Natürlich ließen die Angie-Wortspiele nicht lange auf sich warten. Man sollte eine Angie eben nie unterschätzen, schrieben die einen. Endlich mal wieder eine deutsche Angie, die in schwierigen Situationen Lösungen findet, twitterten die anderen. Angelique Kerber hat es jedenfalls für einen Moment geschafft, die Bundeskanzlerin Angela Merkel als bekannteste Deutsche abzulösen. Und während das "Wir schaffen das" der Kanzlerin mittlerweile heiß diskutiert wird, kann man für die 28-jährige Tennisspielerin in jedem Fall feststellen: Sie schaffte das!

Als erste Deutsche seit 17 Jahren hat Angelique Kerber einen Grand Slam gewonnen, also eines der vier großen, so prestigeträchtigen Tennisturniere der Welt. Damals hieß die Siegerin Steffi Graf, 1999 war das, als ein gewisser Erich Ribbeck noch Bundestrainer der deutschen Fußballnationalelf war und Boris Jelzin Präsident von Russland. Historisch ist ein großes Wort, aber wenn ein Ereignis alle 17 Jahre eintritt, muss erlaubt sein, es zu benutzen. Also: Dieser australische Samstagabend war historisch.

Ob das Angelique Kerber bewusst war, als sie bei der Siegerehrung nach Worten suchte, darf bezweifelt werden. Sie machte einen freudig-desorientierten Eindruck. "Puuuhhh", sagte Kerber und fand dann doch noch Worte, viele sogar, es sprudelte regelrecht aus ihr heraus. "An diesem Abend ist mein Traum wahr geworden. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, und jetzt stehe ich hier und bin ein Grand-Slam-Champion", sagte sie. "Das hört sich verrückt an." Und weil sie schon einmal dabei war, machte sie einfach weiter. "Danke an meine Familie, an meine Freunde, an mein Team. Ich weiß, manchmal bin ich nicht einfach. Danke an alle." Da musste auch Serena Williams schmunzeln.

Auf dem Platz hatte Kerber ihre Gegnerin, die als große Favoritin in das Finale gegangen war, fast zum Durchdrehen gebracht. Von 26 Endspielen bei den großen Turnieren verlor Serena Williams bis dahin nur vier. Aber sie schien früh gemerkt zu haben, dass hier und heute Nummer fünf folgen könnte. Immer wieder schimpfte die US-Amerikanerin mit sich selbst und schrie, wenn sie einen ihrer ungewohnt vielen kleinen Fehler machte, hier ein Ball ins Aus, da einer ins Netz. Angelique Kerber musste gar nicht ihr allerbestes Tennis zeigen, um den ersten Satz mit 6:4 zu gewinnen.

Im zweiten Satz fing sich die Favoritin, spielte sauberer, gewann 6:3 und nicht wenige dachten, dass nun das Normalste der Welt geschehen würde: ein dritter Satz und damit das Match für Williams, ein wenig Gegenwehr von Kerber, aber letztlich doch ohne Wirkung, guter Zweiter, auch schön, raus mit Applaus. Doch dann das: Kerber kämpfte, gab keinen Ball verloren, fraß Gras, selbst auf dem Kunststoffbelag in Melbourne. Das ist ihre große Stärke.

Zwei unglaubliche Stoppbälle

"Jede hat einen anderen Tennis-Style", sagte sie einmal der Süddeutschen Zeitung. "Ich empfinde es als Leidenschaft, in unmöglichen Situationen noch nach einem Ball zu rennen oder nach einem Rückstand zu kontern. Ich will leidenschaftlich sein! Das bin ich!"
Doch Kerber kann nicht nur ackern. Für Tennisästheten hatte sie auch zwei unglaubliche Stoppbälle und ein paar formvollendet gewonnene Grundlinienduelle dabei. Man sah immer wieder, wie beide Spielerinnen sich gegenseitig Beifall spendeten. Am Ende dieses entscheidenden Satzes, während dem sich in Deutschland Tausende Finger in Couchgarnituren krallten, sicherte sich Kerber den ersten Matchball des Abends, während Williams aufschlug, den sie dann auch verwandelte. Ganz großes Damentennis.

Dieser Sieg ist auch deshalb so besonders, weil Angelique Kerber stets ein wenig im Schatten ihrer deutschen Tenniskolleginnen stand, obwohl sie seit Jahren deutlich besser platziert ist als sie. Aber die große Bühne, besonders der Boulevard, ist nicht ihre Sache. Die überlässt sie der zackigen Andrea Petković, die zuletzt damit kokettierte, die Lust am Tennis verloren zu haben, um sich dann aber doch noch einmal einen Ruck zu geben. Oder Sabine Lisicki, die mit ihrem Spaßvogel-Freund Oliver Pocher einen festen Platz in den Klatschblättern sicher hat. Kerber dagegen möchte einfach nur Tennis spielen.

Dank Steffi Graf aus der Sackgasse

Bislang gelang das auch nicht unerfolgreich. Sieben Turniere gewann sie in ihrer Karriere bereits. Nur bei den ganz großen Events klappte es noch nicht. Lange hing ihr der Ruf des Nervenbündels an. Sie grübele zu oft und patze dann auch in Spielen, die sie eigentlich nie hätte verlieren dürfen, hieß es. Der größte Gegner sei oft sie selbst gewesen.

Mehrmals schien ihre Karriere in einer Sackgasse festzustecken. Im vergangenen Frühjahr etwa fuhr sie deshalb nach Las Vegas, wo sie Steffi Graf traf, ihr Idol. Sie spielten ein bisschen und redeten und mochten sich. Graf unterstützt Kerber seitdem, gibt hier einen Tipp und schreibt dort eine Glückwunschmail. "Steffi hat mir gesagt, dass ich auf dem richtigen Weg bin und noch mehr an mich glauben soll", sagte Kerber. Nicht ganz uneigennützig von Steffi Graf übrigens. Serena Williams hätte mit einem Sieg nämlich Grafs Rekord von 22 gewonnenen Grand Slams einstellen können.

Doch auch nach der Begegnung mit Graf lief es nicht wie erwünscht. In der Saisonpause hockte Kerber deshalb im Urlaub auf den Malediven am Strand und sagte sich, dass das doch noch nicht alles gewesen sein könne. "Vier Jahre in den Top Ten – alles schön und gut, aber jetzt muss auch mal was anderes kommen", wird sie zitiert. Sie wollte unbedingt ein großes Turnier gewinnen, sich genau darauf konzentrieren. Im vergangenen Jahr schied sie bei den Australian Open in Melbourne bereits in der ersten Runde aus, in Paris, Wimbledon und New York kam sie jeweils nicht über die dritte Runde hinaus.

Neues Jahr, neues Glück, Kerber schuftete im Winter mehr als je zuvor, hat ein wenig abgenommen und ihre Ernährung umgestellt. Der Braten der polnischen Oma kommt jetzt seltener auf den Tisch. Doch in Australien sah es fast schon so aus, als ginge es so weiter. In diesem, am Ende so erfolgreichen Turnier, stand sie schon in der ersten Runde vor dem Aus. Gegen Misaki Doi aus Japan musste sie einen Matchball abwehren. "Ich war schon mit einem Bein im Flugzeug", sagte sie hinterher. Dass so jemand später gewinnt, gab es übrigens noch nie.