielt wie heute, gibt es derzeit glaube ich keine, die sie schlagen kann", sagte Radwańska über die Amerikanerin.

Kerber will es trotzdem probieren. "Ich werde versuchen, Serena zu zeigen, hier bin ich, ich will das Ding auch gewinnen", sagte die nach ihrem Triumphzug vor Selbstvertrauen strotzende Norddeutsche. "Der Traum geht noch weiter. Aber klar, der halbe Traum ist auf jeden Fall in Erfüllung gegangen mit dem Erreichen eines Grand-Slam-Finals."

Das Duell mit Williams will sie daher auch genießen. "Ich habe nichts zu verlieren", sagte Kerber, "Serena dagegen schon." Solle Kerber tatsächlich die Überraschung gelingen, wird sie sicher auch wieder nicht lange auf die Glückwünsche von Deutschlands Tennis-Legende warten müssen. Zumal Kerber verhindern würde, dass Williams den Grand-Slam-Rekord von Graf mit 22 Major-Titeln einstellen würde. Eine Zusatzmotivation für sie? "Ja. Ich denke, wir Deutschen müssen zusammenhalten."