Alfred Gislason war sauer, und zwar so richtig. Nun kommt das beim erfolgsbesessenen Handball-Trainer des THW Kiel häufiger mal vor, an diesem Abend kurz vor Weihnachten bestand aber gar kein Grund dazu. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Dank eines 31:20-Sieges im Bundesliga-Spitzenspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen hatten die Kieler die Meisterschaftsfrage überhaupt erst wieder spannend gemacht, die Halle tobte. Gislason war gedanklich trotzdem ganz woanders: bei all den Verletzten, die das Duell gefordert hatte. Die Sache beschäftigte den Isländer noch Tage danach, so schimpfte er in einem Interview mit den "Kieler Nachrichten": "Da spielt der Erste der Liga gegen den Zweiten, und links und rechts kippen die Spieler verletzt um, weil die Belastung bei uns doppelt oder dreimal so hoch ist wie bei anderen."

Und die Debatte war eröffnet. Mal wieder.

Seit Jahren muss sich der Profi-Handball den Vorwurf gefallen lassen, seine Spieler zu verschleißen. Wer sich mit Bundesliga-Spielern unterhält, hört immer wieder ein Wort: Überbelastung. Der THW Kiel etwa hat in dieser Saison 35 Pflichtspiele bestritten, jetzt entsendet der Klub einen Großteil seines Kaders zur Europameisterschaft nach Polen (15. bis 31. Januar). Dort wird sich im Großen fortsetzen, was im Kleinen, also in der Bundesliga und im Europapokal, bereits zu sehen war: Viele Teilnehmer, vor allem die Spitzenmannschaften, beklagen lange Verletztenlisten. Dänemark. Spanien. Polen. Besonders heftig hat es die deutsche Nationalmannschaft erwischt. Aus der Stammformation, die Bundestrainer Dagur Sigurdsson vor einem Jahr bei der WM in Katar aufbot, sind vier Spieler verletzt und folgerichtig nur drei übrig. Im Spiel der Kieler gegen die Rhein-Neckar Löwen erwischte es Rechtsaußen Patrick Groetzki, der sich einen Wadenbeinbruch zuzog.

So gesehen hat sich Alfred Gislason einen taktisch klugen Zeitpunkt für seinen Vorstoß ausgesucht, so kurz vor einem großen Turnier, zumal im weitestgehend fußballfreien Januar, in dem Handball wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein wird und etwas für die eigene Quote tun kann. "Ich hoffe wirklich, dass wir irgendwann eine Lösung im Sinne der Spieler finden", sagt Gislason. In diesem Punkt besteht bei den Verantwortlichen der Bundesligisten auch grundsätzlich Einigkeit, bei der Frage nach konkreten Ansätzen gehen die Meinungen aber auseinander. Gislason wünscht sich zum Beispiel eine Aufstockung des Kaders für Bundesliga-Spiele von 14 auf 16 Spieler und hat mit dieser Ansicht unter anderem die Branchenführer aus Flensburg und Mannheim auf seiner Seite. Mehr Spieler, weniger Belastung, mehr Einsatzzeit für alle, also auch für deutsche Talente – so lauten die Argumente der Fraktion Gislason.

16er Kader, Doppel-Spieltage, Play-offs – das könnte helfen

Bisher haben die kleineren und finanzschwächeren Klubs allerdings genau diese Änderung zu verhindern gewusst. Sie fürchten um ihre Konkurrenzfähigkeit und darum, dass die Spitzenteams ihre luxuriösen Kader nur noch weiter mit internationalen Stars verstärken. Unter den Bundesligisten gibt es bei der Frage keine klaren Mehrheitsverhältnisse, die ebenfalls stimmberechtigten Vertreter der Zweitligisten haben bisher aber verlässlich dagegen votiert.

"Wir müssen über eine Reduzierung auf nationalem und internationalem Niveau nachdenken, aber auf einem anderen Weg", sagt Bob Hanning, der Manager der Füchse Berlin und Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Um den Reisestress zu reduzieren, schlägt Hanning zum Beispiel die Einführung sogenannter "Doppel-Spieltage" vor, wie sie im US-Sport üblich sind. Und Oliver Roggisch, der Team-Manager des DHB, hat erst vor ein paar Tagen wieder zwei alte Vorschläge aus der Schublade geholt: die Verkleinerung der Handball-Bundesliga, verbunden mit einer Revolution. Play-offs. Eine Idee, über die bereits in der Vergangenheit heftig gestritten wurde.

16er Kader, Doppel-Spieltage, Play-offs – all das dürfte auch bei der nächsten Zusammenkunft des Ligaverbands HBL wieder ein Thema sein. Die findet allerdings erst nach der Europameisterschaft statt, und damit richtet sich das Interesse zunächst auf das sportliche Kerngeschäft: das Turnier in Polen. Wer das Finale in Krakau erreichen will, muss übrigens acht Spiele absolvieren – in 16 Tagen.