Eine Turnhalle wird zu einer Notunterkunft umfunktioniert. © Caroline Seidel/picture alliance/dpa

Natürlich kamen auch die Kameraden der NPD. Die Sporthallen sind mittlerweile ja auch ihr Thema. Hier in Karow, am Nordrand Berlins, begrüßten die Rechten ankommende Flüchtlinge mit dem Banner "Einmal Deutschland und zurück". Während die Sportler der Karower Dachse Rhönräder und Medizinbälle aus ihrer Halle trugen, die gerade zur Notunterkunft geworden war, riefen die NPDler ihnen zu: "Lasst euch nicht vertreiben!" und blockierten den Weg. Erst als die Polizei die Sportler eskortierte, konnten sie Hanteln und Trampoline nach draußen bringen. Es war ein Dienstagabend im November und Kirsten Ulrich machte sich Sorgen.

Wegen der Nazis, die später Fotos von ihr und den anderen Helfern auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichten, wie sie erzählt. Vor allem aber wegen der ungewissen Zukunft ihres Vereins. "240 Mitglieder haben uns seitdem verlassen, wir rechnen mit 300 weiteren", sagt Ulrich, ehrenamtliche Vorsitzende der Karower Dachse. 1.500 Mitglieder hatte der Verein bislang, mit ihren Beiträgen konnten zwei Festangestellte und zwei Halbtagskräfte das Vereinsleben organisieren. Das steht nun auf dem Spiel.

Überprüfung der eigenen Toleranz

Es ist ein Dilemma, in dem die Sportvereine stecken. In der Diskussion um ihre belegten Turnhallen werden wie unter einem Brennglas die Probleme der Flüchtlingskrise deutlich. Politik, die weit weg scheint, trifft auf tausendfach gelebten Alltag. Wenn der Sportunterricht der Kinder oder der liebgewonnene Fitnesskurs ausfällt, wird es plötzlich konkret, wird die eigene Toleranz überprüft: Ist es egoistisch, auf seine Aerobic zu pochen, während andere Menschen dieses Dach über dem Kopf brauchen? Wo verläuft die Grenze zwischen Eigensinn und Hilfsbereitschaft?

In einem leeren Drogeriemarkt schaut Kirsten Ulrich zu, wie zwei Trainer Hanteln und Matten für das Zirkeltraining zurechtlegen. Das hier ist eines ihrer neuen Sportzentren. Das Licht scheint aus kalten, langen Neonröhren. Die Schaufenster sind abgeklebt. Duschen gibt es keine, immerhin eine Toilette. Der Boden ist supermarktgrau gefliest, mittendrin stützen drei Säulen die Decke. In einer Ecke stapeln sich Hanteln, Bobbycars, Trampoline, Bälle und Matten wie in einem unsortierten Sportkaufhaus. Der Raum ist so groß wie ein halbes Tennisfeld. Zehn Meter Notlösung.

In der alten Halle kamen immer etwa 20 Sportler, heute sind es drei. Im Stockwerk darüber ist ein Nagelstudio, noch eines höher beginnen die Wohnungen. Optimisten würden sagen, der Sport ist näher an die Menschen gerückt, Realisten beschweren sich über den Lärm der Sportler. "Kann ich verstehen", sagt Ulrich, "wir können ja nicht leise sein und unter der Woche enden die Kurse auch erst um halb zehn". Sie ist heiser. Vor drei Tagen hat sie ihren Yoga-Kurs hier gegeben und war nicht warm genug angezogen. Das passt zu ihrer Stimmung. Ihr Blick wandert auf die Überwachungskameras, die noch rumhängen, wie Zeugen einer spannenden Zeit.

Umwandlung ist ein Eigentor

Sportvereine sind für Migranten und Ausländer die am häufigsten genutzte Form des sozialen Engagements. Das ist das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Oft schafft es der Sport, aus Fremden Freunde zu machen. Sport ist einer der besten Integrationshelfer. Ohne Sporthallen aber kann der Sport diese Funktion kaum noch erfüllen. In einem gewissen Sinne ist die zwangsweise Umwandlung von Turnhallen in Flüchtlingsunterkünfte ein Eigentor. Und sorgt für Frust bei denen, die eigentlich helfen könnten.

