Dagur Sigurðsson hat zuletzt ein paar wirklich nette Bilder produziert. Eines zeigt den Handball-Bundestrainer beim Freudentanz mit Torhüter Carsten Lichtlein an der Seitenlinie. Das war nach dem Sieg gegen Russland in der Hauptrunde der EM in Polen, der den Deutschen für Mittwoch ein Endspiel um den Halbfinal-Einzug gegen Dänemark (live ab 18.15 Uhr, ARD) beschert hat. Der isländische Vulkan explodiert, schrieben die Boulevard-Zeitungen des Landes, endlich lässt er mal Gefühle raus, dieser sonst so besonnene und konzentrierte Mann.

Ein anderes Motiv zeigt den Isländer nach der Schlusssirene inmitten einer Jubeltraube aus hochrangigen Funktionären, DHB-Präsident, Liga-Präsident, DHB-Vize, es ist ein Bild der neuen Geschlossenheit im mitgliederstärksten Handball-Verband der Welt, vergessen der Knatsch von gestern und vorgestern. Solche Emotionen lassen sich nicht künstlich vortäuschen oder spielen.

Wie aus dem Phrasenlehrbuch, aber es stimmt

In Erinnerung ist aber vor allem eine Situation geblieben. Das deutsche Team hatte gerade Schweden niedergekämpft, bei einer Niederlage wäre das Turnier vorzeitig vorbei gewesen, als Sigurðsson vor die Fernsehkameras trat, Schweißperlen auf der Stirn, und die grandiose Aufholjagd seiner Auswahl in Worte packen sollte. Er hätte in diesem Augenblick des Triumphs alles sagen, sich womöglich in Eigenregie zum neuen DHB-Präsidenten ernennen können, es hätte niemand widersprochen. Und was machte der Bundestrainer? Lobte seine Co-Trainer Alexander Haase und Axel Kromer für ihren gewinnbringenden wie mutigen Vorschlag, in der Halbzeit die Abwehr umzustellen. "Das war nicht meine Idee, das war ihre!" Am Morgen danach sagte er: "Ich würde niemals behaupten, die Mannschaft hätte meinen Masterplan oder Matchplan umgesetzt."

Die Szenen verdeutlichen das Erfolgsgeheimnis der deutschen Delegation bei der EM in Polen, die sich zuallererst als eingeschworenes Kollektiv versteht, vom großen Chef über die Co-Trainer und die Mannschaft bis zum Teamarzt und den Betreuern. In seinen nunmehr knapp eineinhalb Jahren als Bundestrainer hat Sigurðsson seinen Spielern ein Mantra eingebläut, das diese nicht nur brav wiederholen, sondern nach dem sie auch handeln: Niemand ist wichtiger als die Mannschaft! Das mag wie aus dem Phrasenlehrbuch klingen, entspricht aber in jeder Hinsicht den Eindrücken, die das Team in fünf Spielen in Wrocław (Breslau) hinterlassen hat.

Ganz nebenbei Spezialisten entdeckt

Sigurðsson hat für das Turnier in Polen eine junge Auswahl berufen, Altersdurchschnitt: knapp unter 25 Jahre, und dieser von Beginn an bedingungslos vertraut. Selbst nach den verletzungsbedingten Ausfällen der Stammspieler Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek und Paul Drux hat der 42-Jährige nicht mit dem Schicksal gehadert oder Ausreden gesucht. Er hat stattdessen jene gestärkt, die im Kader standen, hat ihnen klar definierte Rollen zugewiesen und jedem Einsatzzeiten gewährt. Ganz nebenbei hat er dabei neue Spezialisten entdeckt, Andreas Wolff etwa, den jungen und hochveranlagten Torhüter aus Wetzlar, für den Silvio Heinevetter zu Hause in Deutschland bleiben musste. Oder Finn Lemke, den Abwehrturm mit einer Körpergröße von 2,10 Metern und Händen so groß wie Bratpfannen. Oder Rune Dahmke, den letzten gesunden Linksaußen von Format, der so frech und unbekümmert spielt, als hätte er schon ein paar große Turniere in den Knochen. Oder, oder, oder.

"Die Ergebnisse bei diesem Turnier sind in erster Linie dem Mut des Bundestrainers zu verdanken, junge Leute einzusetzen und zu fördern", sagt Bob Hanning, der für den Bereich Leistungssport verantwortliche DHB-Vizepräsident. "Sie sind aber auch ein Erfolg der Landesverbände und der Bundesligisten, die die ersten Schritte in der Entwicklung der Talente gemacht haben." Nach entbehrungsreichen Jahren inklusive erstmalig verpasster Olympia-Qualifikation im Jahr 2012 hat ganz offensichtlich ein Umdenken im deutschen Handball stattgefunden, durchaus vergleichbar mit den Strukturreformen beim Deutschen Fußball-Bund nach der desaströsen EM 2004.