Möchten Sie mit ihm tauschen? Cristian Ronaldo © Aitor Alcalde/Power Sport Images/Getty Images

Eigentlich müsste die Fifa die große Sause absagen, aus Anstandsgründen. Sie hat Wichtigeres zu tun, als mit viel Tamtam am Montagabend den Weltfußballer des Jahres zu küren, ihren Laden in Ordnung bringen zum Beispiel. Doch der Ballon d’Or ist eine zu gelungene PR-Maßnahme für den angeschlagenen Weltverband, also wird eben der Interimspräsident Issa Hayatou die Auszeichnung überreichen, der zwar schon vor Jahren der Bestechung überführt wurde, aber immer noch gut genug ist für die große Bühne. Doch das ist alles halb so schlimm.

Alles, was am modernen Fußballgeschäft so scheußlich ist

Viel seltsamer ist die Annahme, im Mannschaftssport Fußball eine Auszeichnung an einen Einzelnen zu vergeben. In der Leichtathletik, Turnen oder Schwimmen funktioniert das, wo es vor allem auf die individuelle Leistung ankommt. Im Fußball lässt einen dieses Konzept ratlos zurück, vor allem in der Fußballmoderne, in der viele Trainer den Primat der Taktik und des Konzepts über die Kreativität der Spieler stellen.

So hat die Wahl also wenig Sinn, außer einen Starkult zu fördern, der in den vergangenen Jahrzehnten abwegige Züge angenommen hat. Nirgendwo ist das zu gut beobachten wie in dem Dokumentarfilm Ronaldo, der schon im November erschien, aber nur auf DVD statt wie geplant im Kino. Warum, ist nicht ganz klar, aber es lohnt sich diesen Film zu schauen, gerade jetzt, vor der Weltfußballerwahl, zeigt er doch die einsame Welt eines Weltfußballers. Eigentlich zeigt er alles, was am modernen Fußballgeschäft so scheußlich ist: Egoismus, schmierige Berater, hysterische Fans, Selfies in Privatjets und eine große Leere.

Im Mittelpunkt des Films steht der Weltfußballer-Titel. Ronaldo ist besessen von dieser Auszeichnung, vor allem, weil Lionel Messi viermal hintereinander gewann. Es wird auch in diesem Jahr wieder Ronaldo oder Messi werden. Seit 2008 kann man eine Münze werfen, Kopf oder Zahl, Ronaldo oder Messi, mal ist der eine besser drauf, mal der andere, aber irgendwann wird es langweilig, weil eben nur Kopf oder Zahl herauskommt und die Münze nicht auf der Kante (Thomas Müller!) zu liegen kommt. "Ich muss mehr Goldene Bälle gewinnen", sagt aber der Filmronaldo. Dafür braucht er möglichst viele Tore, weshalb Ronaldo auch immer den Ball haben will und es so aussieht, als spiele er in Wahrheit für sich selbst.

Wie eine Karikatur seiner selbst

Um einen solchen Preis zu gewinnen, braucht es Titel. Die Filmemacher begleiteten den Portugiesen über 14 Monate, auch während des Champions-League-Finals 2014, Real Madrid gegen Atletico Madrid, das Ronaldo gerne zu seinem Spiel gemacht hätte. Doch Ronaldo war kaum zu sehen. Spieler des Spiels war Sergio Ramos, ein Abwehrspieler, ein Kämpfer und Mitreißer, einer, der alles dem Erfolg der Mannschaft unterordnet und der mit seinem Kopfballtor in der Nachspielzeit Real in die Verlängerung rettete, ein Anti-Ronaldo. Die Verlängerung gewann Real 4:1, Ronaldo machte auch noch ein Tor, das letzte, das unwichtigste des Abends, in der letzten Minute der Verlängerung, als Atletico nur noch in die Kabine wollte, ein Elfmeter. Als Ronaldo traf, zog er sein Trikot vom Leib und jubelte, als hätte er das Spiel entschieden.

Bejubelt hat das Ganze auch Ronaldos Berater, Jorge Mendes, der mächtigste Spieleragent der Welt, den einige gar für den mächtigsten Mann des Fußballs halten. Wie die Karikatur seiner selbst schreitet er rolextragend und dauertelefonierend durch den Film. "Okay, my friend, see you tomorrow. Bye. Bye. Bye. Bye." Mendes, ehemaliger Besitzer einer Videothek, hat die Angewohnheit, alles mindestens viermal zu sagen.

In einer ausgesprochen unangenehmen Szene hält Mendes während eines Festessens eine Rede auf seinen Schützling. "Ich bin jeden Tag von ihm besessen, aber er verdient es ... Ich kämpfe jeden Tag für dich. Ich bin stolz, dass ich jeden Tag für dich kämpfen kann. Davon bin ich überzeugt. Du verdienst es. Du bist viel mehr, als ich je für dich tun könnte ... Du bist der beste Sportler der Welt. Ich bin stolz, neben so einem Mann zu stehen, weil das wirklich so beeindruckend ist", sagt er da und selbst dem Narziss Ronaldo ist so viel Honig um den Mund ganz offensichtlich zu klebrig.

"Die meiste Zeit bin ich alleine"

Ohne Mendes aber, so scheint es, wäre Ronaldo ziemlich einsam. "Im Fußball habe ich nicht viele Freunde. Personen, denen ich vertraue? Nicht viele. Die meiste Zeit bin ich alleine", sagt er. Gäbe es seinen Sohn nicht, Cristiano Jr, würde Ronaldos großes Haus noch verwaister wirken. So aber darf der Vater durchaus rührend seinen Sohn ins Bett bringen, ihm einen Eiweißshake zurechtrühren, damit er mal so stark wird wie Papa und über den Plan des Sprosses schnauben, Torwart zu werden ("Machst du Witze?"). Eine Frau ist nicht im Haus, Ronaldo hat es geschafft, der Öffentlichkeit vorzuenthalten, wer die Mutter des Kindes ist. So bringt er seinen Sohn auch zur Schule und holt ihn wieder ab. Als sie eines Tages nach Hause kommen, stehen sie vor ihrer gigantischen Garage und der große Cristiano fragt den Kleinen: "Welches Auto fehlt?" – "Der Rover?" – "Nein."  – "Der Porsche?" – "Nein, schau genau hin." – "Der Lamborghini!" – "Richtig. Der ist zum Reifenwechseln."