"Die Stimmung bei uns kippt", sagt Kirsten Ulrich. Sie will es nicht, stemmt sich bei Vereinstreffen immer wieder dagegen, aber sie spürt es. Eigentlich sind die Karower Dachse ein Verein, der seit Jahren für integrativen Sport bekannt ist. Auch in diesen Wochen bieten sie Flüchtlingssport an, "wir sind schließlich eine Solidargemeinschaft". Doch die Miete für die Drogerie kostet 2.000 Euro im Monat, zusammen mit den fehlenden Mitgliederbeiträgen muss sie mit 2.500 Euro weniger pro Monat auskommen. Die neuen Geräte für die Übergangszeit kosteten 3.000 Euro. Und die Drogerie soll Ende Februar eine Kita werden. Dann wandern ihre Geräte weiter.

"Wir können unseren Mitgliedern gegenüber im Moment keine festen Aussagen für die Zukunft geben", sagt Ulrich. Um ein Zeichen zu setzen, haben die Dachse ihr Sportangebot ausgeweitet. Wer bis Ende Januar in den Verein eintritt, bekommt eine kostenlose Ernährungsberatung dazu. An elf Orten in der Umgebung geht es weiter, die Zirkusschule probt nun in einem wohnzimmergroßen Raum der Grundschule, eine andere Gruppe trainiert im Speisesaal.

Kirsten Ulrich von den Karower Dachsen © Fabian Scheler

Als ihre Halle beschlagnahmt wurde, hieß es, sie würden sie am 31. März zurückbekommen. Mittlerweile erwarten sie die Rückkehr in der zweiten Jahreshälfte 2017. Wenn die Geflüchteten wieder ausziehen, muss die Halle erst saniert werden. 200 Menschen, über mehrere Monate eingepfercht, hinterlassen keine intakte Sporthalle. Nur ein paar Kilometer weiter steht ein leeres Altersheim. Zweimal hätten sich Lageso-Mitarbeiter das Heim angeschaut, "danach hat sich niemand mehr gekümmert", sagt Ulrich.

Derzeit etwa 1.000 Hallen belegt

Lageso: ein Synonym für hilflos. Die zentrale Registrierungsstelle in Berlin-Moabit legte in den vergangenen Monaten alle Probleme dieser Zeit auf einmal offen. Eine Verwaltung, die völlig überfordert mit den deutlich über den Schätzungen liegenden Zahlen ist, und ehrenamtliche Helfer und Geflüchtete an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Wenn es schnell gehen musste, gab es in Berlin fast immer den gleichen Ausweg: Die Flüchtlinge wurden in Busse gesetzt und zu Sporthallen gefahren. Das ist der Vorwurf der Sportler: Es werde, wenn überhaupt, nicht ernsthaft genug nach Alternativen gesucht. Sporthallen als einfachste Lösung. Anfang November waren etwas mehr als 2.000 Flüchtlinge in Hallen untergebracht, Anfang Januar waren es schon mehr als 10.000. Damals waren noch zehn Hallen beschlagnahmt, mittlerweile sind es 53. Der Deutsche Olympische Sportbund schätzt, dass in ganz Deutschland derzeit 1.000 Hallen belegt sind.

In den großen Städten regt sich mittlerweile Widerstand. Mehrere Petitionen laufen und der Landessportbund (LSB) fordert den Senat auf, keine Hallen mehr zu beschlagnahmen. Berliner Bezirksbürgermeister halten Hallen zurück, obwohl der Senat sie verlangt. 15 weitere Hallen stehen auf seiner Wunschliste. Und niemand in Berlin traut sich, konkrete Wiedereröffnungstermine zu nennen. In anderen Städten wie in Regensburg verspricht die Stadt, die Hallen bis Februar wieder zu räumen.

