Natürlich muss eine Ode an diesen Sport mit einer Geschichte beginnen, die viel zu gut ist, um sie für sich zu behalten, auch wenn sie seit 1908 hier und da sicher schon einmal erzählt wurde. Bis damals galt Darts nämlich als Glücksspiel, was dem Inhaber des Adelphi Pubs in Leeds missfiel. Wetten auf Glücksspiele waren leider verboten und ein englischer Pub ohne anständige Wettgelegenheiten war kein englischer Pub. Der Inhaber wurde verklagt, doch während der Verhandlung ließ er im Gerichtssaal listig eine Scheibe aufhängen und seinen Kumpel William "Bigfoot" Anakin drei Pfeile in das Feld mit der 20 werfen. Nun forderte er den Gerichtsdiener auf, es Bigfoot gleichzutun, der allerdings zwei seiner Pfeile neben die Scheibe setzte. Bigfoot traf daraufhin noch dreimal in das doppelte Zwanzigerfeld und die Sache war für den Richter erledigt. Wenn Darts ein Glücksspiel ist, ist Gewichtheben es auch.

Dies also für alle Skeptiker des professionellen Pfeilewerfens, die sich zudem gewahr sein müssen, dass sie immer weniger werden. In England boomt Darts schon seit Jahren. Das muss nicht viel bedeuten, schließlich mögen Engländer auch Minzsauce oder Jürgen Klopp. Doch das Schmeißen auf Sisalfasern sehen auch im deutschen Spartensender Sport1 jedes Jahr mehr Zuschauer. Wo sonst der Fußballstammtisch das Phrasenschwein mästet (wie ZEIT-ONLINE-Redakteure ab und an auch) oder Die PS Profis ihre Karossen liebkosen, fliegen nun Pfeile durch die Luft. Das ist recht praktisch, weil, wem das alles zu aufregend ist, einfach dranbleiben und auf dem gleichen Kanal sein Mütchen mit den Sexy Sport Clips kühlen kann, der Einschlafhilfe der Vor-Youporn-Generation.

Größtmögliche Unterkomplexität

Wer genau die Darts-Con­nais­seure sind, lässt sich anhand der Werbeblöcke erahnen, die in den Spielpausen laufen. Es dominieren Parship, Elitepartner, Edarling, Funflirt, C-Date. Die Zielgruppe sind anscheinend Menschen, die wissen, dass Amors Pfeil oft weniger genau trifft als der von Phil Taylor. Ein gewisser pubertärer Ruf hat den Sport so groß und beliebt gemacht. Gegen die Heiterkeit im Alexandra Palace von London, wo die WM alljährlich stattfindet, ist der Ballermann ein Blockflötenkonzert. Die WM erinnert an einen gewaltigen Junggesellenabschied, bei dem als Schlümpfe verkleidete Jungs aus Middlesborough und Paderborn in den Bierkrug kotzen. Notfalls auch in den gleichen.

Dieses Getöse aber hat der Sport nicht nötig. Es lenkt eigentlich nur ab. Darts hat nämlich alles, was es braucht: nicht viel. Das Wichtigste ist die größtmögliche Unterkomplexität. Ein Fußball und zwei Tore oder einfach nur so schnell rennen, wie es geht – je schlichter Sportarten konstruiert sind, desto verfänglicher sind sie. Darts glänzt durch maximale Klarheit. Ein Pfeil, ein Brett, Augen und Nerven. Mehr braucht es nicht. Kaum ein Sport, der so schlicht ist und zugleich so unvorhersehbar, spannend, oft sogar atemberaubend.

Unterteilt in Legs, Sets und Matches werden manche Partien zu epischen Schlachten, wie man sie höchstens noch von einem Fünf-Satz-Tennis-Match kennt. Mal führt der, mal der andere, mal kann der eine gewinnen, was aber misslingt, weil er das entscheidende Feld um einen Millimeter verfehlt, was dem anderen jetzt die Chance gibt, zu siegen, aber nur, wenn die Hand ruhig bleibt, weil vor der Bühne ja die Hottentotten johlen.

Weit weg von den Sünden des Spitzensports

Immer passiert etwas, es gibt kein Abseits, keinen Einwurf, keinen zweiten Aufschlag, nie kommt das Safety Car. Stattdessen geht es durchschnittlich alle 90 Sekunden um etwas, um ein Leg, Set oder Match. Mehr Mann gegen Mann ist unmöglich. Darts ist wie ewiges Elfmeterschießen. Verwunderlich nur, dass die Engländer so gut darin sind. 

So ist Darts vielleicht der letzte wahre Sport. Mitfiebern setzt ja die Möglichkeit des Sicheinfühlens voraus. Und während die Skispringer, Bobfahrer oder Modernen Fünfkämpfer dieser Welt zwar Wagemutiges leisten, ihr Tagwerk aber doch irgendwie fremd bleibt, hat jeder schon mal ein paar Pfeile geworfen. Ja, erst wer wie Onkel Bernd die Raufasertapete im Hobbyraum perforiert hat, weiß, welche Leistung dahinter steckt, genau jenes Feld dieser vermaledeiten Scheibe zu treffen, das man auch treffen wollte.

Wir naive Sportromantiker können zudem notieren: Das Spiel kann kaum weiter weg sein von den Sünden des Spitzensports, dem Simulieren und Tricksen, dem Betrügen und Motzen. Fairplay ist ein Selbstläufer, weil es keine Fouls gibt. Über den Schiedsrichter braucht nicht lamentiert werden, weil das Feld, in dem der Pfeil steckt, unbestechlich ist. Gedopt wird auch nicht, zumindest nicht im strengeren Sinne. Selbst die Biere und Schnäpse, die bis vor ein paar Jahren vor dem Werfen noch Usus zu sein schienen, sind wohl Vergangenheit. Phil Taylor arbeitet derzeit, kein Scherz, mit einem Fruchtsaftberater zusammen.