"Die Lageso-Leute kamen wie Geheimagenten"

Beim SV Pfefferwerk © Fabian Scheler

Jörg Zwirn ist der Vorsitzende des SV Pfefferwerk, der Berliner Verein, der gemeinsam mit den Karower Dachsen am stärksten von der Hallenproblematik betroffen ist. Er sitzt in seinem Büro mit Blick auf das Velodrom, 20 Festangestellte wuseln durch die Zimmer. Der SV Pfefferwerk ist der größte Kindersportverein Berlins, der für fast 5.000 Mitglieder inklusiven Sport anbietet. Der Landessportbund erwähnt die Pfeffersportler als den Verein mit den meisten Angeboten für Geflüchtete.

"Der Stil, mit dem das Lageso ohne Vorankündigung und Absprache mit den Bezirken die Hallen beschlagnahmt, hat mit demokratischer Kultur nichts mehr zu tun", sagt Zwirn. Bei einer Halle kam zwei Stunden vor der Beschlagnahmung ein Anruf vom Lageso, bei der zweiten wurde den Rollstuhl-Basketballern zum Trainingsende noch in der Halle mitgeteilt, das hier nun Flüchtlinge einziehen werden. "Die Lageso-Leute kamen wie Geheimagenten", sagt Zwirn. Man kann sich die Männer im Anzug gut vorstellen: Hallo, Paragraf 16, diese Halle ist beschlagnahmt. Abpfiff für den Sport.

"Was soll ich dazu noch sagen?"

Es gibt einen Brief der zuständigen Staatsekretäre von Anfang November. Darin aufgeführt sind Kriterien, die eine Hallenbeschlagnahmung ausschließen sollen. Ist der Leistungssport betroffen oder liegt eine Halle direkt auf einem Schulgelände, sind sie tabu. Behindertensport folgt gleich danach als hartes Kriterium. Pfeffersport hat jetzt zwei große Hallen weniger, beide wurden intensiv von Rollstuhlfahren genutzt. "Was soll ich dazu noch sagen?", fragt Zwirn.

Die Rollstühle liegen nun in Garagen und Transportern. Im Gegensatz zu den Dachsen gibt es aber bislang kaum Vereinsaustritte. Auch weil Pfeffersport schnell für Ersatz sorgen konnte. Zwirn und die Festangestellten arbeiten mehr und länger als zuvor: "Eine Weile können wir das überleben, aber wie lange?" Zwirn stört, dass die Behörden nie das Gespräch gesucht haben.

Ulrich und Zwirn haben viele Idee, wie man sinnvoll weitermachen könnte. Weil die Vorschläge aber vom Bezirkssportbund einen weiten Weg durch ein verkrustetes und weit verzweigtes System aus Ämtern, Funktionären und Zuständigkeiten wandern müssen, bleibt am Ende fast immer nur: Kopfschütteln.

Er und sein Verein müssen so eben pragmatische Lösungen entwickeln. Im Velodrom haben sie Ersatzräume für die Rollstuhlgruppe gefunden. Gehandicapte Kinder, Kinder ohne Behinderung und drei Flüchtlinge aus einer Unterkunft in der Nähe jagen in Rollstühlen durch die Halle. Ein Betreuer hatte sie vorher abgeholt. Die Rollstuhlgruppe brauchte eine neue Halle und der Flüchtlingssport sollte auch weitergehen. Warum sollten also nicht alle zusammen Sport machen? "Ist doch super spannend", sagt Zwirn, als er die Gruppe beobachtet. Vier Übungsleiter rollen zusammen mit den 14 Kindern durch die Halle. Paragraf 16, das Lageso und die NPD sind gerade ganz weit weg.

In der Unterkunft der drei Flüchtlingskinder hat einer der Vereinsvorstände einen Sportraum hergerichtet, der eigentlich nur für Flüchtlinge gedacht war. Weil es momentan keine anderen freien Räume zum Sportmachen gibt, treffen sich dort bald Kinder aus dem Prenzlauer Berg. Und Flüchtlinge.